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zieds1mazs.gif (257 bytes)  Jugenderinnerungen aus der Altstadt in Riga

Von Bernhard Hollander

45 Names: Asmuß, Babst, Berens, Berkholz, Boetticher, Bornhaupt, Brandenburg, Brederlo, Bulmerincq, Deubner, Drachenhauer, Fielitz, Grimm, Haberland, Haffelberg, Heede, Helmsing, Hill, Hillner, Höflinger, Hollander, Hübbenet, Kaul, King, Kopp, Kordes, Kriegsmann, Lange, Nöltingk, Nußbaum, Poelchau, Querfeldt, Rauch, Reinberg, Schilinzky, Sehring, Sengbusch, Sommer, Stieda, Stephany, Thoms, Trimde, Vogel, Wallis, Zimmermann.

 

1)
Das Haus, in dem ich am 11./23. Oktober 1856 das Licht der Welt erblickt habe, lag in meiner Vaterstadt Riga in der Altstadt Nr. 13 (jetzt Nr. 19). Diese Straße bildete damals mit ihren schmalen Zugängen und ihrem größeren freien Platz, in dessen Mitte sich ein Brunnen erhob, eine kleine Welt für sich, in der sich fast alle Bewohner kannten. Da wohnte z.B. neben uns im Kaulschen Hause - es ist das schöne, jetzt leider etwas verfallene, vom bekannten Baumeister Chr. Haberland erbaute Haus (Nr. 17), in dem eine Freimaurerloge gewesen sein soll - die Familie Asmuß.

Ihr Oberhaupt war der eifrige Mitarbeiter der Literärisch-praktischen Bürgerverbindung und langjährige Herausgeber der "Rigaschen Stadtblätter" Napoleon Asmuß. Er war fast gänzlich taub und fiel uns Kindern besonders durch sein großes Hörrohr, das er stets bei sich trug, auf. Er war ein treurer Freund unserer Familie und hat auch beim Tode meines Großvaters einen kurzen Abriß unserer Familiengeschichte in der Stadtblättern (1860 Nr.11) veröffentlicht. Den jungen Brautpaaren in unserer Familie pflegte er wohl besondere Exemplare der Stadtblätter darzubringen, in denen ihre Namen im Verzeichnis der Aufgebote mit schönen goldenen Lettern gedruckt waren. Er leitete einige Jahre eine Privatschule, die auch von meinem ältesten Bruder Henry besucht wurde. -

In dem nächsten Querfeldtschen Hause (Nr. 15) - jetzt gehören alle diese 3 Häuser den Erben des Altermanns Hermann Stieda, der auch ein Kind der Altstadt war - wohnte die Familie Lange. Herr Fritz Lange war ein Bruder vom Ratsherrn Woldemar Lange. Von den Söhnen waren Karl, später Kaufmann und Konsul in Riga, und Ludwig, später Assesor der Kriminaldeputation. Schulkamaraden von meinen Brüdern und mir. Mit dem letzteren, der mir auch in der Fraternitas Rigensis als Landsmann nahegestanden hat, bin ich bis zu seinem Tode (1923) befreundet gewesen. Die Töchter haben alle angesehene Männer in Riga geheiratet: Emmeline war mit dem Altesten Alexander Stieda, Ella mit dem wirkl. Staatsrat E.Stieda, Ida mit dem Rechtsanwalt Daniel Zimmermann vermählt. Ich habe in der Langeschen Familie viele angenehme Stunden in gemütlichem Verkehr verbracht, und meine Jugenderinnerungen führen mich immer wieder in jenes Haus zurück.

Der König und Beherrscher unserer Altstadt war aber - so erschien es mir als Knaben wenigstens - der reiche Flachshändler Fielitz, der in dem kleinen Eckhause uns schräg gegenüber wohnte und mit seinen beiden Söhnen den ganzen Betrieb des Flachshandels, der sich vor den Speichern abspielte, leitete. Von allen den Familien, die damals in der Altstadt wohnten, sind nur noch wenige Vertreter in Riga vorhanden, aber lebhaft sehe ich alle die Gestalten, die dort umherwandelten, vor meinen Augen, und wenn ich einmal wieder den Boden der Altstadt betrete, so erwachen sie zu neuem Leben und ich fühle mich trotz mancher äußeren Veränderung, die die Zeit herbeigeführt hat, dort doch so heimisch, wie sonst nirgends. Kam es mir doch als kleinem Knaben so vor, als wenn ich unser eigenes Reich betrat, sobald ich von der Weberstraße in die Altstadt einbog. Doch schon dort in der Weberstraße waren einige Häuser, die mein besonderes Interesse erregten. Da war zunächst an der Ecke das kleine hübsche Haus der Reichsbank, der ersten öffentlichen Bank in Riga, in dem später die Bibelgesellschaft ihre Niederlage einrichtete. Mehr als das Haus selbst interessierte mich damals allerdings der militärische Wachtposten, der neben einem Schilderhaus auf dem schmalen Bürgersteig den Eingang behütete. Ich hegte ein gewisses Mißtrauen gegen ihn und hatte das unbestimmte Gefühl, daß der gewiß harmlose Soldat doch mit seinem Gewehr uns Kindern gefährlich werden könnte. - Gegenüber dem Eingang zur Altstadt lag das Bulmerincqsche Haus, das meines Wissens nur von dem Besitzer, dem alten Millionär, Altesten der Großen Gilde Eberhard Michael von Bulmerincq 2), und seiner Familie bewohnt war. Es gab damals wohl nur zwei Millionäre in Riga: Brandenburg, dem das jetzige Stadthaus an der Königstraße gehörte und der ein für jene Zeit, glänzendes Haus machte, und Bulmerincq, der, soviel mir bekannt ist, still und zurückgezogen lebte. Nur selten öffneten sich die Tore des Hauses, aber am Nachmittage stand meist die stattliche Kutsche, an der mir besonders der eigenartige, mit schönem, gestickten Tuche ausstaffierte Kutscherbock gefiel, vor der Türe, um das Ehepaar zu einer Spazierfahrt abzuholen. Man lebte damals vielleicht regelmäßiger als heute und kannte daher die Gewohnheiten seiner Mitbürger viel besser als jetzt. Um dieselbe Nachmittagsstunde stand z. B. vor der Apotheke des alten originellen Herrn Vogel in der Kalkstraße stets sein gesatteltes Reitpferd, ohne daß ein dasselbe behütender dienstbarer Geist zu bemerken war, worauf dann der alte Herr auf diesem lammfrommen Tier seinen Sanitätsritt um die Esplanade machte. Zum Bulmerincqschen Hause hatten wir nur Beziehungen durch eine Tante Karline - der Name ist englisch anzusprechen, eine andere Aussprache hätte sie sehr übel genommen - King, die einmal wöchentlich dort zu Besuch war und dann feierlich durch einen Diener, der eine schöne Hauslaterne mit 2 Lichten ihr vorantrug, heimgeleitet wurde. Das geschah auch noch, als Riga schon eine ganz gute Straßenbeleuchtung hatte. Im Sommer lebte Tante Karline gewönlich ganz beim ihren alten Freunden auf dem Höfchen in Sassenhof, das jetzt den Erben von Gustav von Sengbusch gehört. Da wir ganz in der Nähe ein kleines Häuschen zum Sommeraufenthalt hatten, wurden wir Kinder wohl gelegentlich beim Vorüvergehen von Bulmerincqs freundlich mit Apfeln traktiert. so daß ich ihnen eine durchaus gute Erinnerung bewahrt habe. Diesem Landaufenthalte ist es wohl zum Teil zu verdanken, daß Bulmerincq, der mehrere wohltätige Stiftungen gemacht hat, der Martinskirche ein besonderes Interesse zuwandte. Er gab namhafte Summen her zur Erbauung des Pastorats und zum Unterhalt des Gemeindepastors.

