44 Names: Awoting, Barthels, Beerand (Bçrands), Bitzky, Brehm, Brockhaus, Brüggen, Dahlfeld, Dudel, Eschenbach, Fircks, Friedenberg, Greinert, Hartwich, Hellmann, Hennings, Hess, Höpker, Huber, Jordan, Katterfeld, Köhler, König, Kruhming (Krûmiòð), Krüger, Kuwald, Lange, Ley, Manrau, May, Neumann, Nutowz, Sandberg, Sanders, Stahl, Strasding (Strazdiòð), Strauß, Stubendorff, Toepffer, Unterberg, Waldhauer, Weise, Werkmeister, Wentenberg
E r i n n e r u n g e n
Aus Erzählungen meiner Eltern:
Heinrich Theodor Barthels, geb. am 30. Dez. 1842, getauft in
Frauenburg,
Emilie Elise geb. Bitzky, geb. am 3. Nov. 1845, getauft in Apricken,
getraut in der Sackenhausenschen Kirche am 13. August 1867.
| In vier Jahren Lehrzeit mußte der Müllerlehrling nicht allein das Mahlen von Grob- und Feinmehl, Graupen und Grützen erlernen, sondern auch, was ebenso wichtig, aber bedeutend schwieriger war - die Holzarbeit, die zum Mühlenbetrieb nötig war. Wenn die Räder nicht genau ineinandergriffen, dann gab es das mit Recht gefürchtete "Kleinholz" und damit den Stillstand des Betriebes. Der Lehrling konnte in dieser Zeit nicht alles machen, doch einige Fertigkeit in der Holzbearbeitung mußte er doch aufweisen. Die Müllerinnung tagte in Mitau. Um die Johannizeit, die auch zugleich die stillere Arbeitszeit war, versammelten sich die Meister, die ihre Lehrlinge freisprechen ließen. Vor dem Schragen prüfte der Vorsitzende mit seinen Beisitzern in Gegenwart aller Meister den Lehrling. Wenn alles zur Zufriedenheit beantwortet, wurde dem jungen Menschen ans Herz gelegt, sich als würdiges Glied der Innung zu erweisen. Darauf kam der Freispruch. Mit dem Gesellentrunk, der von althergebrachten Sprüchen begleitet wurde, nahm der Alt-Geselle den Jung-Gesellen in die Gesellenvereinigung auf. Nach dem Rechenschaftsbericht, den der Vorsitzende gab, und der Ehrung der im Jahre verstorbenen Meister durch Aufstehen war der offizielle Teil vorüber. Nachmittags kam ein geselliges Beisammensein mit den Meistern und deren Familien, das mit einem Ball am Abend endete. Die erwachsenen Töchter freuten sich nicht weniger als die Jungmeister und Gesellen darauf. Manch zarte Bande wurden dort geknüpft, die später zur Ehe führten. Am nächsten Tage besuchte man den Johannimarkt, und die umsichtigen Hausfrauen kauften verschiedene praktische Sachen ein, vergaßen auch nicht die froh erwarteten Mitbringsel für die Heimgebliebenen. Auch für die Vergnügungen der Jugend bot der Jahrmarkt reichlich Gelegenheit.
Das Wandern ist des Müllers Lust. Bald nach dem Freispruch begab sich jeder zünftige Geselle auf die Wanderschaft. So packte auch mein Vater seinen Ranzen, nahm sich einen derben Stock und nun ging es von Mühle zu Mühle. Mit seinem Gruß: "Ich grüße das Handwerk" ging er erst in die Mühle, wo ihm ein freundliches "Schön Dank, Geselle" als Antwort kam. Dann wurde er in die "Feise", den Wohnraum der Gesellen geführt. Dort konnte er sich säubern und "schön machen". Darauf ging er zum Meister, um seine Aufwartung zu machen. Da lautete sein Spruch: "Schönen Gruß von Meister und Gesellen". Die Antwort war: "Willkommen Geselle!" Gern sah man den ordentlichen Wandergesellen. Es gab aber auch Faulenzer, die in schönen Tagen herumwanderten und erst in kalter Zeit einen Arbeitsplatz suchten. Die erkannte man schon beim ersten Blick an ihrer ungepflegten Kleidung und anderen Anzeichen. Diese üblen Gesellen brachten Klatsch und Lügengeschichten in Umlauf, und man schob sie gern bald ab. Vaters Sehnsucht war Deutschland, das Land seiner Vorväter. Unser Urahn war ein Danziger Schiffseigner gewesen, dessen Wappen - das Segelschiff mit seinem Namen - als treues Andenken von meinem Großvater aufbewahrt wurde. Auf dem kürzesten Wege wanderte nun mein Vater durch Litauen nach Deutschland. Dort wurde der Wandergeselle nicht beim Meister aufgenommen. Es gab Herbergen, und man mußte sich streng an die Vorschriften des Herbergvaters richten. - Nach langem Wandern kam Vater nach Heiligenbeil 1). Er hatte dort das Glück, in einem großen Mühlenbetrieb aufgenommen zu werden. Vater hatte es damit gut getroffen, denn dort hatte er die Möglichkeit, nicht allein eine große moderne Mühle kennenzulernen, sondern auch Pläne zu zeichnen und im Mühlenbau Einsicht zu bekommen. Seine leichte Auffassungsgabe und seine Arbeitslust verschafften ihm dort eine bessere Position und guten Verdienst. Er konnte sich bald gut einkleiden, was schon immer sein Wunsch gewesen war. Auf einem Bild aus jener Zeit sieht man dem schlanken Menschen auch die gute Kleidung an. Vater lernte da viel, was ihm auch später im Umgang mit anderen Menschen gut zu Nutze kam. Mehrere Jahre waren vergangen. Ein Müllertöchterlein aus der Heimat schrieb liebe Briefe, und die eigene Sehnsucht zog mächtig - darum wurde der Heimweg angetreten. In Mitau wurde Vater auf Grund seiner Kenntnisse zum Meister gemacht. Vater bekam dank seiner guten Zeugnisse die Zezernsche Wassermühle zu pachten und heiratete die sehr tüchtige dritte Tochter eines angesehenen Müllermeisters. Vaters Eltern hatten ihren Landbesitz ganz in der Nähe. Sowohl Vaters wie auch Mutters Eltern halfen, den neuen Haushalt einzurichten. Beide waren jung und voller Arbeitsfreude und haben das noch Fehlende sich bald anschaffen können. Mutter erzählte uns, wie gern sie ihren hübschen blonden, in weißes Leinen gekleideten Mann nach Frauenburg begleitet habe. Dort haben sie an den Markttagen ihre Mehlprodukte an die städtische Bevölkerung verkauft. Die Ware ist gut gewesen und sie war immer bald ausverkauft. - Am 15. Mai 1868 wurde Katharina geboren - ein blondlockiges, dunkeläugiges Kind. Das Glück der Eltern war groß. An dieser Freude nahm auch die Baronin lebhaften Anteil. Sie war zu ihrem Leidwesen kinderlos und daher beglückt, bei meinem Schwesterchen Pate sein zu dürfen und es reich auszustatten. In dem sehr eleganten, lang niederhängenden Taufkleid sind später alle nachgeborenen Kinder getauft worden. Bis zu Käthchens Tod hat die Baronin immer mit viel Liebe für ihr Taufkind gesorgt. Es waren durch Mißernte teure Zeiten. Von weit her mußte der Vater das Getreide einkaufen. Bei solche einer Einkaufsfahrt begegnete ihm bei einem Friedhof ein Leichenzug. Bis seine Pferde sich verschnauften, überließ Vater die Fuhren der Aufsicht des mitfahrenden Jungen. Er selbst ging zum Friedhof mit. Als die Leiche eingesenkt wurde, erkundigte sich Vater, woran der Tote gestorben sei. Ein Schauer ist ihm über den Rücken gelaufen, als er hörte, daß es die schwarzen Pocken gewesen sind. Bald darauf erkrankten mein Vater und mein kleines Schwesterchen an Pocken. - Alle Leute aus dem Hause wurden ausgesiedelt. Das Vieh nahmen meine Großeltern in Pflege. Das nötige Essen schickte meine Großmutter und ließ es draußen, unweit des Hauses abstellen. Vaters Bruder Ludwig kam, um der Mutter bei der Pflege der Kranken zu helfen, denn Vater wollte im Fieberwahn immer aus dem Bett heraus. Daher hat Mutter sich nachts neben den Vater gelegt, um sein Herausspringen zu verhindern. Sie stillte auch das kranke Kind. Mutter und Onkel Ludwig wurden nicht angesteckt. Vater verlor durch diese grausige Krankheit auf dem linken Auge die Sehkraft. Das war für ihn besonders schwer, da er außerdem schon kurzsichtig war. Doch Vaters Frohnatur überwand auch dieses, und meine liebe Mutter stand ihm tapfer zur Seite. Sie führte die Mahlbücher und die Rechnungen und war von früh bis spät tätig. Am 23. Oktober 1869 wurde Jeannot geboren, zu Mutters großer Freude der gewünschte Sohn. Das Leben ging in treuer Arbeit weiter, und diese war gesegnet. Alles gedieh und man wurde geliebt und geachtet. Dann kam das Verhängnis. Die Eltern besuchten an Sonn- und hohen Feiertagen den Gottesdienst in der Frauenburg'schen Kirche. Das schmucke Gefährt, mit zwei blanken Pferden bespannt, erwartete die Eltern. - Schon Großvater gab sehr viel darauf, daß Angespann, Pferde und Wagen stets gut gepflegt waren. Sein Sohn stand ihm darin nicht nach. Es war ihm immer eine Freude - ein nettes Fahrzeug und gute Pferde zu haben; daran hat er festgehalten bis in sein Alter. - Unterwegs zur Kirche holten sie ein herrschaftliches Gefährt ein und mußten die Pferde zurückhalten, damit sie die Kutsche nicht überholen. Eine ganze Weile wurden die Pferde angehalten, damit die Kutsche einen guten Vorsprung bekäme. Doch die munteren Pferdchen hatten trotz des schlechten Weges die Arche Noah bald wieder eingeholt. Kalt wehte der scharfe Ostwind und die Pferde wollten nicht stehen. Es wird wieder weitergefahren und bald ist wieder die Arche in Sicht. Der Weg hatte gerade eine günstige Breite, und bis Frauenburg so langsam nachzuhumpeln wäre nicht angenehm gewesen. Da sagte die Mutter: "Krisch, brauc garam!" das heißt "Krisch, fahr vorüber". In der Kalesche saß ein alter Baron aus der Nachbarschaft, der auf den höflichen Gruß meiner Eltern nicht dankte. Es war ein verarmter Baron, und seine mageren Pferde konnten die schwere Kutsche kaum fortbewegen. - Nach Ostern schickte der Baron, von dem unsere Mühle gepachtet war, zum Vater mit der Weisung, daß er ihn sprechen möchte. Der Baron machte Vater den Vorwurf, daß er an einem adligen Gefährt vorbeigefahren wäre. Der Nachbarbaron verlange eine "Abbitte". Trotzdem Vater erzählte, wie es gewesen, blieb der Baron bei der Abbitte. Mein, in seinem menschlichen Stolz tief gekränkter Vater sagte, daß er seine Schuld nicht einsehen könnte und daher auch nicht abbitten werde. Der Baron kündigte daraufhin dem Vater die Mühlenpacht. Ein Jahr lang suchte Vater weit und breit nach einer neuen Mühle. Doch, da nur die Adligen Mühlen zu vergeben hatten, bekam er keine wegen seiner "Aufsässigkeit", wie ihm gesagt wurde. Da nahmen die Eltern Bauernland in Pacht, um sich ihr gutes Vieh zu erhalten, hofften aber, bald aus der ungewohnten Arbeit herauszukommen. Im Juli 1871 wurde Ludwig geboren, ein dicker prächtiger Junge. - Schwer war die ungewohnte Bauernarbeit für die Eltern. Vater fuhr tagelang, wenn er von Menschen, die um sein schweres Leben wußten, einen Hinweis bekam, daß irgendwo eine Mühle zu haben wäre, um die Mühle zu pachten. Doch immer vergebens. Am 23. November 1873 wurde ich, Adele, geboren und, da ich für Vater die gewünschte Tochter war, bin ich es auch gewesen, die er immer sehr lieb gehabt hat. Am 18. Dezember 1875 wurde Anna geboren, ein schlankes zierliches Geschöpfchen. Sehr leicht muß es meine liebe Mutter nicht gehabt haben, doch für sich klagte sie nie, sondern nur darüber, daß ihr lieber Mann sich aufrieb in der Sorge um die heranwachsende Familie, die man mit den kärglichen Einnahmen nur kümmerlich ernähren konnte. Zur Sorge kam Krankheit ins Haus. Kattig, unser Schwesterchen erkrankte. Der Arzt, der geholt wurde, konnte nicht feststellen, was es ist. Die Beinchen waren gelähmt, und man durfte das Kind nicht anrühren, weil ihm alle Glieder wehtaten. Ein halbes Jahr dauerte diese Qual, dann starb das geduldige Kind, das schon so viel der Mutter hatte helfen können bei der Betreuung der jüngeren Geschwister. Es war im September 1876, acht Jahre war sie alt geworden. Mutter konnte es gar nicht verschmerzen - ihren holden blondlockigen Liebling verloren zu haben. Eine von Käthes Locken hat Vater uns noch gezeigt, als wir schon große Kinder waren und mit Andacht zuhörten, wenn vom verstorbenen Schwesterchen erzählt wurde. So, als ob der Himmel endlich ein Einsehen hätte, daß meiner Eltern Last zu schwer geworden, bekam mein Vater eine Mühle zu pachten. Es war eine Windmühle, und dazu gehörte auch ein Krug. |
Erinnerungen von Adele Stubendorff, geb. Barthels
geboren 23. Nov. 1873 in Santen
getauft in Samiten
| Vom Umzug in die neu gepachtete Mühle in Waldegahlen weiß ich nur so viel, daß ich mit meinen Geschwistern auf einem großen Ofen gesessen habe. Später, als ich schon erwachsen war und mir diese Erinnerung nur wie ein Traum vorkam, erzählte mir mein Bruder Jeannot, wie die Tatsachen gewesen sind. - Als die Eltern mit ihren Kindern und ihrer ganzen Habe, von lieben Menschen begleitet, die mit ihren Fuhren beim Umzug halfen, in Waldegahlen ankamen, da war der vorherige Pächter noch nicht ausgezogen. In dem Gewühl konnte Mutter ihre Kinder nicht unterbringen. Es kümmerte sich kein Mensch darum, wo wir ein Unterkommen finden könnten. Da war Mutter froh, als der alte Feldwächter seine kleine, aber sehr unsaubere Stube uns anbot. Kurz entschlossen, wie es Mutters Art war, machte sie aus Kissen und Decken ein gemütliches Lager auf dem warmen Ofen, packte ihre Kinderschar, mit Ausnahme von Ludwig, dem lebhaften und munteren Jungen, da hinauf, und der gewissenhafte und zuverlässige Jeannot mußte bei seinen kleinen Schwestern bleiben. Solch ein Wechsel der Pachtstellen war in den Ostseeprovinzen immer am 23. April, dem Georgstage, üblich. Damals wurde noch nach dem alten Stil 2) gerechnet. Da haben es meine Eltern gewiß nicht leicht gehabt, mit ihren Kindern und ihrem Hab und Gut bei den schlechten Wegen und der weiten Entfernung umzuziehen, zumal es um diese Jahreszeit noch recht empfindlich kalt zu sein pflegte. - Die Jahre der schweren Arbeit und die schlechte Wohnung im Bauernhause ließ die jetzige, wenn auch recht mangelhafte Behausung als eine Verbesserung erscheinen. Da die Pacht hoch war und die Mühle sich in keinem guten Zustand befand, fing Vater einen Markthandel mit Mehl und Grützen an. Abnehmer waren die Bewohner der zwei kleinen Städtchen Talsen und Sassmacken. Talsen nur 5 Werst 3) entfernt, Sassmacken 10 Werst. Vaters praktischer Sinn und sein Können machten auch bald eine brauchbare Mühle aus dem Klapperkasten, und an Mahlgut fehlte es nicht mehr. Der Baron, der lange Zeit im Auslande gelebt hatte und sich um seine Ländereien selbst nicht kümmerte, war zurückgekommen, mit ihm seine gelähmte Mutter. Was beim Verwalter bis dahin nicht zu erreichen war, erreichte Vater beim Besitzer. Das Dach des Gebäudes war ganz alt und sollte nun ausgebessert werden. Wenn es regnete, dann mußten wir mit unseren Betten umziehen, wollten wir nicht naß werden. Es erwies sich aber, daß die Balken und andere Holzteile total verfault waren. Zu diesem großen Umbau konnte der Baron sich nicht so bald entschließen, und wir mußten noch weiter in den ungesunden Räumen wohnen. - Ich entsinne mich noch gut, daß die große Krugstube mit Ziegeln ausgelegt war. Mitten drin aber war ein Loch, das mit Lehm ausgebessert war, weil da die Ziegeln fehlten. Die Mauern waren dicke Steinmauern mit tiefen Fensternischen. Aus einer Fensternische war Annchen auf die Ziegeldiele gefallen und hatte sich ein Loch in den Kopf geschlagen, das sehr stark blutete. Da schickte Mutter und ließ Vater aus der Mühle holen, denn Annchen lag ohne Bewußtsein, und die Wunde hörte nicht auf, zu bluten. Nun erfuhr ich zum ersten Mal, daß Vater Blut stillen konnte. Wir mußten alle das Zimmer verlassen. Nach einer Weile kam Vater heraus und sagte: "Das Blut fließt nicht mehr und das Kind schläft." Vater hatte noch andere Kenntnisse, um Kranken zu helfen. Als ich erwachsen war, schenkte er mir die alte Familienbibel und wollte mich auch in seine Besprechungen und Hilfen bei Krankheiten einweihen, doch ich war zu scheu und hatte nicht den rechten Glauben daran. Daher weigerte ich mich, es anzunehmen. Sonst hat Vater es keinem seiner Kinder angeboten, und noch heute tut es mir leid, daß solch ein Wissen für Mensch und Tier verloren ging, denn er hat oft geholfen. In dieser großen Krugstube war oft ein munteres Treiben. Wenn im Winter der große Schlitten hervorgeholt wurde, dann kam er erst in die Krugstube. Da wurden die Messingknöpfe, die die Schlittendecke und den Pelzbehang am Sitz festhielten, blank geputzt. Bei solchen Gelegenheiten haben sich die Jungen großgetan und sind über den Schlitten gesprungen. Einmal brach sich Lutz dabei ein Bein. Auch wenn von den Windmühlenflügeln die Segel abgenommen wurden, kamen sie in die Krugstube. Da saß dann der alte lahme Schneider, der sonst nicht mehr gut sehen konnte, und flickte die Segel aus. Das konnte er noch besorgen und war sehr froh, über den kleinen Verdienst und vor allem über die besseren Mahlzeiten und den Abendschnaps, den er bekam. Für uns waren die Segel gute Verstecke und sonstige Spielgelegenheiten, die wir nicht ungenutzt ließen, trotzdem der alte Schneider oft brummte. Aus dieser guten Kinderzeit muß ich noch unsere alte Kinderfrau erwähnen, die der gute Geist im Hause war. Treu und meiner Mutter ergeben, sah sie überall nach dem Rechten, belehrte die Mägde und wies sie zurecht, wenn sie nicht immer so taten, wie sie sollten. Strasding, zu deutsch "Starchen", war ein fröhliches Gemüt und hat in unser sangesfrohes Haus mit ihrem unverwüstlichen Humor viele sonnige Stunden gebracht. Mit welcher Freude verkündeten wir ihr, wenn die Stare angekommen waren! Dann ging sie mit uns hinaus, um ihre lieben Brüder, wie sie sie nannte, zu begrüßen. Sie tat es mit einem Liedchen, das vom Nestbau und frohem Singen der Vögel handelte. Meine liebe Mutter hatte im Haus und Garten immer viel zu tun. Immer war nicht guter Wind zum Mahlen, aber war einer da, so mußte er genutzt werden, einerlei, ob es bei Tage oder in der Nacht war. Bei diesen Nachtarbeiten mußten sich Meister und Geselle ablösen. Da nun mein Vater oft krank war, man aber den Lehrling allein nicht bei dieser Arbeit lassen konnte, so half die Mutter oft mit, und es hat immer gut geklappt. Nur Sonnabends mußte schon um sechs Uhr Schluß gemacht werden, denn so war es alter Brauch. Dafür mußte oft am Sonntagabend die Mühle wieder in Gang gesetzt werden, wenn der Wind günstig und pressiertes Mahlgut vorhanden war. Am 10. April 1878 wurde Bernhard geboren, der der ausgesprochene Liebling der alten Strasding wurde. Er war ein schwächliches Kind und daher ihrer Pflege besonders bedürftig, da Mutter kaum die Zeit hatte, ihr Kindchen zu stillen. Trotzdem haben aber alle ihre Kinder über ein Jahr hinaus den Segen der Mutterbrust bekommen. Es muß wohl um die Zeit gewesen sein, als ich noch nicht sechs Jahre alt war. Da fuhren die Eltern mit mir zu den Großeltern Barthels. Großmutterchen war krank und wollte ihren Sohn Heinz sehen. An meine Großeltern kann ich mich kaum entsinnen, nur das weiß ich, daß ich mit Vater zusammen in Großvaters Geschirrkammer gewesen bin und die vielen Wirtschaftssachen, wie Stricke, Ketten und vor allem die mit Messingbeschlägen und Ringen ausgestatteten Pferdegeschirre anstaunte. An großen Knaggen 4) hingen sie die Wand entlang. Auch, daß mein Großvater einige Katzen auf die Kommode gestellt hatte und ich mir von diesen einen ganz schwarzen Kater aussuchte, den ich mit nach Hause nehmen durfte, ist mir erinnerlich. Da unser Haus uns über dem Kopfe zusammenzufallen drohte, gab endlich der Baron dem Baumeister die Anweisung zum Umbau. Wir mußten für diese Zeit in die Knechtherberge ziehen, wo zwei große Räume frei waren. Der Umbau begann im Frühling und zog sich bis in den Herbst hinein. Am 19. November 1880 wurde Marie geboren und war vier Monate alt, als wir umzogen. In dieser Zeit hatten es die lieben Eltern sehr schwer. Die Mühle lag weit ab. Ein Teil unserer Sachen war in der Mühle abgestellt, da wir zwei Räume in der Knechtherberge für die sechs Kinder und all die Erwachsenen schon zu eng waren. Der Herd war sehr primitiv und mußte