Neben dem Bulmerincqschen Hause in der Weberstraße lag das große Sommersche Haus, in dem hoch oben mein Großvater, Ratsherr Christoph Hollander, im Jahre 1860 gestorben war. Meine Großmutter und ihre Tochter Elise hatten die Wohnung behalten und sammelten an jedem Sonnabend die nächsten Angehörigen zu einem gemütlichen Teeabend um sich. Wir Knaben aber wurden, da wir nicht so lange aufbleiben durften, zum Mittagessen eingeladen. Im großelterlichen Hause gab es mancherlei zu sehen was unser Interesse erregte. Von den reichen Kunstschätzen meines Urgroßvaters Johann Samuel Hollander, die nach seinem Tode zum größten teil nach Moskau verkauft worden waren 3), war doch ein Teil in den Besitz seiner Söhne übergegangen. Uns Knaben interessierten besonders ein Paar Terrakottengruppen: Merkur belehrt den kleinen Amor und Mama Venus treibt ihm diese ihr offenbar mißfälligen Lehren mit der Rute wieder aus. Weniger Aufmerksamkeit schenkten wir den vielen ælgemälden in Saal, die später meist in die städtische Gemäldegalerie gelangt sind. Nur eines von diesen Bildern, das in meinem Besitz ist: eine gute Kopie von Angelika Kaufmanns Vestalin, erinnert mich noch an jene alten Zeiten. In den Wandschränken und Schiebladen hatte Tante Elise, die in rührender Gutmütigkeit volles Verständnis für unser jugendliches, oft ausgelassenes Treiben hatte, immer allerleischöne Spielsachen für uns bereit: da waren prächtige, altmodische Bilderbücher, wohl noch aus dem 18. Jahrhundert, und namentlich ein Guckkasten mit bunten Städtebildern bei Tag- und Nachtbeleuchtung, der noch jetzt bei mir die Kinder der Familie erfreut. Zu den weniger angenehmen Kindheitserinnerungen gehört es, daß wir mitunter in der Morgenstunde bei der Großmutter zu erscheinen hatten, um uns von ihr die Haare schneiden zu lassen. Sie war dabei sehr genau und pedantisch, und wir mußten uns ganz still verhalten. Warum man die alte Dame damit belästigte, da es sich doch nur um eine Ersparnis von ca. 15 Kopeken handelte, ist mir nie ganz klar geworden.

Gegenüber dem Hause der Großmutter lag die Materialwarenhandlung von Sehring, aus der wir auch unsere Waren zu beziehen pflegten. Die Söhne des Kaufmanns waren unsere Schulkameraden und betätigten sich, was mir besonders interessant war, in ihren Freistunden auch eifrig im Laden. Zu den Geburtstagen der Söhne erhielten wir meist Einladungen in das Sehringsche Haus, wo wir sehr fröhlich spielten. Am meisten imponierte mir aber die Bewirtung, bei der allerlei herrliche Schätze der Bude aufgetischt wurden, die wir im eigenen Hause nur selten zu Gesicht bekamen. Die Sehringsche Handlung existiert nicht mehr. Ein Sohn, der auch in Dorpat mein Kommilitone war, starb jung (1886). Ob die Familie, die mit dem Kanzleidirektor des Generalgouverneurs G. v. Schilinzky verwandt war, noch existiert, weiß ich nicht. Erwähnen will ich noch, daß wir Kinder bei einem jedesmaligen Ausgehen, der uns aus dem Bereich unserer friedlichen Altstadt und der Weberstraße hinausführen sollte, vor der gefährlichen "Hillschen Ecke" gewarnt wurden. Das Hillsche Haus, das jetzt ganz umgebaut ist, war das Haus an der Ecke, bei der die Weber-, Marstall-, Sünder- und Scharrenstraße zusammenstoßen. Es sprang damals viel mehr als jetzt zur Ecke hin vor, und für ein Kind bedurfte es allerdings einiger Vorsicht, um dort bei starkem Wagenverkehr ungefährdet über die Straße zu gelangen. eine zweite Warnung betraf häufig den "Petri-Friedhof", den wir vermeiden sollten, weil es dort "zog". Trotzdem wanderten wir gern dorthin, einerseits weil wir eine große Sympathie für den stillen Winkel hinter der Kirche hegten, andererseits weil wir dann wieder Veranlassung hatten, den alten rigaschen Spruch zu rezitieren: Auf dem Petrifriedhof in der Petrikirche predigt Pastor Peter Poelchau.

In der Altstadt selbst war die eine Seite der Straße, wie noch heute, fast ganz von Speichern eingenommen, aber während heutigen Tages, soweit mir bekannt, dort nur in sehr prosaischer Weise Waren abgestellt und wieder fortgeholt werden, gaben sie damals Veranlassung zu dem buntesten un anregendsten Leben und Treiben, dem ich als Knabe vom Fenster unserer Wohnung aus oft stundenlang. ohne in meinem Interesse zu erlahmen, zugeschaut habe. Noch jetzt stehen mir die Gestalten so mancher dort wirkender Kaufleute, Wraker, Ligger etc. lebhaft vor Augen. Dieses war das Reich, in dem der Flachshändler Fielitz souverän herrschte. Flachs und Leinsaat wurden von hier aus zum Export fertiggestellt, und das waren in jenen Jahren die Haupthandelsartikel Rigas. Auf kleinen Bauerwagen oder -schlitten wurden die Waren meist herbeigeführt und entweder in den untern großen Räumen abgelagert oder an Stricken mit der Winde hinaufgezogen. Die Bauern wurden mitunter geleitet von den sogen. "Warenhändlern" - das waren junge, handfeste, stramme Leute, die den Bauern wersteweit von Riga aus entgegenfuhren und sie für ihr Haus zu gewinnen suchten. Dabei soll es zuweilen auch zu Handgemengen mit Konkurrenten gekommen sein. Mit dem Beginn der Navigation wurden die aufgespeicherten Schätze wieder fortgeführt. Am frühen Morgen wurden dann die Tore des Speichers geöffnet und vorn zur Straße hin ein herrlich polierter Tisch aufgestellt. Dann wurde eine Kette von jungen russischen Arbeiterinnen - man nannte sie stets Russinnen, mit dem Ton auf der 2. Silbe - gebildet, und nun flog in stundenlanger, ununterbrochener Reihenfolge ein Flachsbündel nach dem andern auf den Tisch und wurde vom alten Fielitz oder einem seiner Söhne mit einem Scharfen Messer angehalten, von allen Seiten besichtigt und dann nach einer bestimmten Richtung hindirigiert. Unterdessen hatten sich die Flachspacker auf dem Platze vor den Speichern eingerichtet. Sie breiteten schöne, feste Matten auf dem Pflaster aus, in die nun die vorhin aussortierten Flachsbündel eingepackt werden. Mit gewaltigen Nadeln und großen Schnüren, die die Packer wie einen Gürtel um die Hüften gewunden hatten, wurde der große viereckige Ballen zugenäht. Nachdem er dann auch noch mit mächtigen Stricken umwunden war, kam zuletzt der Ligger mit einem Doppelnapf mit roter und schwarzer Farbe und malte geheimnisvolle Buchstaben und Hieroglyphen auf den Ballen. Dieser konnte darnach auf einer mit kräftigem Rosse bespannten Rospuske, die von einem sogen. Expeditor gestellt wurde, seine Fahrt in den Hafen und von dort ins ferne England oder sonst wohin antreten. Wahrlich, da gab es viel zu schauen, und viel Spielraum bot sich dar für die jugendliche Phantasie eines Knaben. Ein anderes Mal galt die Handlung wieder dem Leinsaatgeschäft. Hochbepackte Leiterwagen mit leeren Tonnen kamen angefahren, worauf diese mit affenartiger Geschwindigkeit in die höheren Räume hinaufgewunden wurden. Bald darauf begann dann dort oben ein eifriges Pochen und Hämmern. Starke, mit Lederschürzen umgürtete Böttchergesellen spannten um die mit Saat gefüllten Tonnen, nachdem sie mit einem festen Deckel versehen worden waren, neue Holzreifen. Mitunter wurden sie auch noch in Leinwandsäcke eingenäht. Darauf wurde auch dieses kostbare Exportgut zum Hafen transportiert. Später sind diese Waren im Handel Rigas durch andere, weit aus dem Osten kommende, mannigfaltigere Handelsartikel verdrängt worden.