gemeinsam mit den Arbeiterfrauen benutzt werden. Die Herstellung der Mahlzeiten gestaltete sich daher sehr schwierig. Doch für mich war das eine neue und interessante Welt. Neben unserem neuen Wohnraum war eine große Wiese, und ich lief täglich dahin, um nach den Blumen Ausschau zu halten, die doch endlich blühen mußten. - So war ich auch eines morgens früh barfuß zur Wiese gelaufen, doch nur Nebel und Kälte fand ich dort und war froh, daß ich im Zimmerofen noch Glut fand, an der ich meine erstarrten Füße erwärmen konnte. Ich plauderte mit der alten Strasding, die gerade ihr Haar kämmte. Da hörte ich so ein Brausen hinter mir und fragte, was das sein könnte. "Es wird wohl der Frühlingswind sein, der die Wärme für die Blumen bringt" wurde mir geantwortet. Es hatte aber das Feuer meine Röckchen erfaßt und in den Ofen hineingezogen. Ich brannte lichterloh und rannte voll Schreck durch die Zimmer, wodurch die Kleider nur noch mehr entflammten. Mutter, von Geschrei erschreckt, öffnete die Küchentür und versuchte, mit ihren Händen und Armen die Glut auszudrücken, konnte aber die Flammen nicht ersticken. Das sah aber eine geistesgegenwärtige Frau und goß mir den eben aufs Feuer gestellten Kessel mit Grütze über, dadurch wurde der Brand gelöscht. Mutters nackte Arme waren böse verbrannt. Von meinen nackten Schenkeln sammelte ich die Grütze ab, fühlte aber noch nicht die schlimmen Brandwunden. Der Arzt, der mich in Leinöl und Watte wickelte, gab wenig Hoffnung auf Genesung. Das Schlimmste waren für mich die schreckhaften Fieberträume, die immer dieselben waren: Ein kleines Männchen saß auf meinem Bettende und versuchte, mich mit einer spitzen Nadel zu stechen. Wenn die Spitze mich erreichte, schrie ich vor Angst auf und der Spuk war fort, um im nächsten Augenblick wiederzukommen. Der zweite Fiebertraum war, daß das Zimmer sich immer mehr verengte und ich keine Luft zum Atmen hatte. Ich muß wohl einen erbarmungswürdigen Anblick geboten haben. Die Haare und die Augenbrauen waren abgesengt, die Ohrläppchen, das Gesicht und die Hände mit Brandwunden bedeckt. Die Augen hatten auch durch die Flammen gelitten, so daß ich lange einen blauen Schirm über meinen Augen tragen mußte. Aber am meisten waren meine Waden und Schenkel verbrannt, dadurch, daß Mutter mich so fest an sich gedrückt hatte. Meine Watteumhüllung bestand aus gewöhnlicher, ungereinigter Watte, die das Leinöl nicht genügend aufsaugte. Daher war alles an die Wunden angeklebt und verkrustet und begann zu eitern. Der Arzt verordnete ein warmes Bad, darin sollten sich die vertrockneten Massen auflösen. Es löste sich aber nicht alles, und mußte daher mit Gewalt entfernt werden. Am Ende der schrecklichen Prozedur hob Mutter ein blutüberströmtes Kind aus der Wanne, das nichts mehr von sich wußte. Sie hüllte es in ein Laken und dachte, nun kommt das Ende. Doch nein, es wurde besser. Die Wunden wurden nicht mehr verpackt und heilten langsam aus. Als ob noch nicht genug der Schrecken wären, war der wilde Ludwig auf dem Bau gewesen und von Querbalken zu Querbalken gesprungen. Einmal sprang er vorbei und stürzte mit dem Gesicht auf den Bauschutt, wo er sich beide Lippen durchschlug. Er mußte nach Talsen zum Doktor gebracht werden, der ihm die Lippen nähte. Er wurde bald gesund, aber der Schreck und die Angst beim Doktor hatten ihn für eine Zeit gebändigt. Monate waren vergangen, doch ich konnte nicht aufstehen, die Füße und der Rücken versagten. Man brachte mich auf die Rampe vor dem Hause und bettete mich im Sonnenschein. Zur selben Zeit war der zweijährige Sohn des Nurmhusenschen Müllers verbrannt und gestorben. Das ging meiner Mutter sehr nahe, und immer liebkoste sie mich und sagte, daß ich nicht von ihr gehen dürfte. Das wollte ich auch nicht. Ich mußte aber immer an die Geschwisterchen des kleinen Jungen denken, die nun wohl sehr traurig waren. Später, als der älteste Bruder des verbrannten Jungen mein lieber Mann wurde, bestätigte er mir den furchtbaren Schmerz, den sie alle um das liebe Karlchen gehabt haben. Er selbst ist damals die elf Werst von Talsen bis Nurmhusen in unglaublich kurzer Zeit gelaufen, als er von dem Unglück hörte. Die Sonne wird wohl viel zu meiner Genesung beigetragen haben. Ich lag den ganzen Tag im Freien. Da hatte ich auch genügend Gesellschaft, denn alle Kinder spielten in meiner Nähe. Doch besonders denke ich an Liesing, ein stilles sanftes Kind, das mir die liebste Spielgenossin war. Sie konnte auch nicht fortlaufen, wie die anderen Kinder, weil sie ihren kleinen Stiefgeschwister beaufsichtigen mußte. Nach und nach wurde ich kräftiger. Ich konnte mich aufrichten und wie ein kleines Kind auf allen Vieren kriechen. Dann ging ich an zwei Stöcken, später nur noch an einem Stock. Das eine Bein war kürzer, da die Wunde an der Kniekehle nicht heilen wollte. Weil ich nicht zum Strecken des Beines in eine Klinik gebracht werden konnte - in Talsen war keine - , versuchte meine Mutter, mir durch Massage, Ziehen, Strecken und mit Bädern aus verschiedenen Kräutern zu helfen. Eines Tages legte sich Mutter auf mein angezogenes Knie und drückte es durch. Ich spürte einen schrecklichen Schmerz und die Wunde blutete stark. Doch es war wohl meine Rettung, denn nach einiger Zeit schloß sich die Wunde, Bäder und Streichungen halfen nach, und ich konnte bald unbehindert und ohne Stock mich fortbewegen und gesundete vollkommen. Das verdanke ich meiner lieben Mutter, die mich mit so viel liebender Geduld gepflegt hatte. Das Haus war nun fertig und wir zogen mit viel Freude ein. Jetzt hatten wir schöne weiße Holzdielen, die Zimmer waren frisch geweißt, die Öfen neu gesetzt. Jeannot besuchte schon in Talsen die Schule, Ludwig lernte noch bei Mutter, was wohl bei Lutzchens Lebhaftigkeit nicht ganz leicht für beide Teile gewesen sein mag. Für uns jüngere Kinder sorgte Strasding. Wie viele lustige Lieder sang sie mit uns! Ihr Liebling, Bernhard, war durch seine Kränklichkeit etwas verzogen, doch liebte er seine Strasding über alles. Wenn er mal seinen Launen nachgehen wollte und nicht gehorchte, da brauchte Strasding nur zu sagen: "Wo ist mein Pelzchen? Bernading ist nicht mehr lieb zu mir, ich gehe weg". Da war das kleine Herz bezwungen und versprach artig zu sein, sie solle nur den dummen Pelz fortlegen. Oft hat er den so gefürchteten Pelz versteckt. Strasding erzählte uns die schönsten Märchen. Wie ich später feststellte, habe ich die Grimm'schen Märchen von Strasding in lettischer Sprache zuerst gehört. In der Sommerzeit war sie schon früh auf und ging in den nahen Wald, um für uns Beeren zu sammeln. Sie trug die damals von den älteren Lettinnen bevorzugte lettische Nationaltracht, bestehend aus einem selbst gesponnenen, selbst gewebten und hübsch genähten Leinenhemd mit Bündchenärmeln, darüber einen gestreiften Wollrock und ein schwarzes Mieder, einen Gürtel, an dem eine große Tasche angebracht war, und darüber eine weißleinene Schürze, die die Tasche verdeckte. Ach, diese Tasche! Sie war für uns Kinder der Inbegriff alles Schönen und Geheimnisvollen. Was steckte nicht alles drin! Würfelzucker, Nadelbüchse, Fingerhut, Wachsstück, Zwirn, Taschenmesser und wer weiß, was noch alles für Herrlichkeiten, die unsere Kinderherzen erfreuten. - Ich bin nun 70 Jahre alt und trage diese Erinnerungen noch sehr hell in mir. Ja, mein Verlobter, dem ich mal von unserer Strasding und ihrer Wundertasche erzählte, schnitt in mein Nadeldöschen genau so ein Kreuzchen hinein, wie es die Strasding an ihrem hatte, damit es am rechten Ende geöffnet wurde. Später bekam ich von ihm einen Fingerhut und ein Nadelbüchschen aus Silber, an welchem auch der kennzeichnende Stern nicht fehlte. Und wer von meinen Großtöchtern einmal das Büchschen bekommen wird, das der Großvater selbst gearbeitet hat, weiß es nun, wozu das Sternchen angebracht ist. Einmal hatte sich Strasding für ihren Waldgang verspätet, da sie vorher ihr schönes langes Haar gewaschen hatte. Als sie nun in den Wald an ihren schönen Erdbeerplatz kam, sah sie schon von weitem, daß ein Mann und zwei Frauen dort schon emsig sammelten. Schnell streifte sie ihren Rock ab und das Hemd, löste das nur lose aufgesteckte Haar, daß es wie ein Mantel um die kleine Person hing, und begann schreiend und springend mit dem Hemd um sich zu schlagen. In wilder Flucht liefen die erschreckten Menschen aus dem Walde. Später wurde von den Leuten erzählt, daß sich im Walde eine nackte verrückte Person herumtreibt. Unsere schlaue Alte konnte aber nun ungestört die schönsten Erdbeeren für uns sammeln. Sie erzählte uns auch aus der Zeit der Leibeigenschaft 5). Damals erlaubte ihre Mutter ihr nicht, ohne Kopftuch zu gehen, damit man ihr schönes Haar nicht sehen sollte. Das Gesicht mußte sie auf Geheiß der Mutter mit einer grünen Nußabkochung braun färben. Der Gutsverwalter wäre ein mächtiger Herr gewesen, dem sich kein Mädchen, das er verlangte, versagen durfte, wenn man nicht ausgepeitscht werden wollte. In jener Zeit verdiente ein Mädchen einen Rubel 6) im Jahr. Außerdem bekam sie einen ledernen Schuh und mußte daher zwei Jahre arbeiten, um ein Paar zu haben. Wenn sie bis in die Nacht für die Herrschaft gesponnen hatten, durften sie erst etwas für sich arbeiten. Die groben, selbstgesponnenen Gewebe hielten dafür auch lange vor. - So erzählte sie uns auch, wie sie zum ersten Mal zur Kirche gegangen ist, aber keine Sonntagskleider hatte. Da hat ihre Mutter ihr dann den eigenen Sonntagsrock bis unter die Achseln gezogen und dort festgebunden, darüber ein großes Wolltuch im Rücken festgebunden. Auch die Lederschuhe der Mutter nahm sie mit, zog sie aber erst kurz vor der Kirchentür an, wie alle Frauen es taten. Bis dahin ging sie barfuß. Wir lernten schon früh von ihr lettische Bibelsprüche und Verschen. Besonders prägte sie uns die Liebe und Achtung zu unseren Eltern ein. Noch heute weiß ich das Vers'chen in lettischer Sprache, welches die Kinder auffordert, in dichten Scharen zu den Eichen zu kommen, wo sie Absalon 7) in den Zweigen hängen sehen; lernt alle daraus - Vater und Mutter zu ehren. Mein liebes Elternhaus, wie warst Du so reich an Liebe! Wie habt Ihr, liebe Eltern, für uns alle schwer gearbeitet, um uns gute Schulen zu geben! Baron Fircks sah sich veranlaßt, Papa zu sagen: "Sie geben ihren Kindern zu viel Schule, später werden sie ihre Eltern nicht mehr kennen wollen". Darauf Papas Antwort: "Ich glaube, daß ein gebildeter Mensch noch mehr davon verstehen wird, was seine Eltern für ihn getan haben, um ihm das Leben leichter zu machen, als sie es selbst gehabt haben". Ja, alle Eure Kinder haben es leichter gehabt und haben sorgenfreier gelebt als Ihr. Wie oft, als ich älter wurde, habe ich Eure Sorge, ob das Pachtgeld zur rechten Zeit beisammen sein wird, mitempfunden. Doch es wurde immer geschafft. Nichts habt Ihr für Euch ausgegeben. Keine Vergnügungen, keinen Putz und Staat habt Ihr gekannt. Ihr habt mit uns gelebt - und das war Eure Freude. Dadurch haben wir eine schöne sonnige Jugend gehabt. Ludwig ging nun auch in Talsen zur Schule und ich lernte bei Mama. Als aber der Frühling mit seiner vermehrten Arbeit in Haus und Garten kam, sollte ich für einige Monate zu Mamas Freundin nach Talsen, um dort fleißig zu lernen. Im Herbst sollte ich in die Toepffersche Vorbereitungsschule und Pension kommen. Mamas Freundin, Frau Friedenberg, war eine Lehrerswitwe und hatte nur eine sehr kleine Pension; da nahm sie, wie so viele Frauen, Schulkinder bei sich auf. Sie hatte nur ein kleines Zimmer, welches mit einer Gardine in Wohn- und Schlafzimmer geteilt war. In einer Ecke stand der Herd, der an kalten Tagen das Zimmer schön erwärmte. Hinter der Gardine schliefen Frau Friedenberg und ich in Betten. Für die anderen fünf, zwei Mädchen und 3 Knaben, wurden abends Strohsäcke auf den Fußboden gelegt, die tags in der Holzscheune ihren Platz hatten. Oft blieb auch das 14-jährige Mädel, das Frau Friedenberg als Hilfe hatte, zur Nacht, denn sie hatte bis zu ihrer Mutter einen weiten Weg und war sehr furchtsam in der Dunkelheit. Dieses Mädchen schlief dann auf einem winzigen Strohsack im Ofenwinkel. Die 5 Kinder waren lettische Bauernsöhne und -töchter. Das Geld war knapp, weil die Landeserzeugnisse sehr billig waren. Die Eltern der Kinder waren froh, wenn sie mit einem kleinen Beitrag zur Miete und für Petroleum, außerdem Brennholz, Milch, Brot, Butter, Räucherfleisch, Grütze und Mehl und was noch abgemacht wurde, ihre bildungshungrigen Kinder bei einer deutschen Dame unterbringen konnten. Es fiel den Bauern schwer, das Schulgeld für die deutsche Schule aufzubringen. Außer einer lettischen Volksschule, die nur 3 Wintersemester Unterricht gab, war für die Letten keine andere eigensprachige Schule vorhanden. Die lettischen Kinder waren fleißig und ehrgeizig und gehörten bald zu den besten Schülern der deutschen Schule. Eines Nacht wurden wir vom Feueralarm geweckt. In unser nächsten Nähe brannte der große Speicher eines jüdischen Kaufmanns. Frau Friedenberg setzte sich auf die Schaukelbank unter ihrem Fenster und wollte nicht weggehen. Trotzdem der Speicher nahe am See lag, konnte das Feuer nicht gelöscht werden. Es war ein schauriger Anblick. Die Funken wurden in ganzen Wogen über den Seezipfel zu uns hergeweht und es knatterte so schrecklich unheimlich. Die brennenden Tonnen wurden in den See gekullert. Da in ihnen Fette, Teer und Petroleum war, brannte auch bald die Oberfläche des Sees. Als die Glutwellen immer spürbarer wurden, nahm ein Mann mich verängstigtes Kind, sowie die schreckgelähmte alte Frau Friedenberg und brachte uns in Sicherheit. Gute Menschen nahmen uns zur Nacht auf. Frau Friedenberg hat sich bald von ihrem Schreck erholt, auch ihr Heim war unversehrt geblieben. Nur mein leichtes Sommerkleidchen hatte kleine Brandflecken aufzuweisen, trotzdem ich unter das große Umschlagtuch gekrochen war, das Frau Friedenberg sich umgelegt hatte. In den nächsten Tagen roch es im ganzen Städtchen sehr aufdringlich nach dem noch brennenden Weizen. Die Menschen gingen mit Eimern hin und holten sich das angekohlte Getreide für ihre Schweine und Hühner. Es kamen die Sommerferien und auch ich fuhr nach Hause. Dort hatte ich mein liebes Reh, welches ich mit einer Milchflasche großgezogen hatte und das mir wie ein Hündchen hinterherlief. Doch meine Freude an dem Tierchen sollte nicht lange dauern. Die Nichten des Barons hatten mein Tier gesehen und wollten es haben. Da kam der Diener vom Schloß und holte sich mein Reh, welches der Baron später bezahlen sollte. So gern mein Vater mir mein Reh erhalten wollte, durfte er sich doch gegen den Befehl des Barons nicht auflehnen, denn er hatte schon wegen geringerer Sachen einmal Brot und Arbeit verloren. Unerbittlich und hart waren die Edelleute und von einem lächerlichen Hochmut uns deutschen Menschen gegenüber, die wir in harter Arbeit die Pachtsumme für diese Herrschaften herausarbeiten mußten. Einer von ihnen rühmte sich sogar und sagte zufrieden: nun wäre er den letzten Deutschen losgeworden und hätte nur noch lettische Pächter und Handwerker. Wie bitter aber rächte sich später dieser Unverstand, als diese selben, von ihm so bevorzugten Letten im Jahre 1905 8) die Schlösser der Barone niederbrannten und die Barone selbst, soviel sie ihrer nur habhaft werden konnten - erschlugen. Auch nach dem Weltkriege, als die Letten zur Macht gekommen waren, enteigneten sie alles Land der Edelleute und teilten ihren früher so harten Herren nur das kümmerlichste Stückchen Land und die jämmerlichste Behausung zu. Von unserem Baron, dem Besitzer von Waldegahlen, wußten wir nicht viel. Er war unverheiratet und lebte im Auslande. Es ging das Gerede, daß er in Italien ein Mädchen lieb gewonnen hätte, das er es aber nicht der Mutter als Schwiegertochter bringen durfte, da es eine Bürgerliche wäre. Nach Jahren kehrte der Baron mit seiner gelähmten Mutter nach Waldegahlen zurück. Vorher wurde ein hübscher Wald mit guten Wegen durchzogen, mit Ruheplätzen versehen und mit hübschen Anpflanzungen geschmückt. Dort konnte man den menschenscheuen Baron oft arbeiten sehen, wie er die trockenen Zweige absägte, an warmen Tagen in Hemdsärmeln, und der Fahrstuhl seiner geliebten Mutter stand immer in seiner Nähe. Als seine Mutter starb, wurde er noch menschenscheuer und lief davon, wenn er im Waldpark bei seiner Arbeit von einem Sonntagsspaziergänger überrascht wurde. Wir Kinder wurden von den Eltern streng dazu angehalten, dem Baron aus dem Wege zu gehen. In den langen Jahren der Zusammenarbeit zwischen dem Baron, dem Besitzer von Waldegahlen und meinem Vater, dem Müller dortselbst, bildete sich ein Verhältnis der gegenseitigen Achtung und Hilfsbereitschaft heraus. Der Baron half oft, wenn es den Eltern durch Krankheiten zu schwer ging. Besonders meiner lieben Mutter hat er stets eine besondere Aufmerksamkeit gezollt. Als sie durch die schlechte feuchte Wohnung schwer rheumatisch wurde, hat Baron Fircks 3 x eine Badekur im Schwefelbad Kemmern für sie bezahlt. Von der Unsitte des Ärmelküssens, wie die Barone es gern sahen und diesen lächerlichen Tribut auch von den Letten einheimsten, indem sie ihnen den Arm hinhielten, hielten wir uns frei und unsere Eltern haben uns auch nie zu solch einem Tun ermuntert. Der bei uns Kindern nicht beliebte und daher gemiedene Verwalter, Baron Brüggen, war unverheiratet und lebte in einem Nebengebäude ganz allein, nur betreut von einer Wirtschafterin. Er war aber ein gewissenhafter Mensch, der es mit seinen Pflichten sehr genau nahm. Mehrere Mal täglich konnte man ihn schnellen Schritts, begleitet von seinem Dackel, an unserem Hause vorbeigehen sehen. Einst hatte dieser Dackel unseren großen wohlgenährten Kater angegriffen und der Baron ist ihm zu Hilfe gekommen, weil er für seinen Hund fürchtete. Mit seinem Stock, der einer kleinen Schaufel glich, hat er den Kater erschlagen. Ein Bettelweib am Straßenrand hat ihm deshalb nachgeschimpft und gesagt, daß man so alle "Kakelkungi" erschlagen müßte. (Kakelkungi = Bedrücker). Wir Kinder haben glücklicherweise diesen Vorfall nicht gesehen. Die Leute von der Schmiede aber hatten den Kampf und seinen betrüblichen Ausgang mit angesehen und ihn uns erzählt, als wir den toten Kater fanden. Am anderen Tage kam Baron Brüggen zu Mutter und entschuldigte sich. Es wäre nicht seine Absicht gewesen, den Kater totzuschlagen. Doch im Volke wurde er von da an nur noch "Katzenmörder" genannt. Unsere Mutter litt es nicht, wenn wir uns vor dem Kruge oder in der Krugstube aufhielten. Auch war es uns bei Strafe verboten auf die nahe Wiese nach Blumen zu gehen. Baron Brüggen hatte uns mal mit dem Stock gedroht, als er uns auf der Wiese antraf und ich nehme an, daß er uns bei Mutter verklagt hatte. Unser Aufenthalt im Sommer war an der Rückseite des Hauses; dort durften wir auch barfuß gehen, was uns Mädchen sonst nicht erlaubt war. Unter den Fenstern war eine Schaukelbank und ein schmales Blumenbeet. Bergab führten einige Stufen zum Steg, der über einen Sumpfgraben ging. An der anderen Seite ging es hügelan und dort war ein Quell, der in einen Bottich floß und uns das schönste Trinkwasser gab. Dann ging es den Sumpfgraben bergauf und dort hatten wir unseren "Obstgarten", der aus zwei Apfel- und ebensoviel Birnbäumen bestand. Oben, wo das Gelände gerade verlief, war unser Gemüse- und Frühkartoffelland. Aus