Mitunter wurde Herr Fielitz bei der Leitung dieses geschäftigen Treibens dadurch abgestört, daß ein Börsenmakler angefahren kam, um mit ihm irgend eine geschäftliche Unterredung zu führen. Die Makler-Equipagen sind ebenso wie die Doktor-Equipagen ganz aus dem Straßenleben Rigas entschwunden. Damals kannte ich die Pferde jedes einzelnen angeseheneren Doktors und Maklers. Diese letzteren, die namentlich nach der Börse eifrig von einem Geschäft zum andern fuhren, benutzten meist einsitzige sogen. Petersburger Droschken. Einer aber erregte stets unsere besondere Freude, denn er fuhr in einem Londoner Cab, einem geschlossenen CoupÈ, bei dem der Kutscher hinten einen erhöhten Sitz hatte. Solche Equipagen gab es sonst nicht in Riga. Dem Cab entstieg dann eine auffallend dürre, lange Gestalt, der Makler Kopp. Ich habe in seinem Hause auch verkehrt, da ich mit seinen Kindern Eduard, dem späteren Altesten Gr. Gilde, und dessen Schwester Julie gut befreundet war. Es waren alle herzensgute, freundliche Menschen.

Neben dem Fielitzschen Wohnhause führte damals nur eine schmale Straße aus der Altstadt hinaus. Hier hatte, was mich aufs höchste interessiert hätte, wenn es mir bekannt bewesen wäre, einstmals der Ellerbrokturm in der alten Stadtmauer gestanden. Erst im Jahre 1901 sind seine Reste beim Abbruch des alten, an der Ecke der Stall- und Gr. Schmiedestraße belegenen Wohngebäudes vom Architekten August Reinberg freigelegt und beschrieben worden 4). Es soll hier im Mittelalter eine etwas verrufene Gegend gewesen sein, die der ehrsame Bürger lieber vermied. Längs der Stadtmauer floß in jener alten grauen Zeit der mit Erlen bewachsene, gute Schlupfwinkel darbietende Riesing. Auf der andern Seite der Stallstraße dort, wo jetzt das Albertsquare, die leider stark vernachlässigte, von einer menschenfreundlichen Bewohnerin unserer Altstadt als Kinderspielplatz gestiftete Gartenanlage sich befindet, erhob sich in meiner Knabenzeit der "Ratstall". Es war dieses die städtische Pferdepost, deren reger Dienst mit dem immer wiederkehrenden Auschirren und Ausspannen der Pferde dem Beobachter manche Abwechslung bot. Als Riga die erste Eisenbahn erhielt (1861), war ich 5 Jahre alt, aber die Post spielte in meiner Kinderzeit auch noch weiter eine große Rolle. Bis zum Bau der Mitauer Eisenbahn vergingen noch Jahre (1868), und wenn wir späterhin am Morgen von Ebelshof zur Schule fuhren, begegneten wir regelmäßig der großen gelben "Diligence", die den Personenverkehr von Riga nach Mitau vermittelte. Vom Drachenhauerschen Hause aus in der Schloßstraß, wo jetzt die Firma "Helmsing und Grimm" ihr Lokal hat, beobechtete ich häufig mit großem Interesse, wie dieses Ungeheuer von Wagen mit Menschen vollgepackt wurde und sich dann schwerfällig von der gegenüberliegenden Haltestelle aus in Bewegung setzte. Die Reiselust konnte eigentlich durch diesen Anblick nicht besonders angeregt werden, aber doch stieg in meinem Sinne immer wieder der Wunsch auf, einmal doch wenigstens bis zur alten Herzogsstadt, einer früheren Residenz, zu kommen. Es schien mir so armselig zu sein, nur eine einzige Stadt zu kennen. Als dieser Wunsch mir in Erfüllung ging, bedurfte ich glücklicher Weise nicht mehr der Dilligence und auch nicht des Ratstalles, sondern konnte zu dieser Weltreise die Eisenbahnlinie benutzen, deren Erbauung wir von Ebelshof aus eifrig verfolgt hatten. - Häufig unternahm ich in Gemeinschaft mit meinem Bruder Karl um den Ratstall herum Streifzüge durch die benachbarten Höfe und Straßen, die wir Entdeckungsreisen nannten, und wir waren heilfroh, wenn wir einen neuen, uns bisher unbekannten Durchgang oder irgend welche Altertümlichkeiten gefunden hatten.