diesem Stückchen Land schaffte Mutter uns die schönsten Genüsse an Gemüsen und Salaten. Nie hat ein Mädchen Mutter helfen dürfen beim Ausjäten des Unkrautes. Darin war sie zu eigen, denn die Mädchen ließen oft die Wurzeln des Unkrautes drin und dann war in kurzer Zeit alles noch schlimmer, als zuvor. Zu den rosa Frühkartoffeln kamen bald die ersten "Schneeflocken", die Mutter erst von einigen wenigen als Saat heranzog. Auf dem Felde wurden für uns die kleinen, aber sehr schmackhaften "Oschlapping" genannten Kartoffeln gesteckt. Das Land wurde uns von den Gutsfeldern zugeteilt, wo gerade Kartoffeln hinkommen sollten. Stecken und im Herbst ernten mußten wir selbst und wir Kinder halfen gern mit. Es war ein besonderer Tag der Freude, wenn Mutterchen das erste Gemüse aus dem Garten brachte, die ersten süßen Morrow-Erbsen gestovt wurden oder zu Jakobi die Frühkartoffeln von ihr selbst, ohne die Pflanze auszustören, einzeln herausgebuddelt wurden. Wie schön konnte man in dem Graben, der den Garten zum Mühlenweg abschloß, spielen! Am Rande des trockenen Grabens waren hohe Stangen eingesteckt, an denen sich üppig der Hopfen rankte und für uns und unsere "Familie" Wohnraum bot. "Kaufmann" oder "Mutter und Kind" waren unsere liebsten Spiele. An kleinen Kindern fehlte es nicht, da alle zwei Jahre ein neues Geschwisterchen bei uns ankam. Doch die Kleinsten bekamen wir nicht zum Spiel, was wir doch am liebsten gehabt hätten. Erst, wenn sie schon laufen konnten, wurden sie unsere Spielgefährten. Einmal wäre uns beinahe der Bernhard im Sumpfgraben erstickt, wenn nicht die Schmiedsleute es gesehen und das arme Sumpfmännchen gerettet hätten. Die älteren Brüder spielten selten mit uns. Jeannot war ein sehr fleißiger Schüler und ein "Bücherwurm". Lutzchen, den Wildfang, dem kein Baum zu hoch, um nicht die Rabennester zu zerstören, kein Wasser zu tief, um nicht darin zu baden und zu schwimmen, zog es mehr zu den Arbeiterjungen, deren wilde Spiele er mitmachte. Auch suchte Vater die Jungen bei sich in der Mühle zu beschäftigen. Die Mühle war ein herrlicher Spielplatz - leider für uns Mädchen verboten, wenn die Eltern nicht dabei waren. Trotzdem habe ich so manches Mal die Fahrt vom untersten Raum bis hoch nach oben gemacht. Im unteren Raum wurden die Getreidesäcke abgestellt. Um nun die Säcke nach oben zu bringen, wurde eine Welle, um die sich eine Kette wickelte, in Tätigkeit gesetzt. Diese Kette umfing den Sack und darauf setzte man sich im Reitsitz, die Hände um die Kette geklammert. Wenn alles in Ordnung war, fing die Welle, mit dem Rad verbunden, sich an zu bewegen und die Kette aufzuwickeln. So wurde man schön in den 3. und 4. Stock hinaufbefördert. Dann wurden die letzten Lukendeckel geschlossen und man stieg die viele Treppen hinunter. Ludwig machte die Fahrt auch mit der Kette hinunter. Einmal versuchte auch ich es, doch es war mir zu unheimlich, wenn ich aus der Höhe hinuntersah. Auch mußte man mit den Füßen in den Kettenschlingen stehen, die recht fest anzog. Wir lernten früh Wind und Wolken zu beobachten, denn wir waren ja Papas "Augen", wie er sagte. Wir liefen oft zur Mühle, um Papa zu sagen, daß aus Ost, West oder anderen Himmelsrichtungen die "Schwärken" heranzogen. Ja, wenn es gar zu drohend aussah, ging Mutter, wenn Vater oder der Geselle allein oben waren, hin, um zu helfen. Bei heftigen Gewitterstürmen half manchmal auch nicht die "Presse", mit der man sonst die Mühle stillegte. Es kam daher auch vor, daß die Mühlenflügel abgebrochen wurden, wenn man durch das Außenrad nicht schnell genug die Flügel aus der Gefahrenzone drehen konnte. Auf dem obersten Mühlenboden standen große Kasten mit Getreide. In diesem Getreide bewahrte Mutter ihre Vorräte an geräuchertem Schweine- und Lammfleisch auf. Die leckeren Gänse- und Entenbrüste, sowie die dicken festen Rauchwürste waren auch dort im Hafer vergraben. Dort aufbewahrt - blieben sie bis zum letzten Zipfel schmackhaft. Einmal waren Diebe darüber geraten und hatten uns die besten Stücke herausgestohlen. Das war schlimm, weil man keinen Ersatz beschaffen konnte und man auf dem Lande auf die geräucherten Vorräte an Fleisch angewiesen ist. Im Herbst war die Zufuhr an geschlachteten Schafen und Lämmern auf dem Sassmackenschen Donnerstagmarkt groß. Da kaufte, je nach Güte zu zweieinhalb bis 5 Kopeken das Pfund, Vater seinen Bedarf ein. Das Fleisch wurde dann zerteilt, gesalzen und geräuchert. Das Schafsnierenfett wurde mit Salz und Gewürzen bestreut und mit einer Holzkeule in einen nur zu diesem Zweck verwandten Holztrog gut verrieben. Aus der Masse wurden gänseeigroße Stücke daraus geformt, mit der Fetthaut umwickelt und mit einem Zwirnfaden festgebunden. Diese Stücke wurden dann in ein großmaschiges Netz gebunden und in den Schornstein zum Räuchern gehängt. Mit diesem Räucherfett wurden die schmackhaften Fettgrützen und Riebelsuppen gekocht. Auch brachte Vater vom Sassmackenschen See in der Winterzeit die kleinen Barsche und Weißfische in festgefrorenem Zustand sackweise mit nach Hause. Die wurden über dem Kellerraum, der sehr kalt war, abgestellt und gaben uns, knusprig gebraten, eine schöne Abwechslung, die Vater besonders liebte. Mit Wild waren wir reich versorgt, da die wildreichen Dondagenschen Wälder genug hergaben. Unser Arzt, Dr. Strauß, der ein großer Jäger war, bedachte uns auch immer reichlich. Es war bei den Eltern üblich, beim großen Schweineschlachten auch den lieben Onkel Doktor nicht zu vergessen. Auch bekam er zu Ostern die Ostereier und zu Martini die Gans. An den Vorabenden der Markttage kamen die Fischerfrauen mit ihren Fuhren mit frischen und geräucherten Fischen (Seefischen) an. Mutter kaufte dann von ihnen Butten, Strömlinge und Brätlinge. Die Räucherfische wurden in einem ovalen grobmaschigen Sieb aufbewahrt. Die Strömlinge waren immer zu 100 Stück auf Bast aufgezogen. Die Fischfrauen blieben bei uns zur Nacht. Sie tranken sehr viel Tee, um sich zu erwärmen und schliefen dann auf Strohsäcken, die auf die sehr breiten Krugstuben-Bänke gelegt wurden. Die gesuchtesten Bänke waren die an den warmen Wänden und wurden selbstverständlich den angesehensten und ältesten Frauen überlassen. Teewasser und Schlafsäcke wurden unentgeltlich geliefert und brachten nur unserer Magd ein bescheidenes Trinkgeld ein. Bei der Rückfahrt kauften dann die Frauen ihren Bedarf an Mehl und Grützen, auch den Hafer für das Pferd bei uns ein und wenn Vater ihnen ab und zu etwas von unseren schönen grauen Erbsen abgab, war ihre Freude besonders groß. Als meine Brüder schon älter waren und Weg und Wetter es erlaubten, fuhren sie mit Vater an den Strand mit einem großen Fuder Mahlgut und Erbsen. Das war dann für alle Teile eine befriedigende Fahrt. Mit Freuden kauften die Fischer alles auf und Vater brachte von dort die schönen eingemachten Brätlinge in den appetitlichen Holzfässern mit nach Hause. Diese Brätlinge hielten sich ein ganzes Jahr schmackhaft. Auch Krebse gab es damals noch viel in Kurland. Wenn die Erbsen blühten, kamen die Krebshändler mit den zappligen wehrhaften Rittern an. 2 - 10 Kopeken zahlte man für ein Band (30 Stück), je nach der Größe. Mutter verstand es, sie besonders schmackhaft zu kochen. Ein Krebsessen war immer eine fröhliche Angelegenheit, zu der Mutters Schwester und auch der Onkel und Vetter, die in Talsen lebten, eingeladen wurden. Es wurde darauf geachtet, daß wir Kinder die Krebse richtig aufbrachen und sachverständig aßen. Auf dem Gut gab es außer der Wirtin, die dem Baron den Haushalt führte, noch die Jungfer und Herrn Ley, der das Drainieren der Wiesen und Felder leitete. Alle anderen Stellen und Handwerke waren mit Letten besetzt. Herr Ley, ein feingebildeter Herr, und die Wirtin waren mit den Eltern befreundet. Auf den Gütern war eine Austauschbücherei und auch meine Eltern konnten diese wirklich guten Bücher haben, was in reichem Maße ausgenutzt wurde. Es war immer eine große Freude, wenn eine neue Bücherkiste angekommen war und Herr Ley die Bücher den Eltern brachte und oft auch daraus vorlas. Herr Ley lebte auf dem Gut, wo er zwei hübsche sonnige Stuben hatte und speiste auch dort dasselbe gute Essen, das für den herrschaftlichen Tisch gekocht wurde. Wie oft hat er für mich, seinen Liebling, die süße Speise aufbewahrt, wenn ich an den bestimmten Tagen zu ihm kam, um ihm, wie er es bei Mutter tat, vorzulesen. Zuweilen kamen wir beide, Annchen und ich zu ihm zum Besuch, denn bei ihm war es immer sehr gemütlich. In seinem Wohnzimmer hatte er viele nette Sachen aus Bernstein, die er selbst gedrechselt und angefertigt hatte. Auch Häkelnadeln und viele andere Kleinigkeiten entstanden unter seinen geschickten Händen. Besonders gefielen uns die kleinen zierlichen Senf- und Meerrettichlöffelchen. In seinem Schlafzimmer stand ein Vogelkäfig, so groß, daß er selbst hineingehen konnte. Darin waren viele Vögel. Ich weiß nicht mehr, ob es nur Kanarienvögel waren. Er nannte sie seine fröhlichen Zimmergenossen, die ihm sein einsames Leben verschönten. Es war ein Geheimnis um diesen Mann und sein einsames Leben. Vielleicht haben meine Eltern es gewußt, denn sie hatten für ihn sehr viel Güte übrig; doch geredet haben sie nie darüber. Herr Ley trug einen braunen Kaisermantel, einen weichen braunen Hut und an den Füßen Holzpantoffel, die er sich selbst herstellte. Er war ein starker Raucher und präparierte sich die vom Gärtner gezogenen Tabakpflanzen selbst. Der ganze Korridor roch scharf nach Tabak, der in den anliegenden Bodenkammern aufbewahrt wurde. Seiner ungewöhnlichen Kleidung wegen fiel er sehr auf und auch weil er das Lettische schlecht sprach, erschien er den Leuten als lächerliche Figur. Als wir einmal von einem Besuch bei ihm zurückkamen, gingen wir durch die Pflaumenallee. Viele schöne Pflaumen lagen am Boden. Wir sammelten eifrig, soviel nur unsere Schürzen faßten und brachten die für uns seltenen Früchte zur Mutter. Auf Mutters Frage, woher wir sie hätten, erzählten wir ganz wichtig, wo wir sie aufgelesen und daß da noch viele viele liegen. "Hat euch jemand erlaubt, die Pflaumen aufzulesen?" "Nein, da war ja niemand". - "Fremdes Gut zu nehmen ist Diebstahl und meine Kinder sollen keine Diebe sein. Ich gehe gleich mit euch, die Pflaumen zurückzubringen". Auf meinen Vorschlag, die Pflaumen wieder unter die Bäume zu schütten, ging Mutter nicht ein. Sie suchte den Gärtner auf und wir mußten ihm die Pflaumen zurückgeben und selbst erzählen, wie es gewesen. Als Sühne sollten wir dem Gärtner die Hand küssen. Seine Hand war aber sehr haarig und mir war nicht sehr wohl dabei. Nach dem Versprechen, es nie mehr zu tun, gingen wir nach Hause und ich fühlte mich noch lange Zeit sehr belastet. Diesen Vorfall hatte die alte Baronin von ihrer Laube aus mit angesehen und die näheren Erklärungen vom Gärtner bekommen. Nach einigen Tagen wurde uns vom Gut ein riesiger Korb mit Pflaumen geschickt und wir alle haben uns sehr gefreut. Im selben Herbst wurden in unserem Obstgarten einige Apfelbäume und einige Reihen Stachelbeersträucher gepflanzt. Das Gut hatte eine große Schafherde. Wenn die Schafe zur Weide gingen und wieder zurückkamen, mußten sie an Herrn Ley's Fenster vorüber. Das Geblök und unangenehme Geschrei war ihm so zuwider, daß er oft recht stürmisch seine Fenster zuwarf. Einst geriet er mitten in die Herde und nahm, die Hände an die Ohren gedrückt, mit fliegendem Mantel und klappernden Pantoffeln reißaus. Lachend sahen sich die Arbeiter, ihre Frauen und Kinder dieses komische Schauspiel an. Von da an wurde der arme Mensch aus allen Winkeln von Groß und Klein mit "bläh-mäh, bläh-mäh" verspottet. Das Schlimmste war, daß er sich fast krank darüber ärgerte. Der sonst so ruhige stille Mensch konnte außer sich geraten über diese Lächerlichkeit. Einmal sah Ludwig von draußen durch das offene Fenster die Eltern und Herrn Ley im Speisezimmer am Kaffeetisch sitzen. Wie gestochen fährt plötzlich Herr Ley auf, denn durchs Fenster klang es "bläh-mäh". "Das war der Ludwig, ich habe ihn gesehen", rief er. Nach einer Weile kommt der Bengel ganz unschuldig ins Zimmer, macht seine Verbeugung und tut, als ob er das beste Gewissen hätte. Meine Mutter aber hatte schon die Rute vom Uhrkasten genommen und Lutz ins Schlafzimmer geschickt. Bald hörte man die Streiche und Schreien. Später erzählte uns der Schlingel unter dem Siegel der Verschwiegenheit, er hätte Mutter versprechen müssen - nie mehr so gemein zu sein. Die Prügel jedoch hätte nur ein Bettkissen abbekommen, er selbst hätte nur das Geschrei dazu gemacht. Herr Ley und Lutz wurden später gute Freunde. Die Knechtjungen, deren anerkannter Anführer bei allen Streichen Ludwig war, fügten sich seinem Geheiß - mit dem blöden "bläh-mäh" - Geschrei aufzuhören. Wer es nicht gutwillig tat, der wurde jämmerlich verdroschen, denn Lutz war stark und gewandt und nahm es auch mit den großen Jungen auf, wenn es sein mußte. Mit dem Schulanfang kam ich zu Frau Toepffer. Diese hatte eine Vorbereitungsschule und nahm mich auch in "Kost und Logis". Es gefiel mir gar nicht, von Hause fort zu müssen, denn seitdem Lisette, unsere junge Kindermagd, mit mir zusammen bei Mutter lesen und schreiben lernte, war es viel lustiger. Unsere alte Kinderfrau, die Strasding, mußte viele weite Fußtouren machen, 100 Werst und mehr, um ihren zu Unrecht eingezogenen einzigen Sohn vom Soldatendienst freizubekommen. Daher war Lisette, die Tochter eines Bauern, der sich und sein Anwesen zu Tode getrunken hatte, bei uns eingestellt. Sie war noch nicht zur Schule gegangen und wollte doch so gerne lernen. Lisette lernte nun aber allein weiter und ich kam in eine mir ganz neue Umgebung. Frau Toepffer war als Beamtenwitwe mit 7 Kindern und einer sehr kleinen Pension darauf angewiesen - durch Schulehalten und Pensionäre den Lebensbedarf für sich und die Kinder zu schaffen. Ihre Eltern hatten ihr in ihrem Hause die obere Wohnung von 7 Zimmern mit allen wirtschaftlichen Bequemlichkeiten zur Verfügung gestellt. So hat sie die 5 Kinder, die sie noch zu Hause hatte, so unterbringen können, daß auch noch Platz für die fremden Kinder blieb, die dieser gütige Mensch in Erziehung nahm. Ihre beiden ältesten Söhne waren als Lehrlinge außer dem Hause. Ich war ein sehr schüchternes Kind. Mich konnte ein prüfender Blick zum tiefsten Erröten bringen. Das empfand ich sehr schwer, denn ich kam mir mit meinem unnötigen Erröten so vor, als ob der andere ein Schuldbewußtsein darin sehen könnte. Dieses habe ich trotz meines Alters immer noch nicht ablegen können und ärgere mich heute noch darüber. Auf dem Lande geben die Menschen wenig darauf acht, wie sie ihre Muttersprache sprechen und wir wurden selten gerügt, wenn wir die Artikel und Umlaute nicht gebrauchten. Daher gaben wir den Toepfferschen Kindern oft Gelegenheit, hell über uns zu lachen, wenn wir statt "kopfüber - koppieber" sagten und anstatt "Füße - Fieß" und was der schweren Sprache Unterschiede noch mehr waren. Viele heimliche Tränen schmerzlicher Sehnsucht nach Hause wurden geweint. Doch ein Ausgleich, der mein Selbstbewußtsein hob, kam bald zum Vorschein. Ich war eine fleißige Schülerin und meine Arbeiten wurden vor der ganzen Klasse gelobt. Bald war ich ein fröhliches Kind mit den anderen Kindern und als ich im praktischen Mithelfen, wozu uns Frau Toepffer anhielt, geschickter als die Stadtkinder war, bekam ich bald das Gefühl einer kleinen Überlegenheit. Was mir aber eine neue wunder-wunderbare Welt aufschloß, waren die vielen Kinderbücher, die in einem Zimmer viele Regale füllten. Ich bekam die schönsten Märchen- und Sagenbücher zu lesen und war vollkommen glücklich, wenn ich mich mit meinen Büchern in einen versteckten Winkel im Garten zurückziehen konnte. Außer den Schulbüchern, die damals noch alle in deutscher Sprache waren, gab es im Elternhause noch den Mitauschen Kalender und die vielen Andachts- und Gesangbücher der kleinen Kirche. Damals hatte fast jede Kirche im Lande ein anderes Gesangbuch und da die Eltern in mehreren Kirchen gewesen waren, fehlten uns auch nicht die Gesangbücher. Als wir größer waren, haben wir die Sonntagsandacht der Eltern geteilt. Aus den Gesangbüchern hatte Mutter die passenden Lieder schon herausgesucht, die wir zur Freude meines Vaters gern mitsangen, geführt durch Mutters gute Stimme. Mutter, die gern vorlas und an Vater einen aufmerksamen Zuhörer hatte, benutzte fleißig die Bücher aus der Wunderkiste. Ihre fleißigen Hände ruhten dabei nicht. Es entstanden die Strümpfe für die vielen Kinderbeinchen, so daß die Abendstunden, die Mutter sich zum Lesen nahm, noch praktisch genutzt waren. Damals wurden die Stoffe für die Kleider alle selbst gewebt. Die Wolle wurde zu Hause gefärbt, getockt und gesponnen. Späterhin entstanden die Tockereien in den Wassermühlen und da war das Spinnen fast wie eine Tanzfreude mit den schönen gleichmäßig getockten Knäueln. An diesen Spinnabenden beteiligten sich auch die Mägde, die Hede 9) spinnen mußten, welche zu Säcken gewebt wurde. Mutter spann den Flachs und die Wolle selbst und ihr feiner und gleichmäßiger Faden wurde oft bewundert. An solchen Spinnabenden hatten wir oft Unterhaltung durch die eingekehrten Reisenden und Hausierer. Besonders der Pindeljude Markus kannte viele Sagen und Märchen. Noch interessanter aber war sein Pindel, in dem er viele brauchbare Kleinigkeiten, als: Baumwolle, Knöpfe, Nadeln, Nähgarn und Bänder hatte und auch duftige Seife. Bei uns gab es duftige Seife nur für Gäste, die bei uns einkehrten und dann die zwei Zimmer bewohnten, die sonst wenig genutzt wurden. Für uns gab es eigengekochte Seife, die meine Mutter besonders gut zu kochen verstand. Wir hatten einen großen Seifenverbrauch, da alle unsere Dienstleute und Gesellen auch mit bewaschen wurden. Es wurde die damals beliebte Palmseife auch in unserem Hause gebraucht, aber wir Kinder mochten sie nicht, denn sie war scharf und biß in die Augen. Eine große Freude hat Vater uns mit der ersten Rundbrenner-Lampe gemacht, die besonders von Mutter als helle Arbeitslampe geschätzt wurde. Diese Petroleumlampe wurde bald das Tagesgespräch im Umkreis; ja, die besonders Neugierigen baten darum - diese Wunderlampe brennend zu sehen. Wir hatten bis dahin nur Flachbrenner gehabt und die Mühlenlampen stellte uns der Klempner her, durch welche wir mehrere Baumwollfäden als Docht einzogen. Bei manchen Verrichtungen wurden noch "Pergel" angezündet. Das sind lange dünne Späne, die ganz trocken sein mußten und die man anzündete, um in den Backofen hineinzuleuchten, wenn die großen runden Roggenbrote zum Backen eingeschoben wurden. Auch die Talglichte hat Mutter selbst gezogen. Dazu wurde Rinder- oder Hammeltalg geschmolzen. Die Baumwollfäden, die man erst etwas auf dem Spinnrad gedreht hatte, wurden zerschnitten, so lang man die Lichte haben wollte. Dann wurden sie über einen dünnen Eisenstab gelegt, in richtigen Abständen und hübsch glatt geordnet. In ein festes Trog wurde der Talg hineingegossen, der Eisenstab, worauf die Fäden hingen, eingetaucht und herausgehoben. An der Luft erstarrte das Fett an den Fäden rasch und nun wurden sie immer wieder eingetaucht und herausgezogen, bis die Lichte die gewünschte Dicke erreicht hatten.. Dazwischen mußte man von dem heißen Fett aus dem Schmelzkessel im Trog nachfüllen, da das Fett dort leicht auskühlte. Diese Lichte wurden in mehreren Größen hergestellt und an die Landfahrer verkauft, die im Kruge übernachteten. Mit ihrem ganzen Fuhrwerk, so groß es auch gepackt war, fuhren die Reisenden in die "Stadolle" ein, dort war es trocken und warm. Das Tor konnte von außen nicht aufgemacht werden. Der Fahrer mußte erst ins Haus kommen, dort bekam er die Laterne und ein Licht zu 1, 2 oder 3 Kopeken und den Schlüssel zur kleinen Tür, die in die Stadolle führte. Dann erst konnte er das Einfahrttor aufmachen. Der Raum war groß und an den Wänden waren saubere Krippen für die ausgespannten Pferde angebracht. In einer Ecke war Stroh aufgetürmt, in welches sich oft die Fahrer betteten, die nur eine kurze Rast machen wollten oder ihre zuweilen wertvolle Ware unter Aufsicht behalten wollten. Die Dondanger Bauern standen im Rufe, besonders dumm zu sein. Einer von ihnen stürzte einst schreckensbleich in die Krugstube und erzählte - im Stroh sitze der Teufel!- Die anderen Leute gingen nun auch hinaus, um sich den Teufel im Stroh anzusehen. Tatsächlich - da saß etwas unheimlich Schwarzes, Großes, noch mit Stroh bedeckt und grunzte. Es war unsere schwarze Yorkshire-Sau, die es meisterhaft verstand, die Stalltür aufzumachen, um sich im Stroh ein behagliches Lager zu suchen. Das war der Teufel im Stroh!- Mutter hielt mehrere gute Artsauen, die sie oft für teures Geld und aus weiter Ferne selbst einkaufte. So hatte sie immer genügend Ferkel, die zur Mast gestellt wurden oder auch als Ferkel gute Preise brachten. Für diese Zucht hatte der Verwalter, Baron Brüggen, ein reges Interesse und schaffte sich einen guten Zuchteber an. Auch wollte er die Ergebnisse der Fütterungsarten auf ihren Nutzen hin gern wissen. Da stellte Mutter mehrere Paar Schweine, die gleich alt und gut waren, ein. Nun wurde die eine Gruppe mit Magermilch und feinem Weizenmehl gefüttert, die zweite Gruppe mit Korn und die dritte gewöhnlich mit Kleie, Mehl, Kartoffeln und Küchenabfällen. Zart war das Fleisch von den mit Milch gefütterten Schweinen, doch hatten sie wenig Gewichtszunahme gehabt. Die dritte Gruppe hatte sich am besten herausgemacht und war auch die billigste Fütterung gewesen. Mutter hatte über alle diese Versuchstiere Buch geführt. Unsere fetten Schweine wurden auch von den Nachbarn gekauft und auf mehreren Fuhren in geschlachtetem Zustand und sauber hergerichtet, in "Schweinelaken" eingeschlagen nach Riga gebracht. Das war eine weite und beschwerliche Fahrt. Damals ging die Eisenbahn erst von Tukkum aus nach Riga, das war der halbe Weg. Man fuhr aber lieber gleich ohne umladen zu müssen, mit den Pferden direkt bis nach Riga. Viel wurde dabei nicht verdient, ja, wenn viel Zufuhr war, dann fielen die Schweinepreise und man hatte auch Verluste. Vaters Liebhaberei waren seine prächtigen Hühner, die uns auch im Winter Eier legten. Die Stadolle war hell und nicht zu kalt. Dort hatten sie im Winter den besten Scharrplatz und oft wurden sie am Morgen bei Lampenlicht gefüttert. In einem Flügel unseres Hauses war die Schmiede und anschließend die Wohnung des Schmieds. Der junge Schmied wohnte da mit seiner Mutter und den zwei Schmiedegesellen, die, wie üblich, auch im Hause verpflegt wurden. Oft wurde ich sonntags von unserer freundlichen Nachbarin aufgefordert, an ihrer Morgenandacht teilzunehmen. Mir gefiel die Art, wie die Alte die Kirchenlieder sang. Sie zog und schnörkelte die Melodien ganz besonders "altmodisch" und las auch die Gebete so tief gläubig. Wir beherrschten die lettische Sprache in Wort und Schrift genau so, wie die deutsche und ich sang gern die Lieder mit. Der Schmied verlobte sich mit einer wohlhabenden Bauerntochter und unsere Eltern und wir waren zur Hochzeit eingeladen. Zur Polonaise bekam ich den Bruder der Braut, der einige Jahre älter als ich war. Die Polonaise, angeführt von einem alten Bauernpaar, ging durchs ganze Haus, der "Kleete" (das Vorratshaus) , durch die Koppel, wo das Vieh stand, durch den Obst- und Bienengarten - um der Braut das Abschiednehmen zu erleichtern. In der Kleete standen die Abteilungen voller "Rauschen" (tellergroße Brote aus halb feinem und halb grobem Weizenmehl), auch süßsaure Brote, die zu keiner feinen Bauernhochzeit fehlen durften. Leider verstanden die Bauernfrauen nicht selbst das süßsaure Brot zu backen. Es gehörte auch einige Erfahrung dazu, damit es wirklich gut wurde. Daher kamen die Frauen zu meiner Mutter, brachten das Holz und das Roggenbeutelmehl und klopften das Brot unter Mutters Leitung am Abend ein. Das Mehl wurde in kochendem Wasser eingerührt und durfte keine Knötchen haben. Nachdem die Masse einige Stunden gestanden hatte, war sie so weit ausgekühlt, daß man den Sauerteig zulegen konnte, worauf der Teig dann noch tüchtig durchgeklopft werden mußte. Am anderen Morgen hatte man das große Brottrog voll süßen Hefeteigs, vielmehr Sauerteigs, welchen wir als Kinder gern roh aßen, weil er süß und angenehm schmeckte. Diesen Teig mit der nötigen Menge Mehl so lange zu kneten, bis die Masse blasig wurde, war eine sehr schwere Arbeit. Zum Wohlgeschmack kam noch eine Hand voll fein geschnittener Pomeranzenschale hinzu. Noch eine andere Art Brot, die "Plan- oder Schograuschen", deutsch die flachen oder Zaunrauschen, wurden sehr viel gebacken. Außerdem die Rosinenbrote und Speckkuchen in solchen Mengen, daß man gar nicht glauben konnte, daß die alle aufgegessen werden. Viel Kalb- und Schweinefleisch wurde in Stücke geschnitten, gekocht und dann zu Rosinenbrot gegessen. Auch gehörte damals noch zu einem ordentlichen Hochzeitsessen - Reis in Milch gekocht als Suppe, Honig, Sirup, gesalzene Brätlinge und Schinken. Späterhin wurde das Fleisch kalt gegeben und in vielen kleineren Schüsseln, nebst anderen Speisen auf den Hochzeitstisch gestellt. Vor jedem Teller stand ein Berg von all dem Gebackenen und eine Untertasse mit Butter. Löffel waren vor den Suppenteller hingelegt, ein Taschenmesser brachte jeder Gast selbst mit und eine Gabel hatten sie nicht nötig. Der Tisch für die deutschen Gäste war anders gedeckt und mußte man dazu dem Hochzeitshaus mit Bestecken, Geschirr und Schnapsgläsern aushelfen. Das Bier verstanden die Letten sehr schmackhaft und auch stark selbst zu brauen. Es mußten große Mengen davon da sei, denn außer den Gästen waren noch die vielen Helfer zu bewirten. Solch eine Hochzeit dauerte 3 - 8 Tage. Wir Kinder wurden abends nach Hause gebracht, um am anderen Morgen mit klingenden Glocken wieder ins Hochzeitshaus geholt zu werden. Manch ein Bauer hat nach der Hochzeit seiner Tochter schwere und knappe Zeiten gehabt. Die Schweine und Kälber waren aufgegessen und brachten nichts mehr ein und für den eigenen Haushalt war Schmalhans lange Küchenmeister, da auch die übrigen Vorräte ziemlich verbraucht waren. Die Braut mußte ihre neue Verwandtschaft beschenken. So bekam die Schwiegermutter ein großes eigengewebtes Umlegetuch, der Schwiegervater Socken und Handschuhe und auch die Schwäger bekamen Socken und Handschuhe. An dem Stuhl, worauf die Braut im Kirchenkrug geschmückt wurde, band sie mit gewebten Bändern Handschuhe an, die diejenige lösen durfte, die ihr den Kranz und Schleier gesteckt hatte. Auf Kreuzwegen, an denen der mit vielen Hochzeitsglocken bimmelnde Zug vorbeiraste, warf die Braut auch Handschuhe aus oder, wenn sie nicht so reich war, dann aus Wolle geflochtene Strumpfbänder. Wie oft habe ich das Vergnügen gehabt, solch eine Brautgabe aufzuheben, nachdem der wahnsinnige Zug vorbei war. Auch haben die alten Männer eine Leine vorgehalten und der Bräutigam mußte sich mit einer Geldgabe lösen, die dann in Schnaps umgesetzt wurde. Das waren die Bräuche bei der Heimfahrt nach der Trauung. Bei so einer tollen Fahrt war ein Hochzeitszug im Jahre 1938, wobei jeder Hochzeitsgast zeigen wollte, daß er die schnellsten Pferde hat, bei einer Bahnüberfahrt in Kurland, die nicht geschützt war, vom Zuge erfaßt und mitgeschleift worden, wobei es viele Verwundete und sogar Tote gegeben hatte. Beim Jungfernkranz-Austanzen mußte die Schwiegermutter der jungen Frau die erste Spitzenhaube schenken, die von jeder verheirateten Frau damals getragen wurde. Auch die Hochzeitsgäste beschenkten das Brautpaar mit Löffeln aus Metall oder Holz und verschiedenen anderen Haushaltungsgegenständen. Doch zumeist wurden Geldgeschenke gemacht, die auf eine Schüssel gelegt wurden und die mit lautem Jubel von den umstehenden Neugierigen begrüßt wurden. Auch für die Musik ging ein Sammelteller herum, für den die Gäste reichlich beisteuerten, weil es eine Schande war, wenn der Teller zweimal herumgehen mußte. Heute werden diese alten Sitten zum Teil nicht mehr geübt. Die lettischen Mädchen sind tüchtige Wirtinnen und die Bauernfrau von heute versteht es ebenso gut, alles zu kochen. Doch nimmt sie sich bei solchen großen Gelegenheiten die gelernten Kochfrauen, da sie selbst in ihrer modernen Kleidung sich nur den Gästen widmet. Auch die Aufnahme der Gäste ist heute eine viel vornehmere geworden, da die Letten in den Nachkriegsjahren in Bildung und Umgangsformen sehr viel zugelernt haben. In der Pension bei Frau Toepffer hatte ich mich nun schon gut eingelebt, zumal auch Annchen dort war. Die Brüder wurden im Herbst und Winter an Tagen, die schlechtes Wetter brachten, mit dem Fuhrwerk zur Schule geschickt. Da aber dieses sehr unbequem war, da das Pferd oft für andere Fahrten gebraucht wurde, kaufte Vater für seine nun schon vernünftigen Jungen im Herbst ein Pferd. Das war für die Brüder eine große Freude. Jeden Tag fuhren sie nun zur Schule und nahmen unterwegs noch eine Reihe Mitschüler, die den gleichen Weg hatten, auf ihrem Wagen mit. In Talsen stellten sie Pferd und Wagen bei einem deutschen Gasthofbesitzer ein. Da die Schule in der Nähe war, haben sie oft ihr Pferd in der Zwischenpause besuchen und mit Heu versorgen können. Das Pflegen, An- und Ausspannen mußten sie allein besorgen und haben es auch treulich ausgeführt. Im Frühling war das Pferd rund und blank und wurde zu einem besseren Preis verkauft, als man im Herbst dafür gezahlt hatte. Das nun größere Kapital ermöglichte es, daß im nächsten Herbst ein besseres Pferd gekauft werden konnte. Im Frühling und Sommer gingen sie die 5 Werst hin und zurück zu Fuß. Wenn Vater in Talsen zu tun hatte, richtete er es immer so ein, daß er seine Jungen mitnehmen konnte. Einmal war der Vater am Sonnabend in die Stadt gefahren und holte auch uns Mädel, die wir nur zum Sonntag nach Hause fuhren, ab. Unterwegs wurden zu den eigenen 4 Kindern noch die anderen heimkehrenden Kinder aufgenommen, so daß der Wagen voll besetzt war. Ein Baron, der uns unterwegs entgegenkam, ließ sein Fuhrwerk halten und fragte meinen Vater, ob es alle seine Kinder wären. Vater antwortete: "Nein, Herr Baron, die andere Hälfte ist noch zu Hause".- Mit dem Ausspruch: "Wahrhaftigen Gott, wie die Zigeuner!" fuhr der Baron weiter. Als ich 10 Jahre alt war, bekam ich als besonders liebe Geburtstagsüberraschung ein Brüderchen geschenkt; es war der Otto, der am 23. November 1883 zur Welt kam. Wir freuten uns sehr auf das neue Brüderchen und wollten nur schnell nach Hause, um es zu sehen. Wir mußten uns aber gedulden und durften erst nach 14 Tagen nach Hause fahren. Das Kerlchen war zu niedlich und wir großen Schwestern wollten es gar zu gern aufnehmen und im Arm halten. Die Mutter hat diesen ihren vierten Jungen sehr geliebt, da er das genaue Ebenbild des verstorbenen Schwesterchens gewesen sein soll. Auch liebte Otto seine Mutter so zärtlich, wie sie wohl von keinem anderen ihrer Kinder geliebt wurde. Jeannot und Ludwig besuchten nun schon die Kreisschule und Jeannot war ein sehr fleißiger Schüler. Ludwig war nicht so fleißig und mußte sogar oftmals nachbleiben. In solchen Fällen sollte Jean nicht auf ihn warten, sondern nach Hause fahren. Das ärgerte nun den Ludwig sehr, besonders, wenn seine Woche war, wo er kutschieren durfte. Daher bemühte er sich, soviel zu lernen, daß er nicht nachsitzen mußte. Er hatte aber so viele andere Interessen, daß für die Schulaufgaben nicht immer die nötige Zeit übrig blieb. An einem kalten regnerischen Herbsttag hatte er wieder einmal nachsitzen müssen und mußte nun zu Fuß und allein den Weg nach Hause machen. Unterwegs überholte ihn der Bauer Beerand mit seinen zwei wohlgenährten Schecken. Da er allein fuhr, sprach Ludwig ihn an und wollte mitgenommen werden. Beerand war aber dafür bekannt, daß er seine Schecken nicht gern laufen ließ und sie auch nicht gern mehr belastete, als es unbedingt notwendig war. Daher wies er Ludwigs Bitte ab und fuhr allein weiter. Das ärgerte Ludwig und er sagte zum Bauern: "Na ja, Eure "Krabben" können ja kaum Euch fortziehen, da kann ich zu Fuß schneller fortkommen, als Ihr!" Ludwig war ein strammer Junge. Er setzte sich in Trab und blieb immer im Vorteil vor den dicken faulen Schecken, trotzdem der Besitzer sie mehr antrieb, als sie es gewöhnt waren. Ludwig kam natürlich als erster zu Hause an und Beerand hat bei den Eltern Klage geführt, daß er seine Schecken Ludwigs wegen hat heiß fahren müssen. Ein anderes Mal traf er den nicht ganz normalen "Pick-Janz", der sein täglich Brot durch betteln erwarb. Ludwig nahm seinen schweren Bücherranzen ab, warf ihn dem Pick-Janz hin und sagte: "Wenn Du den Ranzen nicht zu uns nach Hause bringst, dann mag er hier auf der Straße liegenbleiben", worauf er sich in die Büsche schlug. Pick-Janz war nicht dumm. Er nahm den Ranzen auf, brachte ihn zu unserer Mutter nach Hause und sagte: "Der Jungherr hat den Ranzen hingeworfen - sowas kann man doch nicht auf der Straße liegen lassen". Janz bekam sein Mittagessen und Mutter verstand schon ihren Jungen, der sich sein Leben leichter machen wollte. Ludwig verübte überhaupt viel Streiche und wurde deshalb vom Vater recht streng gehalten. Durch seine fröhliche Liebenswürdigkeit hat er sich aber sehr viele Freunde erworben. Wir beiden Mädchen verbrachten im Toepfferschen Hause eine fröhliche Zeit. Die Toepfferschen Kinder waren uns liebe Freunde und Spielkameraden und die Erwachsenen waren uns allen lieb zugetan. Noch jetzt denke ich mit Verehrung an Herrn und Frau Neumann (Herr Neumann war ein höherer Beamter beim Hauptmannsgericht). Das waren die Großeltern der Toepfferschen Kinder und auch wir durften sie Großpapa und Großmama nennen, so wie Frau Toepffer auch für uns die "Mamming" war. Der große Garten, in dem ein kleiner Teich und mehrere gemütlichen Lauben mit Tischen und Bänken waren, hat uns an schönen Sommertagen immer hinausgelockt und wir spielten dort mit unseren Puppen die schönsten Spiele. Mariechen und Hedwig Toepffer waren reiche Puppenmamas und gaben uns neidlos auch die schönen Teller und Tassen, sowie Kochtöpfe mit zum Spiel. Oft fuhren die Toepfferschen Mädels sonnabends mit uns nach Hause. Der Sonntag wurde gemeinsam mit meinen lieben Eltern sehr gemütlich verbracht und Mutters Aufnahme der lieben Gäste fand immer begeisterten Beifall. Frau Toepffer hatte viel Sorgen und suchte auf verschiedene Art etwas dazuzuverdienen. Sie gab Klavier- und Nachhilfestunden und fertigte feine Strickarbeiten für ein Handarbeitsgeschäft in Riga an. Ihre Familie war groß und nur bei solch einem treuen Schaffen konnte das Notwendigste an Kleidung besorgt werden. Wie eine Familie durch treues Zusammenhalten stark sein kann, habe ich dort gelernt. Die Jahre vergingen und wir Mädels hatten Aufnahme in die Töchterschule gefunden. Voll Freude kamen wir nach Hause, wo Mutterchen zur Feier des Tages Hefepfannkuchen backen wollte. Da kam die Schreckensnachricht, Vater wäre über den Umgang der Mühle auf einen Pfosten gefallen und läge nun besinnungslos. Auf einem Bettrahmen wurde Vater ins Haus gebracht und Mutter mußte ihm die Kleider vom Leib schneiden, weil er nicht gerührt werden durfte, da er dann sofort wieder die Besinnung verlor. Der Arzt stellte mehrere Rippenbrüche fest. Mögliche innere Verletzungen konnten noch nicht festgestellt werden. Es waren schwere Tage und Wochen, die nun für uns alle kamen. Vater war so schwach, daß er seine Hände nicht heben konnte. Ich saß bei ihm und wehrte die lästigen Fliegen von ihm ab, da er es selbst nicht tun konnte. Unsere Schule hatte eine neue Verordnung von der Regierung bekommen, laut welcher viel mehr russisch gelernt werden mußte. Die russische Sprache ist mir nie sehr leicht gewesen, nun aber konnte ich noch schwerer mithalten. Besonders die russische Grammatik bereitete mir große Schwierigkeiten und ich sollte daher die Sommerferien, die damals 8 Wochen lang dauerten, dazu benutzen, mich in die russische Grammatik zu vertiefen. An Vaters Krankenbett hatte ich jetzt viel Zeit dazu, doch habe ich, trotz fleißigen Lernens es im Russischen nicht sehr weit gebracht. Dagegen fiel mir die französische Sprache sehr leicht. Sogar Geschichte und Geographie mußten wir russisch lernen und ich habe immer sehr lange über diesen Aufgaben gesessen, bis ich sie einigermaßen konnte. Nur sehr langsam ging es mit Vaters Genesung vorwärts. Er war sehr schwach geworden und bedurfte einer sehr sorgfältigen Pflege. Dr. Strauß hatte dem Baron erzählt, wie es um Papa stand, daß nur die beste Pflege ihm helfen könnte und daß er unsere Mutter um ihren Lebensmut bewundere. Daraufhin wurde täglich vom herrschaftlichen Tisch das Mittagessen für Vater geschickt. Dank all dieser Fürsorge kam Vater wieder zu Kräften, doch wurde er nie mehr so stark und widerstandsfähig, wie er vordem war. Frau Toepffer hatte ihre Schule geschlossen, denn es gab eine ganze Reihe solcher Vorbereitungsschulen in der Stadt und oft mangelte es daher an Schülern. Dafür nahm sie in die frei werdenden Räume neue Pensionärinnen auf und nun waren wir 6 fremde zu den eigenen 5 Kindern. Unter diesen Pensionären waren 3 Geschwister aus einer Lehrerfamilie. Es waren sehr verwöhnte Kinder, denen die sehr einfachen Speisen in unserer Pension nicht behagten. Karl, der schon 16-jähr. Lehrersohn trank morgens weder Milch noch Getreidekaffee, sondern ließ sich seinen Bohnenkaffee brühen. Auch hatte er Butter und Zucker noch extra vom Hause mit. Magda und Emma, seine Schwestern, hatten zu ihrer Milch sich immer noch süßes Gebäck von zu Hause mitgenommen. Unsere Mutter hielt das anders. Zu unseren Geburtstagen wurde der schöne große Geburtstagskringel 10) in die Pension geschickt und es gab dann für alle Kinder gleich viel, ebenso vom mitgeschickten Festbraten. Nur der Gänsebraten zu meinem Geburtstage wurde, da auch zugleich ein Gedenktag der Erwachsenen gefeiert wurde, dazu verbraucht, zur Bewirtung von Toepffers und Neumanns Gästen zu dienen. Doch fanden meine Eltern daran nichts auszusetzen. Im Gegenteil, sie schickten zu diesen abendlichen Veranstaltungen noch die Schlagsahne und auch den sauren Schmand 11) für den Kartoffelsalat und die Heringe in Schmand. Wenn aber aus Zunzen, wo der Bruder von Frau Toepffer seinen Besitz hatte, was Schönes geschickt wurde, dann hatten auch wir alle teil daran. Wenn wir vom Elternhause mal etwas mitbekamen, teilten wir es, da es meist nicht viel war, mit Hedwig und Mariechen. Einmal wurde aus Zunzen ein schöner Braten geschickt, der uns zum Mittag ganz wundervoll schmeckte. Wir sollten aber nun raten, was für ein Braten es war. Wir rieten hin und her und nannten die unmöglichsten Tiere - aber auf das Richtige kamen wir nicht. Da erzählte uns Frau Toepffer, daß in Zunzen ein Füllen sich das Bein