In dieser nicht gerade schönen, aber mir sehr liebgewordenen Umgebung lag das Rauchsche Haus, mein Geburtshaus. Es ist jetzt ganz umgebaut; nur die alten Grundmauern und die Haustüre sind erhalten geblieben. Damals war es ein viel interessanteres Giebelhaus, in dem wir die sogen. Beletage bewohnten, während unter uns die Besitzerin, die Witwe Rauch, residierte und über uns Herr Rat Stieda, Beamter der Steuerverwaltung, mit seiner Familie die Wohnung inne hatte. ýber den Wohnräumen lagen in mehreren Abteilungen übereinander weit ausgedehnte Bodenräume, in denen man auch immer wieder Neues entdecken konnte und manche etwas gefahrvolle Balancierübungen auf den dicken Tragbalken zu versuchen verwochte. Die Mauern des Hauses waren von einer nach unseren heutigen Begriffen imponierende Dicke, selbst einzelne Innenmauern zwischen den Zimmern waren ein Paar Fuß breit. Bei einem Ausgange, der zur Küche führte, richteten wir uns zwischen den Doppeltüren gern ein ganzes Spielgemach mit künstlicher Beleuchtung ein. In Schloß Klein-Roop, wo in eine dicke Mauer ein ganzes Badegemach hineingebaut war, wurde ich lebhaft an die Mauern meines Elternhauses erinnert. Zum Hause gehörte auch ein ganz stattlicher Hof, in dem wir Knaben gern spielten. Die älteren Brüder hatten in den Stiedaschen Söhnen Alexander, später Buchhändler und ältester Gr. Gilde, der eine Zeit lang main Vorgesetzter war, als ich während der Kriegszeit Beamter der Steuerverwaltung wurde, und Wilhelm, später Professor in Dorpat und Rostock, zurzeit in Leipzig, treffliche Spielkameraden, zu denen ich aber nur mit einer gewissen Ehrfurcht emporschaute. Namentlich Alexander, der noch eine Gymnasiastenuniform mit blanken Knöpfen und rotem Kragen trug, imponierte mir sehr. Auch die älteren Brüder haben sich im Leben bewährt: Hermann wurde Chef einer bedeutender Firma und Altermann Gr. Gilde, Eugen gewann in Rußland als Ingenieur eine angesehen Stellung im Staatsdienste und Ludwig war Professor in Dorpat, dann in Königsberg. - ýber dem Torweg, der aus dem Hofe zur Straße führte, war in beträchtlicher Höhe eine große Balken- und Bretterlage angebracht, auf der unsere Wintervorräte an Holz aufgestapelt wurden. Eigentlich war es ein etwas unbequemer Lagerplatz, da das Holz mühsam hinaufgebracht, dann dort oben gesägt und gespalten und zum Gebrauch wieder hinunterbefördert werden mußte. In der Hauswirtschaft hatte man es damals überhaupt nicht so leicht wie heute. Auch die Wasserbeschaffung bereitete Schwierigkeiten. Die Wasserleitung war unten im Hofe und wurde erst später, was als eine große Errungenschaft erschien, in die oberen Etagen geleitet. Vorher wurde das Wasser an jedem Morgen vom Hausknecht in Spännen an einer Tritze emporgewunden und am Küchenfenster in die Wassertonne gegossen. Dabei kam in Winter eine unangenehme Kälte in die ganze Wohnung. Der Hausknecht oder Aufwärter, der für Holz- und Wasservorräte zu sorgen hatte, entfaltete auch sonst am Morgen mit Ofenheizen und anderen Arbeiten eine rührige Tätigkeit. Gelegentlich wurde seine Hilfe auch noch abends in Anspruch genommen, um eine der Damen des Hauses aus einer Gesellschaft oder aus dem Theater abzuholen. Es galt damals merkwürdiger Weise unter doch viel harmlöseren Verhältnissen, als es die heutigen sind, als ganz unmöglich, daß eine Dame am Abend ohne Begleitung eines männlichen Wesens oder eines weiblichen dienstbaren Geistes die Straßen durchwandelte. Es kam dadurch mitunter zu dem etwas seltsamen Vorgang, daß eine ältere Dame sich in einem blutjungen Dienstmädchen einen Schutz suchte.

Die ganze äußere Ausstattung unseres Hauses und unserer Wohnung war eine denkbar schlichte, vielleicht auch für jene Zeit, die den modernen Komfort noch nicht kannte. Einige Neuerungen wurden wohl in den 17 Jahren, die ich dort verlebt habe, eingeführt, namentlich nachdem mein Vater Ratsherr und Bürgermeister geworden war und auch repräsentieren mußte, aber vieles konnte garnicht umgestaltet werden. Trotzdem wurden hier, unbeschadet der Würde der Stadt. Generalgouverneure und andere hohe Staats- und Würdenträger empfangen und bewirtet. Schon der Aufgang zur Treppe im unteren Vorhaus war nicht gerade imposant, denn man gelangte zu ihr durch eine sehr einfache Türe mit einem kleinen runden Glasfenster. Die Türe war mit einem an einer Schnur hängenden Gewicht versehen und fiel, sowie sie geöffnet worden war, meist mit starken Knall wieder zu. Erst der wortf. Bürgermeister Hollander sorgte dafür, daß sie durch eine hübsche, modern gestaltete Glastüre ersetzt wurde. Oben gelangte man durch eine schmale Türe - in der ganzen Wohnung gab es nur eine sogen, Flügeltüre - in ein dunkles Vorzimmer, an das sich die geräumigen, aber sehr niedrigen Wohnzimmer anschlossen. Die Wohnung war so niedrig, daß man einen Kreunleuchter im Saal kaum aufhängen konnte; er hätte entschieden " Anstoß" erregt. Sie bestand aus 5 Zimmern, die für unsere große Familie 5), wenn alle Geschwister zu Hause waren, nicht ausreichten. Es wurden deshalb mitunter oben oder unten Zimmer zugemietet, so daß wir wohl bisweilen in 3 Etagen wohnten, was bei den kalten Vorhäusern manche Unbequemlichkeiten zur Folge hatte. Als wir 4 jüngeren Brüder Gymnasiasten geworden waren, wurden wir oben einquartiert. Wir waren mit dieser kleinen Absonderung garnicht so unzufrieden, da wir infolgedessen ein selbstständigeres Dasein führten und ungenierter unsere Kameraden empfangen konnten. ýbrigens hat uns unser Vater auch sonst stets zur Selbständigkeit und dem Gefühl eigener Verantwortlichkeit erzogen; er hegte das Vertrauen, daß wir unsere Freiheit nicht mißbrauchen würden. - Die Fenster zum Hof hin hatten noch ganz kleine Glasscheiben mit hölzernem Gitterwerk. Zur Straße hin waren schon etwas größere Scheiben angebracht, aber ganz große, sogen. Spiegelscheiben, wie wir jetzt überall haben, gab es noch nicht. Zum Winter wurden die Vorsatzfenster vom Boden heruntergeholt und vom Hausknecht angebracht. Dann wurden sie, nachdem zwischen die Doppelfenster schönes isländisches Moos mit roten Strohblumen hingelegt war, sorgfältig mit Papierstreifen verklebt. Zum Lüften wurde in dieser Zeit nur das sogen. Kappfenster verwandt. Obgleich in unserem Hause sehr auf gute Lüftung der Wohnung gesehen wurde, so begnügte man sich mitunter doch damit, eine dumpfe Luft durch Räuchern mit Kadik oder dgl. m. zu vertreiben, und vir Gesellschaften wurden die Räume oft mit Wohlgeruch erfüllt, indem Eau de Cologne oder ein anderes Odeur auf einen heißen Plietenring gegossen wurde.