gebrochen habe und erschossen werden mußte und der Braten wäre von diesem Füllen gewesen. Uns anderen machte es nichts aus, obgleich wir zum ersten Mal im Leben Füllenbraten gegessen hatten. Magda und Emma jedoch hatten sich dermaßen verekelt, daß sie erbrechen mußten und sich elend und krank fühlten. Sie bekamen daraufhin noch mehr vom Hause mit, "damit die armen Kinder nicht ganz verelenden". Im Frühling bekamen wir auch zuweilen Suppen aus jungen Nesseln oder Balanden. Jetzt ist dieses Grün schon lange als gutes Frühlingsgemüse erkannt und die Balanden (Gartenmelde) werden sogar extra gesät und haben schöne große und zarte Blätter. Damals jedoch war es "Unkraut". Annchen und ich wurden von Frau Toepffer ganz wie ihre eigenen Kinder behandelt und daher schliefen wir auch mit Mariechen, die ebenso alt wie ich war, und Hedwig, die etwas älter als Annchen war, in dem selben Zimmer, in welchem auch "Mamming" schlief. Es war ein großes Zimmer, welches durch eine nicht ganz nach oben schließende spanische Wand in zwei Hälften geteilt war. Der vordere Raum war Frau Toepffers Schreib- und Arbeitszimmer; im anderen Raum waren zwei übereinandergebaute Betten und ein einfaches Bett, sowie die Waschgelegenheit untergebracht. Anstelle der Tür hing ein Vorhang, der nachts beiseitegezogen wurde, um uns Schläfern mehr Luft zuzuführen. In den unteren Betten schliefen Mariechen und Anna, die sehr nett harmonierten. Hedwig, die ich sehr gern hatte, und ich schliefen in den oberen Betten. Zuweilen las uns Frau Toepffer noch abends etwas vor. Und zwar solche Sachen, die für uns zum alleinlesen noch zu schwer waren. Sie erklärte uns dann die unverstandenen Stellen und so manche Diskussion knüpfte sich dann daran. So haben wir die Dickens'schen Sachen gelesen und mir ist von den "Pickwickiers" noch manches erinnerlich. Nach einem kurzen Abendgebet und freundlichem "Gute Nacht" löschte Frau Toepffer das Licht und dann war auch kein Laut mehr hörbar. Schon früh um 6 Uhr wurden wir geweckt. Wir mußten gleich die festen Schuhe anziehen. Dann wurden die Zähne mit Zahnseife und Schlämmkreide geputzt und mit Kali hypermanganum gespült. Sauber gewaschen an Hals, Gesicht und Händen standen wir dann vor dem Spiegel und Frau Toepffer bürstete und kämmte uns unsere Haare. Geflochten haben es sich die Großen selbst und auch den Kleinen dabei geholfen. Es wurde sehr darauf geachtet, daß der Kamm täglich frische Watte zwischen die Zähne geschoben bekam, wie auch jeder für die Sauberkeit seiner Bürste sorgen mußte. Um 7 Uhr saßen wir am Frühstückstisch, wo auf jedem Platz schon das fertige Frühstücksbrot für die Schule lag. Wir tranken Milch oder Kaffee und aßen dazu 2 Rundstücke. Um halb 8 ging es zu den Großeltern Neumann hinunter, denen wir einen guten Morgen mit Handkuß wünschten und dafür einen Kuß auf die Stirn vom Großvater und einen auf die Wange von der kleinen herzlieben Großmutter empfingen. Dazu gab es jeden Morgen die Süßsauerbrot-Krusten, die vom Tage vorher für uns bereit standen oder im Herbst ein Apfel oder eine Birne. Mit einem guten Geleitwort zogen wir dann fröhlich in die Schule ab. Karl und Ernst Toepffer waren die älteren Brüder, die die Kreisschule besuchten. Dann war da noch mein lieber kleiner Willi, ein hochbegabtes Kind und mir sehr zugetan. Willi ging noch nicht zur Schule, als er am Scharlach erkrankte. Da er bei der Mutter nicht bleiben durfte, um uns, die andren Kinder, nicht zu gefährden, nahm die Großmutter Willi zu sich.. Als die große Gefahr vorüber war, langweilte sich das oft sehr einsame Kind. Wir durften ihn nur durchs Fenster sehen. Was für ihn zum Spiel und zur Unterhaltung von uns geschickt wurde, mußten wir im Vorhause auf das Fensterbrett stellen. Da erzählte mir mal Hedwig, daß Willi große Sehnsucht nach mir hätte. Ich wußte die Zeit, wo Großmutter und Großvater ihr Mittagschläfchen hielten und dieses nutzte ich aus und besuchte Willi. Er war sehr glücklich und schenkte mir seine Häute, die sich ihm nach der Krankheit ablösten. Ich verwahrte sie in einer Streichholzschachtel. Ich habe ihn so öfter unbemerkt besucht und wir beide haben uns auch nicht verraten. Glücklicherweise brachte mein Ungehorsam keine Ansteckung, weder für mich noch für die anderen. Als Willi späterhin Latein lernen mußte, habe ich mit ihm auch Latein gelernt. Doch bald war er mir so weit voraus, daß ich die Lust daran verlor. Dieser ideale Mensch fand sich in der realen Welt nicht zurecht und hat, nachdem er schon einmal Gift genommen hatte, doch gerettet werden konnte, sich im 20. Lebensjahr erschossen. Sein Vater ist im Irrenhaus gestorben und daraus könnte man schließen, daß ein unglückliches Erbe ihn zu diesem Freitod veranlaßt hat. Aus Rußland kam der Bruder von Frau Neumann, der dort Schuldirektor gewesen war. Er war pensioniert worden und es zog ihn, die alten Tage in der Heimat zu verleben. So kam es, daß er mit seiner netten und lebhaften Frau eine kleine Gartenwohnung bei Neumanns mietete. Großtantchen Lange hatte aber bald Langeweile, denn der alte Herr, ihr Mann, war geistig nicht mehr so rege, um einen Gesellschafter abzugeben; nun hatte sie es sich so nett ausgedacht, daß wir, wenn wir sonst nichts vorhatten, zu ihr kommen sollten, um mit ihr abwechselnd französische und russische Konversation zu treiben. Das haben wir denn auch gern getan, denn sie war eine sehr heitere Dame und es ging bei ihr immer sehr lustig zu. Nur um eines bat uns die alte Frau Neumann: ihr Bruder konnte die ihn quälenden Gase nicht zurückhalten, da er sonst starke Schmerzen hatte. Da sollten wir nun unsere gute Erziehung beweisen und wenn wir solch einen Laut hörten (denn anders machten sich die Gase nicht bemerkbar), sollten wir nicht darüber lachen, sondern es überhören. Die Liebe zu Großmutterchen und die Achtung für den alten Herrn half uns, daß wir uns beherrschten. Anfangs fiel es uns noch recht schwer, ernst zu bleiben, doch später ging es sehr gut, so daß auch die anderen Kinder, als sie unseren Ernst merkten, nicht zu lachen wagten.- Bei der vielen geistigen Anregung, die es im Toepfferschen gab, haben wir öfter zu wohltätigen Zwecken Theater gespielt, Schattenbilder und lebende Bilder gestellt. Da diese Aufführungen gut vorbereitet wurden, man aber andererseits in der Kleinstadt keine gar zu großen Ansprüche stellte, so gab es immer "ausverkaufte Häuser" und brachte auch für den Empfänger des Erlöses große Freude und Dankbarkeit. Einmal wurde uns erzählt, daß eine Gefängnisinsassin ein Kindchen bekommen hätte und für dieses Kindchen nichts habe, um es zu bekleiden. Da baten wir uns von unserer Mutter verschiedene Sachen für das Kindchen aus, nähten auch selbst sehr eifrig und durften dann das Kindchen besuchen. Es war ein sehr trauriger Raum mit dem hochangebrachten vergitterten Fenster, in dem das Geschöpfchen seine Tage verbringen mußte. Es war aber von allen Seiten sehr viel gespendet worden, so daß es wenigstens bekleidet war. Großvater Neumann war ein sehr ordentlicher und sparsamer Hauswirt. Wenn er des Morgens zur Behörde ging, seine braune Aktenmappe unter dem Arm, den Stock mit eiserner Spitze in der Hand, entging seinem scharfen Auge auch nicht die feinste Nadel, die auf dem Wege lag.. Jeden noch so krummen Nagel oder einen Zwirnfaden hob er auf und sagte auch zu uns oft: "Was größer als eine Laus - hebs auf und brings nach Haus!" Nadeln, Stecknadeln und Fäden bekam die Großmutter. Nägel, Schrauben, kurz - jedes Eisenstückchen kam in seine Vorratskammer. Da standen die betreffenden Kästen schon bereit, in welche die Fundstücke gleich richtig eingeordnet wurden. Krumme Nägel gerade zu klopfen, war die Arbeit der Knaben, doch beteiligten sich die Mädchen auch sehr gern daran. Auf mehreren kleinen Ambossen wurden die Nägel mit kleinen Hämmern nicht zu laut geklopft, denn Großmutter erzählte uns dabei heitere und ernste Sachen, sang dazwischen auch mal ein Schelmenlied. Gute Musik hörten wir öfter von Frau Toepffer. In der Dämmerstunde lagen wir im Saal auf dem Teppich und zwar auf dem Rücken. Das taten wir Mariechen zur Gesellschaft, die eine kleine Neigung zum Krummwerden des Rückens hatte und deshalb auf dem Teppich liegen mußte. Dann setzte sich Mamming ans Klavier und spielte leise und versonnen, um dann später laut und fröhlich mit einem Volksliedchen, welches wir frisch mitsangen, das besinnliche Viertelstündchen zu beenden. Großmutter tanzte uns oft die alten Tänze vor und wir lernten sie dann auch bei ihr. Auch das erste Stopfen in Leinen hat Großmutter mir beigebracht. Wenn die Arbeit gut geraten war, blieb sie bestehen; sonst schnitt das Scherchen fein säuberlich das schlecht Gestopfte heraus, die Stopffäden mußten herausgelöst werden und das Ganze mußte noch einmal gestopft werden.. Dazu mußten wir Kopfrechen-Aufgaben lösen, denn zum Stopfen braucht man nur die Augen und die Hände. Großmutter war Lehrerin gewesen und als sie heiratete, verstand sie nicht mal einen Strumpf zu stricken. Sie fabrizierte immer nur Säckchen, weil sie keinen Hacken zu stricken verstand. Doch eine menschenfreundliche Seele brachte ihr diese für sie so schwere Kunst bei. In jener Zeit fehlten ihr auch noch manch andere Fähigkeiten und daher bemühte sie sich jetzt, so oft sie nur Gelegenheit dazu hatte, jedem Mädchen von ihrem Wissen und Können beizubringen. Was sie vorzüglich verstand - war die Gartenpflege. Im Herbst und im Frühling besorgte ihr ein Arbeiter die schwere Gartenarbeiten, alles weitere bearbeitete sie dann selbst und hatte viel Freude und Erfolg dabei. Wer von uns Kindern sie darum bat, bekam ein Beet für sich und auch die Saat dazu.. Wir halfen auch fleißig die "ekligen Raupen" absuchen, denn für ein Teeglas voll gab es sogar einen Kopeken Sammellohn. Stachel- und Johannisbeeren gab es da in Menge. Weil damals der Zucker verhältnismäßig teuer war, wurden wenig süße Säfte eingekocht. Daher durften wir Kinder von den für uns freigegebenen Sträuchern soviel essen, wie wir wollten. Pflaumen, Äpfel und Birnen mußten wir aufsammeln und zur Großmutter in die Küche bringen. Diese Früchte wurden zum Trocknen vorbereitet und bei dieser Arbeit halfen wir auch immer mit. Im Herbst, wenn das Obst reif wurde, bekamen wir zu unserem Vesperbrot oft einen Apfel oder die noch mehr geschätzten schönen Birnen. Großvater Neumann und seine liebe Frau feierten in Rüstigkeit noch ihre goldene Hochzeit, die mit viel aufrichtiger Teilnahme der Talsen'schen Bevölkerung, vieler Freunde und aller Verwandten gefeiert wurde. Kurz vorher wurde ich konfirmiert und bewahre noch das kleine Spruchbuch auf, das mir meine "Freundin Rosa Neumann zum Tage der Confirmation" geschenkt hat. Auch der Albumvers vom alten Adolph Neumann, den er in mein Stammbuch schrieb, ist mir noch in Erinnerung und berührt mich in seiner Vorausahnung oft schmerzlich. Denn auch sei Grab ist nicht mehr zu finden, da alle die Seinen gestorben oder weit fort sind. Hier der Stammbuchvers:
Frau Toepffer hatte noch die Freude, alle ihre Kinder gut verheiratet zu sehen. Sie war auch noch so rüstig, den ältesten Sohn, der in Rußland, in Ostaschkow, seine eigene Apotheke hatte, mehrere Mal zu besuchen. Auch Hedwig, die in Dresden verheiratet war, hat sie besucht und lebte dann bei Mariechen, die in Riga einen Apotheker geheiratet hatte. Bei Mariechen starb sie dann nach einem langen und gesegneten Leben. Nachdem die Brüder sich schon in die höheren Klassen der Kreisschule heraufgearbeitet hatten, gab es für uns Schwestern oft lustige Ferientage. Die Brüder wurden von ihren Kameraden besucht und wir unternahmen schöne Spaziergänge in Gesellschaft der Eltern. Ein Ereignis war es für uns Mädchen, wenn die Kreisschüler zu ihrem Turnfest an unserer Töchterschule vorüberzogen. Wir durften dann unsere Plätze verlassen und von den Fenstern aus dem Zug mit den hübschen Schulfahnen nachsehen. Besonders freuten wir uns, wenn wir unter den Vorbeimarschierenden unsere Brüder und deren Freunde erblickten. Dieses Turnfest, das auch zugleich Schulfest für die ganze Schule war, fand außerhalb Talsens auf einer großen Waldwiese statt. Von den Schülern wurde hierfür ein kleiner Betrag für Speise und Trank erhoben. Da diese kleinen Summen nicht ausreichten, steuerten einzelne Klassenmütter für die Bewirtung ihrer Klasse bei. Auch meine Mutter hatte mehrere Jahre für Speise und Trank gesorgt. Doch am festlichsten geschah es im Sommer, als Jeannot seine Schulzeit in Talsen beendete. Damals hatte Mutter die Versorgung der beiden letzten Klassen und zugleich auch der Lehrer übernommen. In ihrem großen Zelt gab es nicht nur die sonst üblichen Butterbrote, sondern auch kalten Braten, verschiedene Sakusken 12) in Fisch und Fleisch, gekochte Eier und Zies'chen (Würstchen). Als besondere Überraschung für die Lehrer und die großen Jungs gab es Bier. Zuerst fand immer ein Schauturnen statt, bei dem in diesem Jahr Ludwig einen Preis und Jeannot einen Eichenkranz für gute turnerische Leistungen bekamen. Anschließend folgten Spiele und ein Tänzchen, zu dem auch Mutter von allen Lehrern geholt wurde. Es waren frohe Tage für die Eltern, denn auch Papa war immer gern dabei. Nach diesem Abschluß lernte Jeannot fleißig weiter, um seine Reifeprüfung, die er in Mitau zu machen hatte, zu bestehen. Er hat, woran wir nicht zweifelten, das Abitur gemacht, doch sah er selbst ein, daß an ein Studium nicht zu denken war. Apotheker wollte er nicht werden wie die meisten seiner Kameraden, die auch wenig Geld vom Hause zu erwarten hatten. In der Zeit, als Jeannot zum Abitur in Mitau war, meldete Vater ihn als Lehrling in die gut beleumundete Kolonialwarenhandlung von Höpker an. Jeannot war freudig dabei und arbeitete dort drei Jahre lang tüchtig. Er erwarb sich bald die Liebe seines Prinzipals, welcher ihm noch die Buchführungsstunden bezahlte, damit er ein tüchtiger Buchhalter werden konnte. Diese gute Vorbildung trug in späteren Jahren, als er schon in Petersburg 13) war, ihre Früchte. Nach halbjähriger Tätigkeit dort im Hauptgeschäft, wurde ihm auf seine guten Zeugnisse hin ein Weinkeller zur selbständigen Verwaltung übergeben. Die große Freude meiner Eltern über ihren tüchtigen Jungen übersonnte noch lange unser Haus, in welches viel Krankheit und Sorgen eingekehrt waren. Als Jeannot in Mitau noch Lehrling war, fingen Vaters Augen, besonders das blinde, heftig zu schmerzen an, so daß Vater zu Dr. Strauß fuhr, um sich untersuchen zu lassen. Der Arzt sagte ihm: "Wenn Sie nicht schnellstens das erblindete Auge herausnehmen lassen, wird das gesunde auch blind werden". - Mutter weilte gerade im Schwefelbad Kemmern. Auch war gerade eine neue große Arbeit in Angriff genommen: Es wurden neue Mühlenflügel gebaut, die auch noch aufgebracht werden mußten. Doch erblinden wäre das Schwerste gewesen. Daher überließ Vater dem Müllergesellen Unterberg, der auch die Schuld an den zerbrochenen Flügeln trug, die letzten Arbeiten und das Aufbringen der Flügel, wobei ihm ein Nachbarmüller helfend zur Seite stehen sollte. Unserer alten Kinderfrau, der schon Mutter die Führung des Haushalts übertragen hatte, gab er auch noch seine Anordnungen. Ludwig, der solange die Schule versäumen sollte, sollte dem Müllergesellen bei der Arbeit helfen. Alsdann fuhr Vater nach Mitau zum berühmten Dr. Waldhauer, welcher feststellte, daß es die allerhöchste Zeit sei. Die Operation wurde gemacht, alles verlief gut und das gesunde Auge wurde so erhalten. Papa war fast genesen, als wir von der Kemmernschen Kurverwaltung ein Telegramm bekamen. Darin wurde uns mitgeteilt, daß Mutter gelähmt und auch sprachlos geworden sei und wir sie schnellstens nach Hause holen sollten. Diese schreckliche Nachricht telegraphierte Ludwig zu Jeannot nach Mitau und Jeannot hat sie dann schonend dem Vater beigebracht. Dr. Waldhauer entließ den noch nicht ganz hergestellten Vater, damit er gemeinsam mit Jeannot die schwerkranke Mutter heimholen konnte. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie der Heimtransport meiner Mutter verlief. Ich weiß nur, daß wir zu Hause ein Häuflein weinender Kinder waren. Mutter erholte sich, wahrscheinlich dank der Luftveränderung. Es dauerte nicht lange, da schaffte sie wieder wie immer für uns alle. Zu Hause hatten die Eltern alles in bester Ordnung vorgefunden. Die Mühlenflügel waren aufgebracht, wobei Ludwig sich als sehr tüchtig und umsichtig erwiesen hatte. Dafür wurde er von den Eltern sehr gelobt. Auch die Hausleute bemühten sich in liebevollster Arbeitsfreudigkeit und Treue, den Eltern zu helfen. Ludwig wollte auch Müller werden und kam, da er so ungern zur Schule ging, auch nicht bis zur letzten Klasse. Er wurde nach Neuenburg zu einem tüchtigen Müllermeister für 4 Jahre in die Lehre gegeben. Mama's ältere Schwestern lebten in Altenburg. Sie hatten ihre jüngeren Schwestern (Mama und Frau Manrau) lange nicht gesehen und hatten uns daher zu sich eingeladen. Da wir Kinder unsere Kusinen und Vettern in Altenburg noch nicht kannten, sollten wir mitgenommen werden. Nun wurde alles eifrig für diese Reise vorbereitet. Es wurden für uns Mädchen neue Kleider genäht. Ich bekam ein weißes Pelerinchen, wie sie damals sehr modern waren. Dazu häkelte ich eifrig Spitze mit besonders schwierigem Muster. Ich wollte doch recht elegant bei den Verwandten eintreffen. Meine Spitze wurde auch glücklich noch zur rechten Zeit fertig und auch unsere neuen Kleider waren sooo schön geworden. In Talsen lebte Mutters jüngere Schwester, Frau Manrau, die auch meine Taufmutter war, mit ihrem Mann und ihrem einzigen Sohn Eugen. Es war verabredet worden, die Fahrt nach Altenburg mit ihnen gemeinsam zu machen. Noch vor Sonnenaufgang wurden wir geweckt und es gab genug zu tun, bis wir alle in einen großen Wagen, auf 4 festgestopften Heusäcken, die mit Wolldecken bedeckt waren, untergebracht waren. Brot, Butter, Eier, Schinken und was Mutter noch zur Wegekost gebacken hatte, war wohlverpackt, ebenso die Kleider für uns alle. In Talsen hatte Onkel Manrau schon seinen Schimmel vor den Einspänner gespannt. Eugen jedoch bat sehr darum, in unserem Wagen bei uns Kindern mitfahren zu dürfen. Da wurden denn die Koffer in Onkels Wagen gestellt und der Vetter, den wir alle gern hatten, kam zu uns. Es war eine sehr fröhliche Fahrt und da es Juli war, auch sehr warm. Wir haben unterwegs viel gesungen, Rätsel geraten und auch voll Aufmerksamkeit die schöne Gegend, durch die wir fuhren, angesehen. Es war ein weiter Weg von annähernd 100 Werst bis Altenburg. Die erste größere Station, die wir machten, war in dem schönen Rönnen an der wildromantischen Abau. Mutter kannte dort die Gegend sehr gut und daher machten wir nach dem Mittagessen, welches wir im Kruge eingenommen hatten, einen schönen Spaziergang am Abauufer entlang. Das Wasser der Abau floß sehr schnell und ein Prahm brachte Fahrzeuge und Fußgänger über den Fluß. Wir fuhren auch hinüber, denn ich sollte meine Wärterin besuchen, die mich, als die Eltern noch im Gesinde lebten, gepflegt hatte. Ich war ganz verlegen, als mich ein huzeliges Frauchen weinend küßte und mich streichelte. Als ich ihr die warme Jacke übergab, die Mutter für sie gekauft hatte, küßte sie mir sogar die Hand. Die anderen Kinder lachten darüber, mir aber war alles sehr peinlich. Meine alte Wärterin lebte in einem netten Häuschen und in ihrem Garten waren viele Blumen und auch Bienenstöcke. Sie wollte, daß wir bei ihr noch essen sollten. Wir lehnten dankend ab, da wir eben vom Essen kamen und ihr auch keine Ungelegenheiten machen wollten. Da gab sie uns denn für unterwegs Honig mit und für mich die schönsten Blumen aus ihrem Garten. Ein bißchen ängstlich war mir zu Mute, als wir mit unserem großen Wagen und den schweren Pferden auf den Prahm fuhren, um übergesetzt zu werden. Auch der Onkel mit seinem Wagen fand noch Platz darauf und sogar noch andere Leute mit ihren Fuhren. Es ging aber alles gut. Hinter Rönnen war die Gegend flacher und weniger hübsch. Von der langen Fahrt waren wir allmählich müde geworden und schlummerten ab und zu ein. Wir waren froh, als wir am Abend in Goldingen ankamen und dort im Deutschen Vereinshause 14) Unterkunft fanden. Am anderen Tage sehr früh fuhren wir weiter nach Hasenpoth. Nach Hasenpoth machten wir noch einige Mal Rast und trafen nach Sonnenuntergang bei den lieben Verwandten ein, die uns schon erwarteten. Am anderen Tage hatten wir uns mit den Kusinen schon angefreundet und machten Spaziergänge in den Park und auf den Friedhof, wo die verstorbenen Geschwisterchen der Kusinen begraben lagen. Später wurden wir nett angekleidet, bekamen unsere weißen Pelerinchen um und erhielten die Weisung, ja nur recht artig und ruhig zu sein. Wir sollten nun die älteste, kinderlose Schwester meiner Mutter, die sehr streng und eigen war und immer noch ihre jüngeren Schwestern beherrschte, besuchen. Es war ein Sonntag und Onkel Otto, der auch der Taufvater von unserem Brüderchen war, hatte freie Zeit und war gleich sehr lieb zu uns. Tante Paula jedoch nahm uns gleich unseren größten Staat, die Pelerinchen, ab, mit der Begründung, daß wir sie dort nicht tragen dürfen, weil die beiden Grafentöchter auch Pelerinen trugen. Da gab es nun keinen Widerspruch, so leid es mir auch tat. Später saßen wir alle in dem schönen Garten auf dem Rasen und Onkel Otto beschäftigte sich mit seinem hübschen und klugen Taufsohn, der ihm sehr gefiel. Als Otto ihm mit seinem hellen Stimmchen einige Lieder vorsang, schenkte er ihm 10 Rubel. Das war damals sehr viel Geld und ist es mir deshalb wohl auch in Erinnerung geblieben. Eugen Manrau und Kusine Mieze fanden aneinander ein ganz besonderes Wohlgefallen. Mir wiederum gefiel mein schwarzlockiger Vetter Herrmann, der mich zu den schönsten Erdbeeren führte, die in Onkels Garten wuchsen. Onkel Otto verwaltete und leitete die Arbeiten im gräflichen Garten, der so groß war und so voll der herrlichsten Früchte, wie ich es noch nie gesehen hatte. Er war "Kunstgärtner", wie es damals hieß und ein sehr lieber Onkel. Er war 17 Jahre jünger als meine Tante Paula. Auch Onkel Konrad, Tante Maries Mann, hatten wir lieber als die Tante. Onkel redete mich immer "mein Vogelchen" an, auch später noch, als ich als erwachsenes Mädchen dorthin kam, um Tante Paula, die kränklich war, zu pflegen. Es war immer ein so warmes Gefühl, unter den kalten Menschen dort den lieben zärtlichen Onkel zu haben. Tante Marie war mir nicht gut gesinnt, weil bei ihr Reichtum und die damit verbundenen Lebensumstände den Wertmesser für den Menschen gaben. In diese Zeit fiel auch die Verlobung unseres Mädchens Lisette mit unserem Müllergesellen Unterberg. Sette schlief neben unserem Schlafzimmer in einem kleinen Verschlag. Annchen, die wieder einmal fieberte, machte Mutter Sorge; darum stand sie in der Nacht auf, um nach ihrer Tochter zu sehen. Als sie an Settes Verschlag vorbeikam, hörte sie leises Sprechen. Sie leuchtete hinein und findet Unterberg in zärtlicher Unterhaltung mit Sette. So etwas ließ Mutter jedoch nicht zu, denn die beiden hatten genügend Gelegenheit sich tagsüber auszusprechen, da sie im selben Hause wohnten. Sie bestellten die beiden Schuldigen zur Aufklärung der Angelegenheit zum nächsten Tage zu sich, jetzt aber sollte Unterberg Settens Schlafraum sofort verlassen. Am anderen Morgen hat Sette weinend gestanden, daß sie den Karl doch so lieb habe und sie sich deshalb ungestört aussprechen wollten. Unterberg kam und erzählte, daß er nichts Schlechtes beabsichtigt habe. Er habe Lisette lieb und möchte sie auch heiraten. Beide jedoch seien zu arm und seine Gage als Müllergeselle wäre zu wenig, um damit einen Hausstand zu gründen. Er hätte zwar gehört, daß in Punien ein Krug zu verpachten wäre, doch hätten sie beide nicht genügend Geld dazu. Sette war der Mutter lieb wie ein Kind und auch Unterberg hatte schon mehrere Jahre als Müllergeselle bei uns gearbeitet. Da haben denn die Eltern nach reiflicher Überlegung beschlossen - den Krug für Unterberg zu pachten. Nun konnten sie zum Pastor fahren, um das Aufgebot zu bestellen. Vorher aber kam der Schmied, der ein frommer Mann und ein guter Redner war, und hielt eine Andacht in Anwesenheit aller Hausgenossen. Der Teppich war im großen Zimmer ausgedeckt und darauf stand das Brautpaar und hörte sich die ernsten Ermahnungen an. Dann fuhren sie zum Pastor. Zwei Pferde wurden vor den besten Wagen gespannt, der Kutscher bekam eine weiße Schleife angesteckt und auch die Pferde hatten in ihren Mähnen weiße Bänder mit klingenden Glöckchen - so fuhren sie ab. Als sie zurückkamen, waren zwei Stühle bekränzt, auf dem Tisch stand der frischgebackene Gelbkringel und Kaffee. Nun wurde erst zur Verlobung Glück gewünscht und dann alle Hausgenossen mit Kaffee und Gebäck bewirtet. Auch die darauf folgende Hochzeit richteten die Eltern aus und luden dazu unsere Freunde und Nachbarn ein. Von Seiten des Brautpaares waren nur die Mutter und eine Schwester der Braut gekommen. Der Vater des Bräutigams konnte nicht kommen, weil er sehr weit entfernt wohnte. Vorher hatten sich die Nachbarn erkundigt, was das junge Paar wohl brauchen könnte und so wurde eine bescheidene, aber ausreichende Ausstattung an Betten, Tisch und Stühlen, sowie auch das nötige Geschirr geschenkt. Mutter hatte zu den schon früher geschenkten Wäschestücken noch fehlendes dazugegeben. Vater schenkte die Gläser und die Metallmaße, die von der Regierung vorgeschrieben waren und die in keinem Kruge, wo Branntwein ausgeschenkt wurde, fehlen durften. Außerdem hatte er bei den Schnaps- und Bierlieferanten für einen bestimmten Betrag gutgesagt. Der Krug war aber wenig besucht, daher hat Unterberg in der nahegelegenen Windmühle Arbeit genommen und auch Sette arbeitete für die Landfrauen. Sie nähte ihnen die weiten Jacken und die Kleinkindersachen. Als Settes Kundschaft sich rasch vergrößerte, lieh ihr Mutter ihre Nähmaschine. Diese Nähmaschine hatte Vater vor Jahren aus Riga Mutter zum Geschenk mitgebracht und wurde sie damals als niegesehenes Wunderwerk besprochen und bestaunt. Mehrere Jahre arbeiteten und sparten Unterbergs so. Da kam Unterberg mit einer Bitte zu Papa. Die Sassmackensche Mühle sollte an einen neuen Pächter vergeben werden. Da aber Unterberg nur Geselle war, fürchtete er, abgewiesen zu werden. Diese Befürchtung bewahrheitete sich, als Papa mit ihm zum Baron, dem Besitzer der Mühle, fuhr. Da pachtete Papa auf seine Verantwortung die Mühle und übergab sie Unterberg. Für alle diese Mühen dankten Unterbergs den Eltern wie die Kinder und blieben unserer Familie immer lieb. Nach vielen Jahren, als meine Eltern in Talsen lebten, nahmen sie Settens Kinder in Pension, als sie nach Talsen in die Schule geschickt wurden. Als unsere Eltern starben, war Sette nicht weniger betrübt, als wir, die eigenen Kinder. Unterberg hat später die Sassmackensche Mühle gekauft und seine Kinder haben alle gute Stellungen im lettischen Staate gehabt. Als ich konfirmiert wurde, waren wir viele Konfirmanden, denn auch die Kinder lettischer Nationalität, die deutsche Schulen besuchten, wurden vom deutschen Pastor eingesegnet. Doch hielten schon damals die deutschen Kinder immer zusammen. Das taten auch wir drei: meine liebste Freundin Minchen Werkmeister, Jettchen Jordan und ich. Wir durften auch den langen Zug der Konfirmanden in die Kirche hinein anführen, wobei ich als die Kleinste in die Mitte genommen wurde. Pastor Greinert, der uns einsegnete, hatte uns schon in der Töchterschule Religionsunterricht gegeben. Er war wegen seiner Unduldsamkeit und Heftigkeit gefürchtet und unbeliebt. Er hat uns so manches Mal durch seine verhöhnende Art in Empörung gebracht, die er besonders an den Lettinnen übte. Unter meinen Mitkonfirmanden befand sich auch Berthold Stahl, der bei Tante Manrau in Pension war und oft zusammen mit Vetter Eugen über Sonntag zu uns zum Besuch kam. Mit diesem Berthold wurde ich immer von den anderen geneckt, denn er hat mich in seiner stillen Art allen anderen Mädchen vorgezogen. Als wir am Vorabend zum Himmelfahrtsfest die Kirche für unsere Konfirmation schmückten, hat meine übermütige Freundin Minchen den Pastor nachgeahmt und in salbungsvollem Ton mich und Berthold aufgeboten. "Minchen", sagte das verständigere Jattchen, "das hättest Du nicht tun dürfen. Nun kommen die beiden ins Gerede. Auch wird aus solchen nie ein Paar, bei denen man das Aufgebot vorgreift". Mir war es nur augenblicklich unangenehm, denn ich machte mir aus Bertholds stiller Verehrung nichts. Mein Konfirmationstag verlief, ohne auf mich einen besonderen Eindruck zu machen. Das Elternhaus war geschmückt, als wir aus der Kirche nach Hause kamen und ich dankte allen für die liebevolle Art, in der mir jeder eine Freude machen wollte. Wenn es auch nur, wie bei unserem Mädchen, darin bestand, daß sie die weißegscheuerten Dielen mit besonders weißem Sand bestreut hatte und die Tannenzweige, die darüber verteilt waren, ganz besonders hübsch geordnet waren. An diesem Tage habe ich mich aber besonders einsam gefühlt. Es war bei uns nicht Sitte, daß an den Abendmahlstagen Gäste ins Haus kamen, erst recht nicht zur Konfirmation. Ich war daher sehr froh, als ich wieder in meine gewohnte Umgebung nach Talsen kam, um dort weiter zur Schule zu gehen. Ich hatte oft das Verlangen in der hübschen bergigen Landschaft um Talsen herumzustreifen. Damit war jedoch Frau Toepffer nicht einverstanden und so kamen denn die anderen Pensionärinnen einige Mal mit. Sie hatten aber vom "blöden Herumlaufen" bald genug und so mußte auch ich wieder zu Hause bleiben. Der schwerste Gedanke war mir wohl der, daß ich nun bald die Schule verlassen mußte. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was ich nun anfangen sollte. Da riet mir Minchen, ich sollte doch noch einen Schneiderkursus mitmachen. Meine Mutter war damit einverstanden und ich ging nach beendeter Schulzeit zu Fräulein König in die Lehre. Sie hatte die Schneiderei in Riga erlernt und war wirklich tüchtig. Dort fand ich auch gleichaltrige Kameradinnen und schloß mich der einen, Selma Brockhaus, besonders an. Sie war ein sehr hübsches dunkelhaariges Mädchen und gefiel mir, weil sie sehr ruhig und zurückhaltend war. Bei Frl. König verlebten wir eine fröhliche Zeit, doch von der Schneiderei habe ich sehr wenig gelernt, da bald darauf Papa erkrankte und ich nach Hause mußte. Im Februar 1889, im selben Jahr, als ich konfirmiert wurde, bekamen wir noch einen Bruder, den Anton. Unsere alte Kinderfrau hatte nun wieder ein Kleinkind zu pflegen. Ich fand, daß wir diesen Bruder gar nicht mehr nötig gehabt hätten, da wir schon genug Kinder waren. Diese meine Meinung äußerte ich zwar nicht, wollte aber auch nicht so bald nach Hause fahren. Als mir aber Mutter einen sehr lieben Brief schrieb und mich fragte, ob ich denn mein Brüderchen gar nicht sehen wolle - schämte ich mich und fuhr nach Hause. Es war niemand zugegen, als ich ins Schlafzimmer ging und in der Wiege das winzige Kerlchen sah. Ich hatte es gleich lieb und küßte voller Beschämung über meine früheren Gedanken seine kleinen Händchen. In der nächsten Woche arbeitete ich unter Frau Toepffers Anleitung eifrig an Schuhchen und Jäckchen und brachte diese Sachen dann für mein Brüderchen. Der hat davon wohl nichts verstanden, doch meiner lieben Mutter habe ich damit gewiß eine Freude gemacht. Ludwig hatte seine Lehrzeit beendet und wurde als Geselle freigesprochen. Er machte anschließend noch eine kurze Wanderschaft und kam dann nach Hause zurück, um Papa zu helfen. In diese Zeit fiel auch der Tod unseres lieben Hausgeistes - unserer alten Kinderfrau. Sie war zu ihrer verheirateten Tochter zum Besuch gefahren, hat dort beim Kartoffelernten mitgeholfen und sich dabei wohl erkältet. Es herrschte große Trauer bei uns und besonders meine Mutter konnte lange nicht darüber hinwegkommen. Ich hatte für das liebe Altchen eine Stickerei zu Morgenschuhen gemacht, sie war aber noch nicht ganz fertig geworden, als der Tod sie von uns rief. Diese Arbeit wurde ihr aber in den Sarg mitgegeben. Tante Manrau hatte die Liebe Berthold Stahls zu mir gemerkt und auch mit ihm darüber gesprochen. Dann besprach sie diese für mich glänzenden Zukunftsaussichten auch mit meiner Mutter. Bertholds Eltern waren sehr wohlhabend und ich als seine Frau hätte meinen Eltern so manche Sorge abnehmen können. Tante redete mir gut zu und ich hatte auch nichts dagegen, einmal eine reiche Frau zu sein und meinen Eltern und Geschwistern helfen zu können. So wurde ich also als die Braut des Berthold betrachtet, doch wurde noch nicht darüber gesprochen, da Berthold noch zur Schule ging. Unsere Kinderfrau sagte zuweilen zu mir: "Ich weiß nicht, was Du für eine Braut bist. Du gehst wie eine Blase umher, er aber betet Dich nur von ferne an. Solch ein Brautpaar habe ich noch nicht gesehen!" So kindlich dumm und unschuldig verkehrten wir noch lange miteinander, bis er die Schule beendet hatte und dann auf eines der väterlichen Schiffe kam. Auf diesen Reisen lernte er viele englische Häfen kennen und schrieb mir oft Briefe. Einmal telegraphierte er, daß wir uns in Riga sehen könnten, da er gerade von einer Reise zurück sei. Meine Mutter fuhr also mit mir nach Riga. Wir sahen uns seinen 3-Mast-Segler an und ich lernte auch seinen Vater kennen, der mir sehr gut gefiel. Doch mit Berthold verband uns nichts Inniges, jedenfalls war unser Verhältnis immer noch so, wie die alte Kinderfrau es beschrieben hatte. Als ich später wieder einmal Berthold wiedersah, war er schon Kapitän und Eigentümer des 3-Mast-Seglers "Jakob-Maria", nach seinen Eltern so benannt. Er war ein kräftiger Mann mit dunklem Haar und Bart geworden und ich sollte nun mit meinen Eltern zu seinen Eltern fahren, um mir unser künftiges Heim, das er von seinem Taufvater geerbt und für uns nett ausgebaut hatte, anzusehen. Er erzählte mir auch, daß er aus England die Rohrmöbel für unsere zukünftige Glasveranda mitgebracht hätte. Beim Abschied beklagte er sich bei meiner Mutter, daß ich ihm nicht einmal einen Kuß gegeben hätte. Mutter fragte amüsiert: "Warum denn nicht?" Ich antwortete: "Wenn er mich hätte küssen wollen, hätte er es doch tun können". Nun sagte Mutter: "So gib ihm doch wenigstens einen Abschiedskuß". Durch eine schnelle Wendung meines Kopfes landete sein Kuß aber auf meinem Ohr, denn der Gedanke - einen Kuß von ihm zu bekommen- war mir unangenehm. Auch seine großen dunkelbehaarten Hände, die einige Mal über meine Hände streichelten, waren mir unsympathisch. Aus der Fahrt zu Stahls wurde aber nichts, da Papa wieder einmal krank wurde. Dadurch gewann ich Zeit, denn immer mehr kam ich zu der Erkenntnis, daß ich den Berthold nicht heiraten könnte. Ich wagte es aber nicht, dies meiner Mutter zu sagen. So schrieb ich denn, ohne meinen Eltern etwas davon mitzuteilen, dem Berthold, daß ich ihn nicht liebe und daher auch nicht heiraten könne. Er sollte mir meine Briefe zurückschicken, die gewiß zärtlicher gewesen sein mögen, als ich im persönlichen Umgang zu ihm war. Er hat mir meine Briefe aber nicht zurückgegeben. Später, als ich schon verheiratet war, besuchte er meine Mutter und fragte sie über meine Lebensumstände aus, da er erfahren hatte, daß ich einen armen Mann geheiratet hätte. Er wollte wissen, ob ich unter solchen Umständen glücklich geworden sei. Nach dem Tode unserer alten Kinderfrau wurde eine ältere Magd zur Pflege des kleinen Toni ins Haus genommen. Diese hatte schon bei einem deutschen Müller die Kinder gepflegt, hatte dann aber in der Wirtschaft mitarbeiten müssen und war es daher nicht gewöhnt still zu sitzen. So war sie einmal mit dem kleinen Anton auf dem Schoß eingeschlafen. Anton ist aber von ihrem Schoß heruntergefallen, hat sich böse zerschlagen und mußte viel Schmerzen leiden. Ein anderes Mal war Mutter mit dem Wagen ausgefahren und hatte den Anton mitgenommen. Er saß bei ihr auf dem Schoß. Unterwegs kam ihnen eine Kutsche eines Barons entgegen, der sie ausweichen mußten. Beim Ausweichen stürzte der Wagen in den Graben und Anton trug eine schlimme Verletzung am Kopf davon. Diese Verletzung mag auch die Ursache seiner Sonderbarkeiten sein, die sich später bei ihm bemerkbar machten. Er war aber Mutters liebevollstes Kind und hat ihr später, als sie an einer schweren Krankheit starb, die lieben Augen zugedrückt. Später heiratete er eine nette Frau und hat für sein Leben immer selbst gesorgt. Er ist sehr fromm und wird deshalb von anders denkenden Menschen oft nicht recht verstanden. Vater pachtete die Schedensche Wassermühle und eine Zeit lang arbeitete Ludwig dort zusammen mit der Magd Anneliese, die ihm die Wirtschaft führte. Doch Ludwig war es dort zu einsam, denn er wollte etwas von der Welt sehen. Inzwischen hatte Jeannot sich zu den Soldaten stellen müssen, war aber für das nächste Jahr zurückgestellt worden, da er zu schmächtig war. Seine Stellung in Mitau hatte er aufgegeben und kam nun nach Hause. Vater kam seine Heimkehr sehr gelegen. Ludwig konnte nun seine Fahrt nach Rußland unternehmen und Jeannot und ich bekamen die Schedensche Mühle, die wir mit Hilfe eines Müllergesellen und der alten Anneliese bewirtschaften sollten. Es war eine ganz nette Zeit, denn Jeannot war ja mein liebster Bruder, mit dem ich mich am besten verstand. Unsere Anneliese war ein guter, treuer Mensch und hat mir jungem, unerfahrenem Ding geholfen, daß wir bei Mutter mit unserer Wirtschaft Ehre einlegten. Der Garten, der ganz in meine Obhut gegeben war, brachte solch schöne Erträge, daß Mutter von dem Segen noch nach Waldegahlen mitnahm. Zu den Schlachttagen und zum Wurstmachen kam Mutter selbst und so lernte ich bei ihr auch diese Arbeit. Einmal war Mutter aus der Tockerei gekommen und hatte die getockten Wollringel bei uns in Scheden gelassen, weil sie bei dem starken Regen die Wolle nicht mitnehmen konnte. Da bat ich unsere Anneliese, sie möchte mir doch ihr Spinnrad bereitstellen und mir das Spinnen beibringen. Anneliese, die Mutters Eigenheiten in betreff des Spinnfadens kannte, wollte durchaus nicht die gute Wolle von einer Anfängerin verderben lassen. Doch zuletzt gab sie nach, da ich ihr versprochen hatte, sofort aufzuhören, wenn es nicht gut wird. Ich bekam nun das Spinnrad und begann zu spinnen. Der Faden wurde gut, ich wagte aber nicht mehr, als eine Tocke aufzuspinnen. Wie sehr hat es mich aber beglückt, als Mutter kam und mit meiner Arbeit zufrieden war. Sie ließ mir eine Menge der schönen Tocken, die ich mit viel Freude aufgearbeitet habe. Diese Arbeit habe ich auch späterhin gern getan und mein lieber Mann ließ mir ein schönes Spinnrad machen. Er trug nur Wollstrümpfe und solange ich von Mutterchen die vorbereitete Wolle bekommen konnte, habe ich immer selbst gesponnen. Vater hat noch