Die Zimmerdielen waren in allen Zimmern weiß, ungestrichen und mußten jeden Sonnabend von der dann auftretenden Scheuerfrau gründlich geregnigt werden, um ihre Weiße zu behalten, Um sie zu schonen, wurden Dielenläufer von einer Türe zur anderen ausgelegt. Der Saal aber wurde für die Wintermonate mit einem das ganze Zimmer bedeckenden Teppiche ausstaffiert. Erst wenn die Frühlingssonne wieder am Himmel lachte, kam der Hausknecht und brachte mit ein paar andern Männern den mächtigen Teppich zum nächsten freien Platz, wo er sorgfältig ausgeklopt und gereinigt wurde, um dann zum Sommerschlaf auf den Boden "eingepfeffert" zu werden. Ob dieser den ganzen Winter über als Staubfang dienende Teppich sehr hygienisch wirkte, wird man heute wohl stark bezweifeln. Damals hatte man aber andere Ansichten. Auch im Schlafzimmer der Eltern fehlte es nicht an einem solchen Staubfänger. Sie schliefen in sogen. Himmelbetten. d. h. die beiden Betten waren ganz umhüllt von großen grünen Gardinen, die von der Lage herabwallten. Damals erschien mir der Gedanke, unter einem solchen Himmelbett zu schlafen, besonders herrlich, heute bin ich wohl mehr für Freiluft und Freilicht.

Das Zimmer, in dem wir Brüder eine Zeit lang hausten, lag neben dem Speisezimmer und zwar etwas höher als dieses, so daß eine Stufe hinaufführte. Diese letztere konnte zu manchen Spielen, auch beim Eierkullern zu Ostern, ausgenutzt werden, und da hier eine breite Flügeltüre vorhanden war, so konnte diese Erhöhung auch vortrefflich zum Arrangement einer Schaubühne dienen. Hier haben wir uns denn auch in der dramatischen Kunst versucht, in der wir Brüder es aber niemals zu einer höheren Entwicklung gebracht haben. Dagegen hat mein Schulfreund Karl Deubner, der spätere Direktor des Krankenhauses, der damals mit einigen andern Quartanern den "Monsieur Herkules" bei uns zur Aufführung brachte, später noch viel gemimt und war namentlich in Dorpat bei den Fuchstheatern eifrig tätig.

Wie wurden nun diese großen Zimmer damals erleuchtet? Ja, damit war es ziemlich dürftig bestellt. Abgesehen von Stearin-, Palm- und Talglichten, deren "Räuber" mit der Lichtputzschere von Zeit zu Zeit beseitigt werden mußten, gab es noch Gas- und ællampen. Die ersteren wurden mit einem flüssigen Gas gefüllt, wurden aber selten gebraucht, weil sie als feuergefährlich galten und leicht explodieren sollten. Gewöhnlich benutzen wir eine nach heutigen Begriffen ziemlich trüb brennende ællampe aus Messing, die immer wieder durch Heben des hochstehenden ælbehälters zum besseren Brennen aufgemuntert werden mußte. Diese ællampen wurden später in Petroleumlampen umgearbeitet. Wie froh waren wir aber, als unser Speisezimmer zum ersten Mal durch stattliche Petroleum-Hängelampe erleuchtet wurde, die ihr Licht weit über das Zimmer ausstrahlen ließ! Es war dieses in der Tat ein bedeutender Fortschrift, den wir zunächst einem reichsdeutschen Kaufmann Höflinger zu verdanken hatten. Er hat sich selbst damit auch ein Vermögen erworben. Sein erstes Lampen- und Petroleumgeschäft war in einer kleinen Bude an der Neustraße gegenüber dem ältesten Haffelberg untergebracht. Seine Söhne haben später in der rigaschen Handelswelt eine Rolle gespielt. Einer der jüngeren Söhne war mein Schulkamarad; er unterhielt auf seinem Hofe eine größere Taubenzucht, wofür ich im Hinblick auf die Tauben in Ebelshof ein großes Interesse hegte.

Unser Hauptaufenthaltsraum war das große, geräumige Speisezimmer, dessen Einrichtung nicht ganz einheitlich war, da die Möbel aus verschiedenen Hauswirtschaften zusammengebracht waren und teils aus Mahagoni-, teils aus Eschenholz gearbeitet waren. In der Mitte stand ein großer Massivmahagoni-Speisetisch, der mit seinen Mahagoni-Einlegeklapen zu einer beträchtlichen Länge ausgedehnt werden konnte. Mein Vater ließ wohl gelegentlich bei Gesellschaften, wenn die Herren nach dem Essen noch bei einem Glase sitzen blieben, alles Tischzeug abräumen und freute sich, wenn die Gäste sich über den schönen Tisch bewundernd äußerten. Er sah auch in der Tat stattlich genug aus. In dem Buffet stand alles nach alter rigascher Ordnung an seinem rechtem Platz: links der "Teeschrank", in der Mitte die Silberschieblade, oben die Kristallsachen, alles bis auf die Zuckerbutschnüre mußte auf der richtigen Stelle stehen. In einer Abteilung war auch eine Presse für das im Gebrauch befindliche Tischzeug, das dadurch besser konserviert werden sollte. Wir Knaben benutzten diese Presse namentlich für unsere Papparbeiten. Mein besonderes Interesse galt dem hinter dem Klavier befindlichen Wandschrank, der in die dicke Mauer eingelassen war, denn er barg höchst wertvolle Schätze. Dort wurde die sorgfältig eingehüllte Weihnachtskrippe verwahrt. Dort standen auch schöne Spielsachen: eine Wasserpumpe, die mit wirklichem Wasser arbeitete, ein Leiterwagen u. a. m. Diese Spielsachen wurden uns nur ausnahmsweise ausgeliefert, aber waren deshalb um so beliebter. Neben dem Klavier führte eine Doppeltür direkt ins Vorhaus. Sie wurde viel benutzt, weil dort der sogen. "Draußenschrank" mit allerlei Vorräten stand. Da kam es denn häufig vor, daß die äußere Türe offen stehen blieb und dadurch den Zugang zu der nach oben führenden Treppe erschwerte, was stets den Zorn des heimkehrenden Herrn Stieda erregte. Dieser pflegte denn auch gewöhnlich über diese Nachlässigkeit mit einem gewaltigen Zuwerfen der Türe zu quittieren. Bei uns wurde dann mit großer Gelassenheit konstatiert: Herr Stieda ist nach Hause gekommen.