einige Jahre die große Wirtschaft in Waldegahlen beibehalten, gab sie dann aber auf und zog nach Scheden, als Jeannot von einem reichen Gerber den Auftrag erhielt, für dessen Sohn eine Kolonialwarenhandlung einzurichten und in der ersten Zeit auch zu leiten. Es war auch die höchste Zeit gewesen, daß Vater in ein leichteres Leben kam, denn er war durch sein altes Magenleiden, durch das er oft große Blutverluste hatte, sehr schwach geworden. Die Einnahmen in Scheden waren sehr bescheiden, so daß meine jüngsten Geschwister nicht mehr so gut geschult werden konnten. Das tat der Mutter besonders für ihren tüchtigen Liebling - Mascha - leid. Mascha war sehr fleißig und hatte eine leichte Auffassungsgabe. Später hat Mascha oft erwähnt, daß man ihr Unrecht getan habe, indem sie weniger Schule bekommen habe, als die anderen Kinder. Unsere Anneliese wollte auf ihre alten Tage noch heiraten. Sie war mit ihren 300 Rubeln Ersparnissen eine gute Partie und die Maklerjuden schlugen ihr immer neue Ehepartner vor. Sie war ein guter frommer Mensch, doch mit ihrer langen spitzen Nase durchaus keine Schönheit. Einer der Heiratskandidaten soll geäußert haben, daß er wohl immer, wenn er zu ihr ins Bett käme, erst die lange Nase in einen Lappen einhüllen müßte. Dieser nicht mehr junge Anwärter heiratete späterhin eine ganz junge, aber sehr dumme Frau, so daß Anneliese oft darüber lachte, wenn sie erfuhr, wie diese Frau dem Pindeljuden für ihre Einkäufe bei ihm das Geld folgendermaßen hinzählte: "Ein Geld, zwei Gelder, drei Gelder - Jude, hast Du nun genug?" Wenn der Jude verneinte, dann zählte sie wieder - ein Geld, zwei Gelder, drei Gelder - Jude, hast Du nun genug? Anneliese bekam einen Mann, der am selben Tage wie sie 56 Jahre alt wurde, als sie heirateten. Der Mann hatte drei erwachsene Söhne und baute sich auf seinem kleinen Grundstück ein Haus. Nun war aber das Geld zum Ausbau der inneren Einrichtung nicht vorhanden. Da hörte er durch die Makler von Anneliesens Reichtum und heiratete sie dann auch deshalb. Anneliese hat es nicht leicht gehabt, denn der Mann und die Söhne haben alles, was sie verdienten, vertrunken und sie mußte sich als Aufwartefrau ihr Brot selbst verdienen. Da ihr Häuschen in der Nähe der Unterberg'schen Mühle war, Anneliese aber nur bei Müllerfamilien gearbeitet hatte, so ging sie zu Frau Unterberg und bat um Arbeit. Da es sich bald herausstellte, daß beide unsere Familie kannten, war gegenseitiges Vertrauen sofort da und sie fand dort zugleich Arbeit und gute Freunde. Als sie noch bei uns lebte, mußte ich einmal im Jahr an ihren alten Pastor schreiben. Sie diktierte mir den Brief immer selbst und der Anfang war regelmäßig so: "Mein lieber Seelenhirte". Dann bat sie ihn das Grab ihrer Mutter pflegen zu lassen und übersandte ihm zu dem Zweck das Geld und auch zugleich eine Gabe für die Kirche und die Armen. Vom alten Pastorchen kam dann immer eine sehr liebe und dankbare Antwort, die ich Anneliese oft vorlesen mußte, bis sie ihn auswendig wußte. So konnte sie ihn dann selbst "vorlesen", obgleich sie keine Buchstaben kannte. Eines Tages verabschiedete sie sich von Frau Unterberg, nachdem sie ihre Arbeit verrichtet hatte, und sagte: "Morgen komme ich nicht wieder". - "Was werden Sie denn morgen machen?" fragte Frau Unterberg. "Ich habe genug gearbeitet und werde nun zur ewigen Ruhe eingehen". - "Gut, gut, schlafen Sie sich auch gut aus", wünschte ihr Frau Unterberg in scherzendem Ton. Als Anneliese aber tatsächlich am nächsten Tage nicht zur Arbeit kam, ging Frau Unterberg zu ihr hin, denn sie nahm an, daß die alte Frau krank geworden sei. Als sie in die unverschlossene Wohnung kam, die Anneliese, solange die Männer im Walde arbeiteten, allein bewohnte, sah sie sich nach Anneliese um. Die Zimmer waren sauber und aufgeräumt und da auch die Küche leer war, ging sie in Annelieses Schlafkammer. Anneliese lag da, die Hände auf der Brust gefaltet - sie war für immer eingeschlafen, ohne vorher krank gewesen zu sein. Jeannot hatte das Kolonialwarengeschäft eingerichtet und in den 2 Jahren, die er dort zubrachte, den Juden, die den Handel fast ausschließlich in Händen hatten, große Konkurrenz gemacht. Zum Militär wurde er nicht genommen. Er wollte nur auf Anraten seiner früheren Schulkameraden nach Petersburg fahren. Dort lebte auch Onkel Ludwig, Papas jüngster Bruder. Der alt Hoffmann, für dessen Sohn er das Geschäft eingerichtet hatte, wollte ihn gar nicht ziehen lassen. Er ließ sogar durchblicken, daß er ihm seine älteste Tochter, die als reiches Mädchen viele Bewerber hatte, geben würde, wenn er das Geschäft weiter führen wollte. Doch Jeannot wollte weiter in die Fremde hinaus kommen und blieb dabei, nach Petersburg zu gehen. Er hatte sich schon mit einem Nachbarn in Verbindung gesetzt, der ihm versprochen hatte, ihn nach Tukkum zu bringen. Von dort konnte er dann mit der Bahn weiterfahren. Vorläufig kam es jedoch nicht dazu, denn Papa bekam wieder sein Blutbrechen. Dieses Mal war es sehr schlimm. Jean durchwachte mit uns zusammen die Nächte an Papas Bett. Schließlich aber überredeten wir ihn doch nach Petersburg zu fahren. Vater hätte sich doch immer noch nach solchen Anfällen erholt und dieses Mal würde es auch so sein. Er gab nach, es war aber ein sehr trauriger Abschied für den Jungen. Ich begleitete ihn noch durch die dunkle Nacht mit der Laterne. Es war recht kalt und der Schnee wirbelte in dichten Flocken. Er versprach mir, sobald er in Petersburg in fester Stellung sei, mich zu sich kommen zu lassen, damit ich in einem russischen Hause als Erzieherin der Kinder eine Stelle finden könne. Viele baltische Mädchen zogen damals nach Rußland zu den reichen russischen Familien, um als Kindererzieherinnen, Hausdamen usw. ihr Brot zu verdienen. Tiefbewegt nahmen wir voneinander Abschied und ich ging allein und sehr traurig wieder zurück nach Hause. Ludwig war aus Rußland wieder zurückgekommen, weil er dort das gesuchte Glück nicht gefunden hatte. Er fand aber bald gut bezahlte Arbeit und ein fröhliches Leben bei einem Müllermeister in der Libau'schen Gegend. Sein Meister war noch Junggeselle und recht wohlhabend. Ludwig brachte auch den Bernhard bei einem Fleischer unter. Trotzdem die drei Jungen nun schon außer dem Hause waren, blieben immer noch 5 Kinder bei den Eltern. Annchen lernte in Talsen das Nähen. Marie und Otto waren in einer Pension in Talsen untergebracht und gingen auch dort zur Schule. Otto bekam, weil er sehr begabt und fleißig war, freie Schule. Die Kinder konnten, da Scheden 10 od. 11 Werst von Talsen entfernt war, bei schlechtem Wetter nicht immer abgeholt werden und mußten dann die Sonntage, die in einer lieblosen Pension besonders öde waren, dort verbringen. Darunter litten beide Kinder und am meisten wohl Otto, der seine Mutter über alles liebte. Einmal im Winter, als starker Frost und heftiges Stürmwetter war, hatte Mutter den Kindern geschrieben, daß sie am Sonnabend nicht abgeholt werden und sie über Sonntag in Talsen bleiben müßten. Wir hatten in Scheden nur das eine Pferd, das zu allen Arbeiten und Fahrten herangezogen werden mußte. Wenn daher gerade was dringendes erledigt werden mußte, konnten die Kinder nicht abgeholt werden und mußten in Talsen bleiben. Am Sonnabendnachmittag, als das Schneegestöber einigermaßen nachgelassen hatte und das Wetter in der Stadt schon ganz gut aussah, beschlossen beide Kinder zu Fuß nach Scheden zu gehen. Der gleichgültigen Pensionsmutter war es gerade recht so. Als die Kinder aus der Stadt heraus ins freie Feld kamen, spürten sie wohl sofort den kalten Wind. Alle Wege waren hoch mit Schnee bedeckt und die Hohlwege sogar bis oben an vollgestürmt. Der Weg nach Scheden führt bergauf und bergab. Die kleinen Beinchen stapften unverdrossen vorwärts, sie kamen aber doch nur sehr langsam voran. Es wurde dunkel und das Elternhaus war noch so weit. Die Kleider sind naß und auch die Schuhe und sie sind schon so sehr müde, denn, es geht immer nur durch tiefen Schnee, kaum, daß sie den Weg erkennen. Der Schreck der Eltern, als sie in der Nacht von ihren halberstarrten Kindern wachgeklopft wurden, muß nicht gering gewesen sein. Ottochen, der ein ganz zartes Kind war, hat diese Strapaze sehr angegriffen und er fühlte sich nicht gut. Doch von einem Fortbleiben aus der Schule wollte er nichts wissen. Nach einigen Tagen jedoch erhielten wir die Nachricht, daß Otto ernstlich erkrankt sei. Als Mutter den Arzt holte, stellte der eine Lungenentzündung fest und sagte auf Mutters diesbezügliche Frage, daß man nicht daran denken könne bei der noch herrschenden Kälte ihn nach Hause zu Mutter zu schaffen. So kam ich denn nach Talsen, um meinen kleinen Bruder zu pflegen. Diese trostlose Zeit, die dem Kranken viel Schmerzen, mir, der unerfahrenen Pflegerin aber viel Sorgen brachte, ging glücklicherweise auch einmal vorüber. Wie erlöst atmeten wir alle auf, als nach den schweren Wochen der Arzt endlich die Erlaubnis gab, mit größter Vorsicht, an einem sonnenklaren Märztage den armen Jungen nach Hause zu bringen. In einer Kulbe, so wird ein tiefer Schlittenkasten genannt, waren Kissen, Pfühl und Decken gelegt, heiße Ziegel und Wärmeflaschen sorgten für Wärme und nun ging es nach Hause. Unter Mutters liebevollster Pflege sollte nun ihr Liebling auch bald gesund werden. Was sie nur wußte und was man aus dem bescheidenen Jungen herausfragen konnte - was er gern essen möchte - wurde beschafft. Doch hatte er sehr wenig Appetit und blieb schwach und blaß. Jeannot hatte sich in Petersburg gut eingelebt und durch Onkel Ludwig, der gute Verbindungen hatte, eine gute Stellung bekommen. Nun machte ich meine Sachen zurecht und wartete darauf, daß er mich nun bald dahin rufen würde. Als wir in Scheden zusammen wirtschafteten, malten wir uns die schönsten Lebensmöglichkeiten für unser ferneres Leben aus. In Scheden war es auch gar zu trostlos. Ungepflasterte und ungepflegte Wege führten durch Scheden und erschwerten im Herbst und im Frühling, wenn sie aufweichten und grundlos wurden, jeden Gang und jede Fahrt. Mit viel Mühe und Arbeit legten wir unseren Mühlenhof trocken und bauten aus Ziegelsteinen Wege zu den Ställen. Meine Hoffnungen und Träume - bald nach Petersburg zu kommen - gingen nicht in Erfüllung. Jeannot hatte über die Schicksale der deutschen Mädchen in Rußland soviel Trauriges gehört und wollte nun auf keinen Fall, daß ich dahin ziehen sollte. Er schrieb den Eltern, daß er so viel er nur könnte beisteuern wolle, damit seine Schwestern im Elternhause bleiben können, bis sie durch Heirat oder auf andere Art versorgt würden. Die Eltern waren damit sehr einverstanden, denn wir hatten in Scheden nur eine Magd; Arbeit aber gab es genug, da Mutter durch ihren Rheumatismus nicht mehr so rüstig schaffen konnte. Wir teilten uns mit Annchen, die von ihrem Nähkursus aus Talsen wieder zurück war, in die Arbeit. Eine Woche kochen und Außenwirtschaft, die andere Woche plätten, Wäsche ausbessern und das Haus in Ordnung halten. Das Wäscheausbessern behielt ich mir immer allen vor, ebenso auch die Pflege des Geflügels, bei der ich eine glückliche Hand hatte. Ich war eine große Blumenfreundin und Vater hat mir passende Tische machen lassen, so daß ich viele Blumen halten konnte, die nicht nur mir allein Freude machten. Manch ein Sträußchen von meinen Blüten erfreuten auch andere. Im Frühling, wenn die Gärten bestellt waren, gab es viel Ärger mit unseren Hühnern, die uns den frisch besäten Garten umwühlten. Auch die Gärten der Hofknechte lagen gleich hinter unseren Ställen. Auch dort arbeiteten unsere Hühner zum großen Verdruß der Knechtfrauen, die dann darüber böse Klage führten. Deshalb hat Mutter zu Ostern immer jeder Knechtfrau Ostereier geschenkt; wir aber achteten alle darauf, daß die Hühner nicht in die Gärten kamen. Wenn eine Arbeiterfrau ein Kindchen bekam, schlachtete Mutter ein Hühnchen und kochte eine gute Suppe daraus, die der Wöchnerin hingebracht wurde. Das erfreute diese armen Menschen ganz besonders und dann war der Ärger über unsere Hühner auch nicht mehr so groß. Das lettische Volk war stark und sehr genügsam. Eines Tages sahen wir einer Arbeiterfrau zu, wie sie mit einer Trage zwei Eimer voll Wasser vom weiten Krugbrunnen, der das beste Wasser haben sollte, trug und außerdem noch eine Holzwanne, wie man sie dort zum Kinderbaden benutzte. Meine Mutter ärgerte sich über diesen Unverstand, denn die Frau stand kurz vor ihrer Niederkunft. Bald darauf wurde uns die Nachricht gebracht, daß bei ihr, der Eschenbach, ein Kindchen angekommen wäre. Als ich nach einigen Stunden zu ihr die Hühnersuppe brachte, fand ich die Wöchnerin völlig angekleidet am Tisch sitzend mit einem Strickzeug beschäftigt und neben ihr saß eins ihrer Kinder, welches sie lesen lehrte. Da stand ich nun ganz verlegen mit meiner Hühnersuppe und fragte endlich zaghaft: "Aber, Eschenbach, wo ist denn Ihr Kindchen? Man hat uns gesagt, daß Sie ein Kleines bekommen hätten?" Sie lachte und sagte: "Im Bett liegt es, sehen Sie es sich nur an, es ist ein rundes, gesundes Kindchen". Dann erzählte sie mir, daß sie zuerst das Wasser geholt und gewärmt habe, dann habe sie sich selbst entbunden, das Kindchen gebadet und alles in der Stube wieder sauber gemacht. Sie kenne es nicht anders und zu Bett habe sie zu keiner ihrer früheren Geburten gelegen. Für die Arbeiterfrauen und deren Kinder wurde auf solch einem Pachtgut wenig Sorge getragen. Wenn die einmal krank wurden, dann kurierten sie sich mit ihren Hausmitteln, die oft ganz blödsinnig waren. Sie wurden davon gesund oder sie starben auch - ein Arzt wurde sehr selten geholt. Einmal herrschte eine Diphterie-Epidemie und alle Kinder erkrankten. Zu unseren Kindern, Otto und Anton, wurde der Arzt geholt, der dann auch die erkrankten Arbeiterkinder besuchte. Der Arzt gab eine Medizin zum Auspinseln des Halses und zeigte mir, wie ich es machen mußte. Da ich mich bereit erklärte, auch die Arbeiterkinder zu betreuen, hatte ich viele Patienten zu versorgen. Alle Arbeiterkinder wurden gesund, nur ein Kindchen starb. Es war das Großkind des Krügers. Es war bei den Großeltern zum Besuch. Doch auch die anderen Geschwister dieses Kindes, die bei den Eltern lebten und gar nicht mit den Kranken in Berührung gekommen waren, erkrankten und starben. Die Kälberjule, die für den Gutspächter, Herrn Wentenberg, die Kälber zur Stadt zum Verkauf führte, war ein älteres Mädchen, das 4 Jungen hatte, ohne daß der Vater oder die Väter sich zu ihnen bekannten. Sie waren so arm, daß die Kinder auf einer Strohschütte auf dem Fußboden lagen - nur mit Lumpen zugedeckt. Kaum waren die von der Diphterie genesen, liefen sie auch schon barfuß auf dem Eis, wo wir Schlittschuh liefen und rutschten dort umher. Ihre Lumpen deckten nicht die Blöße ihres Körpers. Es kam dann mit der Zeit so, daß die Mütter kamen und mich um Hilfe baten, wenn die Kinder einen bewachsenen Finger hatten oder sich Splitter eingezogen hatten. Weil ich mit meinen unverarbeiteten Händen zarter anfassen konnte und zu meinen Operationen nicht, wie die Arbeiterfrauen, grobe Stopfnadeln gebrauchte, sondern feine, spitze Nadeln, kamen auch öfter die wehleidigen Knechte zu mir, die zuweilen böse Splitter hinter den Fingernägeln hatten. Zu diesem Pflegeamt bin ich erst durch unseren Hund gekommen. Argo war ein schönes großes Tier, der jeden in Ruhe ließ, der ihn nicht ärgerte. Eines Tages, als Argo einen großen Knochen benagte, warfen die größeren Knechtjungen Knüppel und Steine nach dem Hund. Der ließ sich das nicht gefallen, und brachte einem kleineren Jungen, der nicht schnell genug fortlaufen konnte, eine ordentliche Wunde über dem Handgelenk bei. Die Eltern brachten den Jungen, ganz erschreckt über die stark blutende Wunde, zu uns zur Mühle. Ich verband wohl gleich recht fest die Wundstelle, doch ließen wir sofort anspannen, um zum Arzt nach Talsen zu fahren. Der Arzt mußte die Wunde vernähen und verlangte, daß der Vater des Jungen die Hand festhalten sollte. Der aber sagte, daß er das nicht kann und ging in die Ecke, wo seine Frau schon kniete, steckte sein Gesicht in die Mütze und ließ sich betend nieder. Da bot ich dem Doktor meine Hilfe an. Er sah mich an und sagte: "Aber nicht dabei selbst umfallen". Ich fiel nicht um und die Nähte wurden angelegt. Ich sollte die Hand dann pflegen, da man doch nicht täglich zum Arzt fahren konnte. Als wir nach einer Weile wieder zum Arzt kamen, damit die Fäden entfernt werden konnten, erwies es sich, daß 2 Fäden noch bleiben müssen. Der Arzt trug mir auf, diese Fäden, wenn alles verheilt sei, zu entfernen. Bei dieser Gelegenheit fragte ich den Arzt auch, welche Medikamente ich für die bewachsenen und eingeschnittenen Finger verwenden soll, um deren Heilung ich oft gebeten wurde. Der Arzt sah meine Hilfsbereitschaft und daß ich auch nicht zimperlich und ängstlich war und hat mir, oft auch später, gute Winke gegeben. Auch unsere Mutter war immer dabei, wenn es zu helfen galt. Ich erinnere mich einiger Fälle. In Waldegahlen im Kruge war es. Zigeuner hatten gebeten, im Kruge ihre Kindtaufe feiern zu dürfen. Mutter war es nicht recht, doch Vater machte so etwas Spaß. So kamen denn viele Zigeuner mit ihren Familien zusammen. Wir Kinder durften auch zusehen, denn sie führten verschiedene eigenartige Tänze auf und waren auch so reich und farbenprächtig gekleidet, wie man es sonst nicht sah. Dazwischen tranken sie reichlich Schnaps, auch die Frauen und Kinder. Dann wurde ein reich gezäumtes Pferd in die große Krugstube geführt. Der Vater des Täuflings goß auch dem Pferd ein Glas Schnaps ins Maul, bestieg es dann, bekam seinen jungen Sohn und ein Glas Schnaps heraufgereicht, welches er austrank und auch seinem jungen Sohn etwas davon zu trinken gab. Nun führte er mit dem Kinde im Arm die verschiedensten Reitkunststücke vor, wozu die anderen Gäste sangen, pfiffen, in die Hände klatschten, mit den Stiefeln den Takt trampelten und die Peitschen knallen ließen. Es war ein Höllenlärm! Auf der Tombank stand ein Tablett mit großen gefüllten Schnapsgläsern, wovon die Gäste reichlich tranken und aus den vorhandenen Schnapsflaschen immer nachfüllten. Den letzten Akt dieser Feier habe ich mir erzählen lassen, denn als es wüst wurde, mußten wir Kinder die Krugstube verlassen. Ein junger Zigeuner soll mit seiner rechten Hand solange in die Flaschen und Gläser hineingehauen haben, bis er einen blutigen Klumpen anstelle der Hand hatte. Da hat Mutter, die auch nicht mehr dabei war, denn sie feierten schon eine ganze Weile ohne Zuschauer allein weiter, helfend eingegriffen. Sie umwickelte die verletzte Hand mit einem sauberen Handtuch und veranlaßte die noch nicht ganz Besinnungslosen, den Verletzten sofort zum Arzt zu führen. Später erzählten uns unsere "Hauszigeuner", die uns im Frühjahr und im Herbst bei den Kartoffeln halfen, daß der junge Zigeuner im Herbst hätte Soldat werden müssen. Da aber kein Zigeuner Soldat werden will, verstümmeln sie sich auf irgend eine Art. Ach ja, von unseren Hauszigeunern will ich noch etwas erzählen. Einer von ihnen hieß Dudel. Er hatte aus erster Ehe eine Tochter Anna und aus der zweiten Ehe eine Tochter Liesing. Diese beiden, schon älteren Frauen machten sehr hübsche Klöppelarbeiten und Mutter ließ alles, was sie brauchen konnte, bei ihnen arbeiten. Dudel selbst hat hübsche feste Körbe geflochten. Dudels