Im Speisezimmer war vor allem auch ein gemütliches Sopha-Arrangement, und hier, wie in der angrenzenden Fensternische, war das eigentliche Gebiet meiner lieben Mutter. Hier stand ihr Nähtisch, an dem sie am Vormittage gern arbeitete, und ihre Nähmaschine. Es war meines Wissens eine der ersten in Riga und mußte mit dem Fuße getreten werden. Handnähmaschinen kamen erst später auf. Herr Karl Helmsing, der spätere Generalkonsul, damals noch ein junger Mann, kam selbst zu uns, um meine Mutter mit der Handhabung der Maschine vertraut zu machen. Hier spielten wir Kleinen um ihren Arbeitssitz herum, hier las sie uns aus "Schloßpeterchen und Bauerhänschen", aus "Herzblättchens Zeitvertreib" und anderen schönen Büchern vor; hierher kamen wir aus der Schule hereingestürmt, um der Mutter von unseren Erlebnissen zuerst zu verichten und ihr, war etwas Schlimmes passiert, zuerst davon Mitteilung zu machen, damit der Vater als höchste Instanz durch ihre gütige Vermittelung schon auf irgend ein Verbrechen, das wir begangen, oder auf eine vermeintliche Ungerechtigkeit der Lehrer vorbereitet werde, bevor wir selbst an ihn herantraten. Wenn unsere Mutter sich aber am Abend am Sophatische, auf dem die Lampe gemütlich brannte, nidergelassen hatte, dann kamen wir wohl mit unseren Schularbeiten, besonders den französischen, gern zu ihr. Schöner und gemütlicher aber war es noch, wenn wir nach erledigter Schularbeit uns mit unseren Lesebüchern um die Mutter scharten, bis wir zum Gute-Nacht-sagen zum Vater geschickt wurden. Besonders schön aber waren diese stille Abendstunden vor Weihnachten. Mein Vater ließ sich dann von einem Buchhändler einen größeren Packen mit Jugendliteratur kommen, und wenn er die für uns zum Fest bestimmten Bücher ausgesucht hatte, durften wir die übrigen Bücher einige Tage besehen und in ihnen lesen. Auch Weihnachtsvorbereitungen, Baumschmuck und kleine Geschenke wurden mit Hilfe der Mutter und der älteren Geschwister angefertigt. Der Weihnachtsbaum stand immer im Speisezimmer, das wir am 24. Dezember vom Morgen an nicht mehr betreten durften. Am Abend kamen dann die Großmütter mit ihren Töchtern und zwei Tanten Babst zu uns und wurden mit großen Aufregung und freudiger Ungeduld empfangen. Diese mußte oft stark gezähmt werden, wenn wir die Geschwister Boetticher aus Edelshof erwarten. War die Edelshöffsche Equipage endlich vorgefahren, so mußte meist einer von uns Knaben noch rasch zum Buchbinder Heede laufen, um ein Taschenbuch mit eingelegter Stickerei oder dgl. m. abzuholen. Waren aber endlich alle beisammen, dann ließ der Vater die silberne Glocke, die uns noch heute denselben Dienst erweist, ertönen, und aus der geöffneten Türe des Speisezimmers strahlte uns der Lichterglanz entgegen. Es folgte eine stimmungsvolle Weihnachtsfeier.

So knüpfen sich gerade an diesen Raum die mannigfaltigsten Jugenderinnerungen. Eine Zeit lang, als die Wohnung gar zu eng für uns geworden war, mußte das Zimmer durch eine hölzerne Scherwand, hinter der wir Knaben unseren Schlafraum hatten, abgeteilt werden. Es war zuweilen eine starke Zumutung für uns, dort hinten still den Schlaf zu erwarten, während die andern Familienglieder noch fröhlich um den Teetisch versammelt waren. Wir überraschten sie denn auch bisweilen dadurch, daß wir in aller Stille an der Scherwand emporkletterten und von unserem erhöhten Standpunkte aus an der Unterhaltung teilnehmen wollten. Schleunigst mußten wir wieder im Abgrund verschwinden, worauf wir in anderer Weise unser "Minoritätenrecht" zu wahren suchten.

Nun möchte ich noch kurz darstellen, wie sich in unserer Familie in ziemlichem Gleichmaß ein Tageslauf gestaltete. Um 7 Uhr wurden wir durch den Hausknecht, dessen "Jungherr, stehen Sie auf" gern überhöhrt wurde, oder durch den Vater, der meist raschen Erfolg hatte, geweckt, denn um 8 Uhr mußten wir in der Schule sein. Waren wir abgefertigt, dann ging auch mein Vater an die Arbeit und kam erst nach ein paar Stunden, bevor er zur Behörde ging, zum Kafeetrinken. Dann versammelten sich die Hausgenossen: die anwesenden Kinder und Dienstboten zur Hausandacht, bei der niemals der Gesang fehlte. Um 12 Uhr kamen wir zum Frühstück nach Hause gestürmt, denn wir hatten nur eine Stunde frei, und es war doch ein recht weiter Weg von der Altstadt zur Wallisschen Schule in der Börse oder zum Gymnasium am Schloßplatze. Als ich Sekundaner geworden war, war auch die Zeit gekommen, wo wir Gymnasiasten gern beim Rückweg einen freundlichen Gruß von den aus der Poelchauschen Schule kommenden Jugendfreundinnen zu erlangen suchten. Nach der Schule, die bis 3 oder 4 Uhr dauerte, hatten wir bis 5 Uhr Erholungszeit, die wir auf der Schlittschuhbahn, mit Spazierengehen oder beim Lesebuch verbrachten. Um 5 Uhr versammelten sich alle zum Mittagsmahl, nach dem mein Vater, wenn er irgend Zeit hatte, sich gern etwas mit uns abgab und mit uns spielte. Das dauerte aber nur kurze Zeit, denn die Arbeit, bei der wir sehr still und ruhig sein mußten, rief uns. Mein Vater hatte unterdessen meist Abendsitzungen oder war durch seine Arbeiten ganz an sein Zimmer gebunden. Namentlich so lange er noch Sekretär des Vogteigerichts war, hatte er eine starke Arbeitslast zu tragen, denn neben seinem Amte, das viel Zeit in Anspruch nahm, war er durch seine Tätigkeit für die Literärisch-praktische Bürgerverbindung und für den auf seine Initiative begründeten Gewerbeverein oft bis in die Nacht hinein stark beschäftigt. Auch wenn bei uns abends Besuch war, kam mein Vater oft erst zum Tee zu den Gästen. Hatten wir selbst unsere Schularbeiten beendet, so hielten wir uns gern noch ein Weilchen am Tisch der Mutter auf. An Geselligkeit für die Erwachsenen in und außer dem Hause fehlte es in unserem Familienkreise, wie überhaupt in dem damaligen Riga, nicht. Fast an jedem Tage der Woche war irgendwo Empfangsabend.

Am Dienstag war bei uns ein regelmäßiger "jour fixe". Dann versammelten sich, so zwischen 7-8 Uhr, Familienglieder und Hausfreunde zum gemütlichen, zwanglosen Beisammensein. Die älteren Herren plauderten mit den Damen, die mit einer Handarbeit beschäftigt waren, oder machten eine Kartenpartie; die jüngeren Glieder der Gesellschaft arrangierten sogen. geistreiche Spiele. Mitunter wurden zu diesen Abende auch Gäste, z. B. angereiste Fremde, besonders eingeladen. Die Bewirtung bestand immer nur in schlichtem Tee mit Butterbröten, und nur selten kamen Apfelsinen oder andere Erfrischungen hinzu. Auf den Dienstag bei uns folgte der Besuchstag bei der Großmutter Drachenhauer am Mittwoch, bei der Großmutter Nöltingk am Donnerstage, beim Onkel Mathias Drachenhauer am Freitag und bei der Großmutter Hollander am Sonnabend. In anderen Familien wird es wohl ähnlich gewesen sein. Diese Möglichkeiten wurden natürlich auch von den Erwachsenen nicht immer ausgenutzt, doch konnten sie sich mehr als heute durch einem solchem Verkehr widmen, da die Damen meist noch nicht durch eine Berufstätigkeit in Anspruch genommen waren, da das Vereinsleben noch nicht sehr entwickelt war und da an öffentlichen Vergnügungen nur das Theater und Konzerte in Betracht kamen.

Größere Familiengesellschaften mit geladenen Gästen kamen im ganzen selten vor, wohl aber sah sich mein Vater als wortf. Bürgermeister veranlaßt, dazwischen Repräsentationsdiners 6) zu geben. Einmal im Jahr um die Michaelis Zeit wurden der gesamte Rat, die Altermänner der beiden Gilden und der Superintendent zu einem Diner geladen, bei dem es sehr feierlich. aber, soweit ich das aus dem Nebenzimmer beobachten konnte, auch ganz gemütlich und fröhlich herging. In späteren Jahren, als ich als Erwachsener selbst daran teilnahm, konnte ich das aus eigener Anschauung bestätigen.

Ich habe mehrmals unsere drei Großmütter erwähnt und von der Großmutter Hollander auch schon gesprochen, aber auch von beiden anderen muß ich noch ein paar Worte sagen. Meine Großmutter Katharina Nöltingk geb. Babst war eine feine, liebenswürdige alte Dame von großer Lebhaftigkeit. Da ihre Mutter aus der Familie Berens stammte, war sie mit den allen Rigaschen Kaufmannsfamilien Stephany, Brederlo, Kriegsmann u. a. teils verwandt, teils befreundet und wußte mancherlei von ihnen zu erzählen. Ihr Mann war als junger Kaufmann aus Lübeck eingewandert, wo noch viele Verwandte lebten, mit denen wir lange Jahre freundschaftliche Beziehungen aufrecht erhielten. Als ich im Jahre 1885 nach Lübeck kam, fühlte ich mich dort gleich ganz heimisch, weil ich von den Verwandten so liebenswürdig begrüßt wurde. Noch jetzt existiert in der alten Hansestadt eine Firma "Nöltingk und Kordes". Großmutter Nöltingk berichtete gern über allerlei Ereignisse ihrer Jugendzeit - 1811 hatte sie geheiratet -, besonders auch über das Kriegsjahr 1812. Großes Interesse erregte sie bei uns, wenn sie voller Begeisterung von dem liebenswürdigen Auftreten Alexanders I, der ihrer Freundin die Hand geküßt hatte, erzählte. Sie war voll inniger Frömmigkeit, eine große Verehrerin des Oberpastors Poelchau, und ihre größte Freude im Leben war, daß ihr einziger Sohn Karl eine so angesehene Stellung als Prediger zuerst in Riga und dann in Petersburg einnahm. Ihre freundliche Gesinnung gegen jedermann äußerte sich auch besonders, wenn sie Besuch empfing, denn nur ungern ließ sie jemand unbewirtet von sich. Sie hatte meist ein kleines silbernes Körbchen neben sich stehen, aus dem sie irgend eine Süssigkeit, zum mindesten etwas Gerstenzucker, anbieten konnte. In späteren Jahren war sie durch eine Lähmung ganz an den Stuhl gefesselt und zuletzt auch, was sie bei ihrer Lebhaftigkeit nur schwer ertrug, in ihrer Sprache behindert. Sie wurde von ihrer Tochter Luise gepflegt. Von dieser habe ich den ersten Unterricht erhalten, lieber aber habe ich ihren Märchen zugehört, die sie uns in manchen Schummerstündchen erzählte. Zum Haushalte der Großmutter gehörte auch ihre Nichte Karline King, die ihr Leben, das auf die Minute genau geregelt war, ganz nach englischem Vorbilde einrichtete. Sie war eine höchst originelle, kluge Dame, die sich gern über die neuesten politischen Tagesereignisse unterhielt, aber nur zu den Mahlzeiten in die Familie kam. In ihrem Zimmer, das wir nur, wenn sie ausgangen war, betreten dürften, interessierten uns besonders die an den Wänden hängenden Teppiche, die Bilder ihrer in Australien lebenden Geschwister und manches andere in hohem Maße. Die Großmutter wohnte in der Sandstraße im Hause des Bürgermeisters Arend Berkholz, der uns auf derTreppe oft freundlich begrüßte. Wenn wir abends von dort die große Reise in die Altstadt antraten, dann schenkte uns die Großmutter wohl gern einen silbernen Zehner für einen Fuhrmann, was namentlich im Winter bei Schlittenbahn Veranlassung zu großer Freude war.

Die Großmutter Anna Drachenhauer geb. Hübbenet (Frau Ratsherr) war die Mutter der ersten Frau meines Vaters, der meine beiden, älteren Brüder naturgemäß näher standen ale wir jüngeren, aber auch gegen uns war sie sehr freundlich und liebevoll. Sie galt als eine kluge Frau, war sehr stattlich und wohlhabend. Sie wohnte in ihrem Hause in der Schloßstraße, wo jetzt das Kontor von Helmsing und Grimm ist. Wenn sie uns in der Altstadt besuchte, kam sie in ihrer Kalesche, die mit der großen braunen "Rosinante" bespannt war, angefahren. Schleunigst liesen wir hinunter, halfen beim Aussteigen und kletterten selbst in den Wagen, um uns vom alten Kutscher Peter noch etwas spazieren fahren zu lassen. Peter muß wohl ein Russe gewesen sein, denn die Großmutter pflegte ihm in Winter bei schlechter Schlittenbahn in klassischem Russisch zuzurufen: "Kak gruftschen, tak pomalenko, kak ne gruftschen, tak poezzhaj." Mit der Rosinante mußte Peter auch häufig für seine gnädige Frau das Trinkwasser von der "großen Pumpe", die an der Stelle der jetzigen Neuen Getrudekirche stand, holen, denn ihr Wasser galt als das schönste in Riga, und das Dünawasser war, besonders zur Eisgangszeit, nicht gerade empfehlenswert. Wenn wir zu Geburtstagen oder zum Neujahrstage zum Gratulieren zur Großmutter kamen, dann thronte sie auf dem Sofa vor einem mit dem schönsten Kristall gedeckten Tische, auf dem ein paar Schalen mit Konfekt und zwei Karaffen mit Sherry und einem süßen Wein standen. Es war immer sehr festlich und feierlich. Bei der Großmutter lebten zwei Töchter und ein unverheirateter Sohn Eugen, der kränklich war und, soviel ich weiß, seinen Kaufmannsberuf ganz aufgegeben hatte. Er war sehr amüsant und liebte es, kleine boshafte Bemerkungen zu machen, die uns sehr erfreuten. Von ihm stammte ein oft zitiertes Wort: "Ich liebe zwar die Meinigen, aber es ist oft langweilig bei den Seinigen." Eine der beiden Töchter litt Jahre lang an epileptischen Krämpfen, genas aber später vollständig infolge von Brom-Behandlung und erreichte ein hohes Alter. An ihre Kindheit und Jugendzeit - es war das ein merkwürdiger Fall - hatte sie gar keine Erinnerungen.

Nur selten wurde unser schönes Jugendleben durch Krankheiten unterbrochen. Abgesehen von Scharlachfällen und einer schweren Brustfellentzündung, die ich durchzumachen hatte, entsinne ich mich nicht ernsterer Kenkheiten in unserem Hause. Trotzdem kam unser treuer Hausarzt Dr. Wilhelm Bornhaupt in jeder Woche angefahren, um sich nach unserem Gesundheitszustande zu erkundigen. Er war ein sehr freundlicher alter Herr, der immer im Frack erschien und uns bei einer Erkältung gern eine harmlose Medizin verschrieb. So konnten wir ungetrübt unser Dasein genießen, das sich durchaus harmonish gestaltete, obgleich wir doch aus 3 Ehen stammten und von uns das Scherzwort galt: meine Kinder, deine Kinder, unsere Kinder. Zum Vater sahen wir mit großem Respekt empor. Er war etwas heftig und konnte, namentlich wenn er bei eiliger Arbeit gestört wurde, leicht aufbrausen und ungeduldig werden, suchte das dann aber später durch um so größere Freundlichkeit wieder gutzumachen. Mit kleinen Bitten belästigten wir ihn nicht gern, da mußte schon die gute Mutter herhalten, die auch sonst immer bemüht war, alle kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens vom Vater möglichst fernzuhalten. Die Mutter hatte aber stets Zeit und Verständnis für alles, was unsere jungen Herzen beschäftigte und gelegentlich bedrückte. Ein Bild von dem Wesen und Charakter meines Vaters kann man aus seinen Jugenderinnerungen, die er auf meine Bitte niedergeschrieben hat und aus denen ich einen Auszug im Rigaer Almanach für 1903 veröffentlicht habe, gewinnen. Von meinen Geschwistern Thoms heirateten Eliza und Henry bereits, als ich noch ein kleiner Knabe war, George, als ich Student war. Zu den neugegründeten Familien habe ich damals und mein ganzes Leben lang in den engsten Beziehungen gestanden. Von großer Bedeutung für meine ganze Entwicklung war es, daß wir durch meinen Schwager Oskar v. Boetticher in Ebelshof einen schönen Sommeraufenthalt gewannen und ich dort auch etwas Einblick in einen landwirtschaftlichen Betrieb erhielt. Wie die Altstadt für mich, so birgt Ebelshof für mich und nun auch für meine Kinder eine unendliche Fülle von Erinnerungen. Von dem herrlichen großen Park, der ein Opfer des Krieges geworden ist, stehen jetzt nur noch wenige Bäume zur Straße hin. Von dem Hause, in dem ich 1911 meine Silberhochzeit feierte, ist keine Spur mehr zu sehen; auf dem grasüberwachsenen Fundamente erheben sich bereits kleine Baumstämme.

Das Bild unseres Familienlebens in der Altstadt würde ganz unvöllständig sein, wenn ich unsere alten lettischen Dienstboten Dorothea Nußbaum und Anna Trimde, die durchaus zum Hause gehörten, unerwähnt ließe. Jahrzehnte lang haben sie - heute ein seltener Fall - uns treue Dienste geleistet. allerdings auch mitunter die Geduld meiner Eltern auf eine harte Probe gestellt, aber man trug sich gegenseitig. Obgleich sie alle die Jahre dasselbe Zimmer teilten, herrschte doch fast immer Fehde zwischen ihnen, da ihre Charaktere sehr verschieben waren. Das alte Dorchen wußte uns Kinder oft durch schnurrige Geschichten zu erheitern, legte uns auch Kartenpatiencen mit bedeutungsvollen Erklärungen aus und mußte mit uns, wenn wir umwohl im Bett lagen, durchaus "Mariage" spielen". Frau Trimde konnte recht grob werden, aber war treu und ehrlich und hat noch meinen Kindern gute Dienste geleistet.

Bis zum Jahr 1873 haben wir dort in der Altstadt gelebt, dann vor 55 Jahren, verließen wir diese Stätte unseres Jugendlebens und siedelten in das von meinem Vater in der Schwimmstraße (Nr. 25) angekaufte Haus über. Es geschah in der Tagen, als mein Vater zum 50-jährigen Jubiläum der Fraternitas Rigensis nach Dorpat gefahren war, wo er als wortf. Bürgermeister die Glückwünsche der Vaterstadt überbrachte und den Dank dafür von seinem Sohn Eduard empfing, der als Senior an der Spitze der Korporation stand. Es ist einer meiner letzten Eindrücke aus der Altstadt, wie mein Vater und Alfred Hillner im Postwagen, der mit einer blau-rot-weißen Fahne geschmückt war, die Festreise antraten. Mit dem Abzug aus der Altstadt war für mich, den Sekundaner, ein Lebensabschnitt beendet 7).

Ich fürchte, daß ich den Lesern, die wirklich die Geduld gehabt haben, mir bis aus Ende meiner "Erinnerungen" zu folgen, nur weniges von allgemeinerem Interesse habe bieten können. Ich wälze die Verantwortung dafür auf meine Freunde, die mich zum Druck veranlaßt haben.

1) Nur zögernd, einer mehrfachen Aussorderung einiger Freunde Folge leistend, übergebe ich die nachfolgenden Erinnerungen der Offentlichkeit. Sie waren nur geschrieben für meine Kinder, um sie in jene nun weit zurückliegende Zeit einzuführen. Da meine Freunde meinen, daß sie auch andern dazu dienen können, so will ich mich dem Verlangen nicht länger widersetzen.

2) Geb. 6.Juli 1787, gest. 4.Juli 1870, langjähriger Chef der handlung Kriegsmann und Bulmerincq.

3) Vgl. Alexander Buchholz, Ein baltisches kulturhistorisches Museum. Riga 1886, S. 6.

4) Vgl. Sitzungsberichte der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde vom Jahre 1906 und 1912.

5) Meine eltern sind beide zweimal verheiratet gewesen. Meine Mutter Emilie geb. Nöltingk war in erster Ehe mit dem englischen Kaufmann Henry Thoms vermählt. Sie hatte aus dieser Ehe 4 Kinder:
     Eliza, verheiratet mit Oskar v. Boetticher-Ebelshof,
     Henry Thoms, Kaufmann und Konsul in Riga,
     George Thoms, Professor am Rigaer Polytechnikum und
     Jessie Thoms.
Mein Vater Eduard Hollander war in erster Ehe vermählt mit Olga geb. Drachenhauer. Söhne aus dieser Ehe waren:
     Eduard Hollander, Ratsbeamter in Riga, dann Bürgermeister in Mannheim,
     Joh. Heinrich Hollander, Rechtsanwalt in Riga, dann Professor in Halle a./S.
Aus der zweiten Ehe mit Emilie geb. Nöltingk stammten:
     Karl Hollander, der Pastor in Wolmar war, dann in Blankenburg a./Harz lebte, und
     Bernhard Hollander, der Verfasser.
Wir waren also 8 Geschwister.

6) Aus den Papieren meines Vaters entnehme ich einige Daten über ein solches Diner, die vielleicht für die Zukunft ein gewisses kulturhistorisches Interesse haben. Das Diner wurde im Jahre 1888 für die Repräsentation der Ritterschaft und der Stadt gegeben. Es nahmen 23 Personen daran teil. Das Menu war folgendes: Imbiß; Gänseleberpastete; Wildpuree; Sterlett; Rehrücken mit Gemüse; Punsch glace; Kalkuhnen und Haselhühner; Spargel; Käse und Butter; Gelee; Dessert; Kaffee. - Die Rechnung des Kochs, der auch die Einkäufe besorgte, betrug 92 Rbl. Die Weinrechnung belief sich auf 70 Rbl., wozu noch Kleinigkeiten von ca. 8 Rbl. kamen, also betrugen die Kosten 170 Rbl.

7) Erinnerungen an einen weiteren Lebensabschnitt habe ich im Jonckschen Baltischen Kalender für das Jahr 1926 veröffentlicht: "Im alten Gouvernements-Gymnasium zu Riga vor 50 Jahren".