waren saubere Menschen und während der Zeit, wo sie bei uns arbeiteten, durften sie in der Stadolle schlafen. Im Sommer lebten sie im Freien im Zelt. Einmal im Sommer, als ich noch Schulmädel war, ging ich, um mir den Weg zu kürzen, durch den Buschwald, der aus Wacholder, kleinen Fichten und Laubbäumen bestand. Auf einem hübschen Platz mitten im Walde hatten Dudels ihre Sommerwohnung aufgeschlagen und es gab eine freudige Überraschung beiderseits. Ich mußte mit ihnen essen und da es so heiß und ich müde geworden war, wurde für mich ein weiches Bett gemacht. Als ich mich schön ausgeschlafen hatte, begleiteten mich die Frauen fast bis nach Hause. Ich hatte den Meinen nun viel zu erzählen, wie nett es bei Dudels gewesen sei. Um auch noch einen zweiten Fall von Mutters tätiger Hilfsbereitschaft zu erzählen, muß ich wieder auf die Waldegahlensche Zeit zurückgreifen. Wir hatten dort viele Enten. Vom Baron war es verboten bis zu einer bestimmten Zeit die Enten in die Teiche zu lassen, weil angeblich dadurch der Fischlaich vernichtet wurde. Ohne Hüter war es aber schwierig, die Enten im Abflußgraben der Teiche zu halten. Sie wollten immer gern in die Teiche oder auch in den Garten, wo sie jedoch leicht von den Raubvögeln gefressen werden konnten. Es wurde daher der alte Kristap, der beide Füße wund hatte, zu dem Wächteramt bestellt. Er bekam dafür Rauchtabak und das Essen und war sehr glücklich darüber. Eines Tages, als Mutter bei der Entenweide nach dem Rechten sehen wollte, bemerkte sie Kristaps mit schmutzigen Lumpen verwickelte Füße. Sie ließ die Lumpen abnehmen und sah dann, daß die Fußblätter ganz voller vereiteter Löcher waren, die obendrein noch Würmer in sich hatten. Damals war das "Wundermittel" Karbol noch neu, es fehlte aber nicht in unserem Hause. Mutter holte sich Verbandzeug aus altem Leinen und nahm mich mit hinaus. Ich mußte aus den weichen Leinenläppchen die Fäden ausziehen, während Mutter die Wunden reinigte. Dann legte sie die mit leichtem Karbolwasser befeuchteten Leinenfäden auf die Wunden. So behandelte Mutter mit meiner Beihilfe einige Mal Kristaps Füße. Später durfte ich es allen machen und war sehr froh darüber, weil Kristap Gottes Segen auf mich herabwünschte. So lernte ich schon in jungen Jahren ohne Ekel Wunden zu pflegen. Auch wer bei uns etwas zu pflegen hatte, kam zu mir, dem Doktor Mixpickel, wie Vater mich nannte. Vater hatte schlimme Hühneraugen und eingewachsene Nägel, die ich ausschnitt und ihn so von den quälenden Schmerzen befreite. Wentenbergs, die Pächter des Gutes Scheden, waren einfache und ziemlich ungebildete Menschen. Doch ihre Tüchtigkeit hat es zuwege gebracht, daß sie allen ihren 5 Kindern gute Schulen geben konnten. Die älteste Tochter Emma war in Petersburg an einen Lehrer verheiratet. Der älteste Sohn half dem Vater in der Landwirtschaft und kam auch oft zu uns zum Besuch. Er las uns vor, wenn wir unsere Handarbeit machten. Olga war in Petersburg bei Pastor Sanders zum Besuch, wo sie auch konfirmiert wurde. Jakob, ein Mitschüler meiner Brüder, war Student der alma mater Dorpatiensis. Paul war noch ein Schuljunge. Zu den Ferien kamen alle Kinder nach Hause und dann war unser stilles Scheden sehr belebt. Auch Pastor Sanders mit Frau und Sohn waren aus Petersburg gekommen. Pastor Sanders hatte eine besondere Zuneigung zu meinem Vater. Vater hatte dem alten Sanders, der ihm sein Leid klagte, daß er nicht die Möglichkeit habe, seinen Sohn, der sehr begabt sei, weiter zur Schule zu schicken, einen guten Rat gegeben und auch geholfen. Bei einem guten Freund in Goldingen hatte Vater für den Jungen eine bescheidene Unterkunft gefunden. Da der Junge dort stets hilfsbereit und freundlich im Hause war, hat er sich dadurch manch warme Mahlzeit verdient und die kleine Zahlung für die Bettstelle wurde auch nicht erhoben. Sanders Fleiß und Begabung brachte ihm auch die Freischule ein. Als er von Petersburg, wo er längere Zeit Pastor war, nach Lettland kam, hat er seinen Lebenslauf in einer Zeitung beschrieben und in Dankbarkeit meinen Vater als den Urheber seiner Ausbildung erwähnt. Wentenbergs lebten, wenn die Kinder nicht zu Hause waren, recht einsam. Einmal in der Woche fuhr der alte Wentenberg in die Stadt, wo er seine Kartenpartner hatte. Von diesen Kartenpartien kam er immer sehr spät nach Hause. Frau Wentenberg hatte keinen Verkehr, weil sie ihre Abkunft aus einem Fischerdorf nicht gern erwähnte. Sie ärgerte sich auch, wenn die Fischerfrauen, ihre früheren Freundinnen, sie daran erinnerten, wenn sie nach Scheden kamen. Einmal war sie gerade dabei, von den Frauen Fische zu kaufen, als wir hinzukamen. Eine der Fischerfrauen wollte gerade irgend eine gemeinsame Jugenderinnerung der Frau Wentenberg erzählen, da wurde sie von ihr mit den Worten unterbrochen: "Zähl die Fische und sprich nicht!" Dieser Ausspruch wurde bei uns zum geflügelten Wort, das wir anwandten, wenn wir etwas nicht gern hören wollten. Da es in Kurland Sitte war, die Namenstage zu feiern, wurde der Jakobitag bei Wentenbergs immer besonders gefeiert, da Vater und Sohn Jakob hießen. Einmal sogar ganz groß mit geladenen Gästen. Es war hauptsächlich tanzfrohe Jugend gebeten, dazu gehörten auch die unbeweibten Lehrer der Talsenschen Kreisschule, die auch zugleich unsere Lehrer gewesen waren. Ein bißchen komisch war es mir und Annchen - von unseren früheren Lehrern ganz als Damen und gern geholte Tanzpartnerinnen behandelt zu werden. Doch die allgemeine frohe Stimmung verwischte diese Unterschiede und Hemmungen bald. Später, als die Letten mehr zum Selbstbewußtsein ihres Volkstums kamen und das auch gegen uns Deutsche herauskehrten, kam immer mehr Entfremdung zwischen Deutsche und Letten. Diese Strömung wurde von der russischen Regierung zugunsten der Letten bewußt unterstützt. Die Arbeiter, die den russischen Glauben annahmen, bekamen dafür ein Stückchen Land, das aber zu klein war, als daß der Arbeiter davon leben konnte. Sie bevorzugten daher die Parzellen, die in der Nähe der Landstädtchen vergeben wurden, weil sie da eher Arbeit und Verdienstmöglichkeit hatten. Anfangs hatten diese Häusler es sehr schwer. Bis das Häuschen gebaut und der Garten soweit eingepflegt war, daß er Erträge brachte, vergingen Jahre. Jetzt, nach vielen Jahren, sieht es dort wie eine Gartenstadt aus, die sich rund um die russische Kirche lagert. In einem dieser Häuschen lebte auch ein ehemaliger Schedenscher Knecht. Seine Frau, die immer zum Talsenschen Freitagsmarkt ging, hatte von dieser Landzuteilung erfahren und war auch die treibende Kraft beim Erwerb des Häuschens gewesen. Sie war aber eine faule und schmutzige Person, die Mann und Kind verkommen ließ. Da habe ich denn das kleine Mädchen zu mir kommen lassen, habe es gewaschen und gekämmt und es lief mir daher immer wie ein Hündchen nach, weil seine Mutter oft tagelang fort war. Als die Leute dann das Landstück bekamen und ihr primitives Häuschen erbaut hatten, wurde das kleine Mariechen oft darin eingeschlossen, wenn die Eltern über Land waren. So war das Kind einmal auch wieder allein zu Hause geblieben und als am Abend der Vater von der Arbeit kam, fand er sein kleines Mädchen verbrannt und tot auf. Er war schon immer ein stiller Mensch, aber nun wurde er ganz trübsinnig. Er sprach von Gottes Strafgericht, das ihn getroffen, weil er seinen Glauben aufgegeben, den neuen russischen aber nicht gehalten habe. Damals kamen viele in Glaubensnöte, die ihren alten Glauben aufgegeben hatten, im neuen aber nicht das fanden, was sie verloren hatten. Das empfanden besonders die alten Leute, die dann vor dem Sterben noch das heilige Abendmahl nach lutherischen Art haben wollten. Die lutherischen Pastore aber wurden hart gestraft, wenn sie diesen Sterbenden ihre letzte Bitte erfüllten 15). Diese Menschen schlichen sich auch unter die Abendmahlsgäste ein, ohne sich beim Pastor gemeldet zu haben, um dort zu den Segnungen ihrer alten Kirche zu kommen. Viele Letten, die früher fromm gewesen, kamen so um ihren Glauben und gerieten immer tiefer in die schlimmen Folgeerscheinungen und Hemmungslosigkeiten. Mord und Diebstahl, früher so selten, erschreckten nun die Menschen. Wir haben immer bei offener Tür schlafen können, nun aber mußte alles fest verschlossen werden und Argo, unser treuer Hund, bewachte die Mühle und den Stall. Eines Morgens fanden wir vor Argos Hütte eine prall gestopften Heusack liegen. Bald darauf kam eine Arbeiterfrau und bat um ihren Sack. Sie war mit diesem Sack über unseren Hof gegangen, da habe der Hund ihr aber den Sack vom Rücken gezogen und sie böse angeknurrt, als sie ihn wieder nehmen wollte. Argo ließ es ruhig zu, daß Säcke in die Mühle gebracht wurden, doch ohne Aufsicht Säcke aus der Mühle bringen - gab es bei ihm nicht. Argo war auch unser treuer Begleiter, wenn wir uns fürchteten allein zu gehen. Papa, durch seine Krankheit behindert, konnte nicht mehr die Kontrollgänge in den Herbst- und Frühlingsnächten machen, die bei Hochwassergefahr notwendig waren. Da wir aber einen feigen und unzuverlässigen Müllergesellen hatten, mußte ich diese Gänge mit dem Gesellen zusammen machen, um die Freischleusen zu regulieren. Mit Papas Stiefeln, Pelz, Mütze und Stock angetan, stapfte ich mit ihm in Argos Begleitung los. Eine helle Laterne beleuchtete unseren Weg. Scheden hatte früher eine Spiritusbrennerei gehabt und die Gebäude waren noch ziemlich gut erhalten: die Kellereien und Mastställe mit ihren Futterböden. Das unbewohnte Gebäude der Brennerei war wohl nur noch eine Ruine. Dieser Gebäudekomplex lag rings um die Freischleuse verstreut. Eines nachts, als wir zu den Schleusen kamen, hörten wir ein schauerliches Schreien, konnten aber nicht feststellen, woher dieser dumpfe Ton kam. Ich sagte zu Kopfstahl, dem Gesellen: "Wollen wir doch näher zu den Gebäuden gehen, von dort scheint das Schreien zu kommen". "Fräulein", sagte der ängstliche Kerl, "wenn Sie mich auch mit dem Stock schlagen - ich gehe keinen Schritt dahin". "Dann werde ich allein gehen und Sie können nach Hause gehen". Er protestierte wohl und sagte, daß er im Dunkeln den Weg nicht sehen könne, doch ich rief: "Argo - am Fuß" und ging suchen. Da hörte ich vom alten Maststall, der nun für die Schafe eingerichtet war, das dumpfe unheimliche Gestöhn. Ich rief in lettischer Sprache, ob dort ein Mensch wäre? Da kam die Antwort: "Helfen Sie mir, ich bin eingeklemmt". In Kurland sind die Auffahrten zu den Futterställen so breit, daß man mit einer zweispännigen Heufuhre hinauffahren kann. Ich ging nun diese Auffahrt nach oben und die Stimme von innen sagte mir, daß ein Brett im Scheunentor lose sei. Durch diese Lücke könne ich hineinkommen. Alle Bangigkeit war bei mir verschwunden, als ich diese Frauenstimme hörte. Die Frau war, weil sie kein Futter für ihre Kuh mehr hatte, auf den schlimmen Gedanken gekommen, sich welches vom Maststallboden zu holen. Dabei war sie durch ein morsches Brett durchgebrochen, war mit dem Rock irgendwo hängengeblieben und hatte keine Möglichkeit sich zu befreien. Sie hatte auch Angst ganz hinunterzustürzen. Sie bat mich, sie nicht anzugeben, da sie dann ins Gefängnis müsse und versprach mir weinend, daß sie nie mehr stehlen wolle, weil sie zuviel Angst ausgestanden hätte. Nun war ich doch froh, daß ich ohne den Gesellen gegangen war, denn der hätte gewiß nicht geschwiegen. Annchen, die in Talsen ein fröhliches geselliges Leben geführt hatte, war nun in Scheden ganz vereinsamt. Die Arbeitstage mit ihren Pflichten gingen ja ganz schnell vorüber. Die Sonntage jedoch waren meiner lebhaften Schwester schrecklich öde, da sie sich aus Büchern, die meine ganze Freude waren, nichts machte. Daher besuchte sie, je nach dem wie das Wetter war, öfter die Nurmhusensche Kirche, zur großen Freude unserer Anneliese, die fast jeden Sonntag zur Kirche ging und nun öfter fahren konnte. Der lettische Gottesdienst fand immer vor dem deutschen statt. An einem ersten Passionssonntag waren die fleißigen Kirchgängerinnen zur Kirche gefahren, doch kam Anneliese allein zurückgefahren. Sie brachte den Bescheid, daß Annchen die Nurmhusensche Müllertochter in der Kirche getroffen habe und zu ihr zum Besuch gegangen sei. Mutter war ärgerlich, denn am ersten Passionssonntag machte man doch keine Besuche. Nach einigen Stunden kam Annchen in Begleitung des jungen Brockhaus und Bruder und zwei Schwestern Stubendorff bei uns an. Diese Begleiter wollten sich von ihr an der Tür verabschieden, doch ließ Annchen es nicht zu, weil sie dieselben mit uns bekannt machen wollte. Alice, die ältere Schwester Stubendorff hatte ich schon bei Hennings, dem Nachbarmüller, kennen gelernt. Nun machten wir uns auch mit Hilda und Ludwig Stubendorff bekannt. Auch den hampligen Brockhaus kannten wir noch nicht. Ich sorgte, da es meine Wirtschaftswoche war, für Speise und Trank, beteiligte mich aber nicht an den fröhlichen Reden und Spielen. Vater, der sehr gastfrei war und sich über die natürlichen (wie ich bei mir feststellen mußte - sehr laut lachenden) Mädchen freute, ließ sie nicht so bald fort. Später begleiteten wir sie noch ein Stückchen durch den Wentenbergschen Obstgarten, um ihnen den näheren und trockneren Weg zu zeigen. Von meinen Eltern waren sie zu einem baldigen Wiederkommen aufgefordert worden. Nach einigen Wochen schickte uns Mutter zum Gut Nurmhusen, um uns dort nach versprochenen Ferkeln zu erkundigen. Nachdem wir unseren Auftrag ausgeführt hatten, wollten wir einen kurzen Besuch in der Mühle machen. Wir wurden dort so herzlich aufgenommen, daß auch meine Zurückhaltung verschwand. Wir mußten sogar zum Mittagessen dort bleiben. Es war ein Sonnabend und somit der Tag, an dem in Kurland dicke Gerstengrütze zum Mittag gegeben wird. Wir lernten dort eine neue Art dieser Grütze kennen und zwar war es ein Gemisch von Gersten- und Kartoffelbrei. Dazu gab es ausgebratene Speckwürfel, Nachschmand und süße und saure Milch. Die ruhige freundliche Art der Mutter und die fröhliche des Vaters waren fast wie bei uns zu Hause. Hier aber waren noch mehr Kinder um den Tisch versammelt. Am Nachmittag wurden wir bis nach Hause begleitet und unsere neuen Bekannten zeigten uns einen wunderschönen Weg durch die "Jacke Birse", wie das Wäldchen, durch das wir gingen, genannt wurde. Unsere Eltern freuten sich auch über solch übermütig fröhliche Jugend. Besonders Hilda Stubendorff gefiel meinem Vater und er hat sie wegen ihrer sonnigen Fröhlichkeit auch immer lieb behalten. Es kam der Frühling und in dieser schönen Jahreszeit waren wir jeden Abend beisammen und sogar meine Eltern beteiligten sich hin und wieder, wenn wir unsere Gäste nach Hause begleiteten. Zu Ostern kamen die alten Stubendorffs zu uns zum Besuch. Ulrich, Ludwig, Georg, der Ludwig genannt wurde, hatte mir ein hübsch bemaltes Osterei gebracht und übergab es mir in aller Gegenwart mit der Bemerkung, daß er nach der Sitte mir dafür einen Osterkuß geben müßte. Ich sträubte mich auch nicht und so küßte er mich in Gegenwart unserer lachenden Eltern. Oftmals kamen Louis Brockhaus und Ludwig Stubendorff allein zu uns, denn die Schwestern hatten nicht immer Zeit und Lust mitzulaufen. Louis wich dann nicht von Annchens Seite. Später erzählten mir die Stubendorff'schen Mädchen, wie Annchens Bekanntschaft mit Louis Brockhaus zustande kam. An dem denkwürdigen Passionssonntag war auch Louis in der Kirche gewesen und hatte Annchen dort gesehen. Er kam ganz begeistert nach Hause und erzählte seinem Vater von dem reizenden unbekannten Mädchen, das er gesehen und daß nur diese seine Frau werden müsse. Nach dem Mittagessen ging der alte Brockhaus durch seinen Garten spazieren und bemerkte im Stubendorff'schen Garten ein schlankes rosiges Mädchen, das ihm sehr gefiel. Es war unser Annchen, dem die Stubendorff'schen Mädchen ihren Garten zeigten. Der Alte machte schnell kehrt und sagte zu Hause zu seinem Sohn: "Sieh Dir doch das Mädel an, das bei Stubendorffs zum Besuch ist. Solch eine Schwiegertochter könnte mir wohl gefallen". Kaum hat Louis sie gesehen, so rief er seinem Vater zu: "Sie ist es, sie ist es!" und ging schnellen Schritts zu Stubendorffs. Dort war er im ersten Augenblick so verwirrt, daß er nur bat, man möchte ihm einen Hammer leihen. Was anderes fiel ihm im Moment nicht ein. Darüber entstand großes Gelächter, denn Vater Brockhaus und auch Louis waren Schmiede und hatten Hämmer in Hülle und Fülle. Louis verliebte sich nun sterblich in unser Annchen. Er bemühte sich, stets an ihrer Seite zu bleiben und ihr jeden Dienst zu leisten. Der Sommer kam und Louis gab sich die redlichste Mühe Annchen zu erobern. Der alte Brockhaus und der alte Stubendorff waren beide große Angler und kamen zu uns, um in unserem Mühlenteich die großen Schleie zu angeln. Die alten Herrschaften lernten sich näher kennen; von der alten Frau Brockhaus hörte man jedoch nur zurückhaltende Bemerkungen mit dem Hinweis, daß es mit ihr ein schweres Zusammenleben sei. Sie war so maßlos dick, daß sie nicht mal zum Abendmahl zur Kirche gehen konnte, sondern für diese eine Werst von der Baronin eine "Eklipasche", wie sie es nannte, bekam. Mit Ludwig, der ein ruhiger und netter Mensch war, hatten wir viele gemeinsame Interessen. Er konnte so nett von seinem Leben in Riga erzählen. Er hatte bei einem französischen Goldschmied sehr viel neue und reizvolle Schmuckgegenstände zu machen bekommen und hat bis tief in die Nächte in der verbrauchten Luft gearbeitet. Da er nicht sehr kräftig war, wurde er vollständig krank und schwach und mußte nach Hause zur Erholung fahren. Er hatte sich schon ganz gut erholt, war aber noch sehr blaß. Damals im Sommer hatte er mal einen bewachsenen Finger, den ihm seine Schwester Marie, die auf Sommerurlaub bei den Eltern war, pflegte. Marie war barmherzige Schwester 16) und verstand gewiß mehr von Krankenpflege, als wir. Doch war sie ziemlich derb und Ludwig war vor Schmerz einmal umgefallen, wofür sie ihn noch verspottete. Daher ließ er den Finger auch nicht mehr von seiner Schwester pflegen. Nachdem ich ihm einmal behutsam den Finger verbunden hatte, überließ er mir, seinem "Schwesterchen" die Pflege. Ludwig arbeitete mit einem Gesellen in der Nurmhusenschen Mühle. Der alte Stubendorff war auch gelernter Maurer und hatte seine Gesellen unter sich. Im Sommer führte er alle die verzwickten Maurerarbeiten aus, die man noch jetzt an den Scheunen und anderen Gebäuden, sowie den Einfassungsmauern an den Gärten in Nurmhusen bewundern kann. Oskar, der dritte Sohn, lernte in Goldingen das Müllerhandwerk. Durch eine böse Mittelohrentzündung konnte er aber seine Lehrzeit dort nicht beenden und kam nach Hause. Die beiden kranken Brüder lösten sich in der Mühle ab. Aber eine große Sorge für Ludwig war die, was er nun anfangen sollte. In der Goldschmiederei, die er so gerne betrieben hätte, war für einen, der kein Anfangskapital hatte, keine Aussicht auf ein Vorwärtskommen. Ab und zu streifte er solche Fragen, doch viel sann ich darüber nicht nach. Unsere Wohnung in Scheden war nicht groß und das beste Zimmer war als Besuchszimmer eingerichtet. Unser Vordereingang hatte einen großen Raum, der durch einen Kleiderschrank und einen bunten Vorhang geteilt war. Hinter diesem Vorhang stand das "Himmelbett" - ein großes breites Bett, in welchem Annchen und ich schliefen. Auch der Nachttisch, zwei Stühle und der zuklappbare Waschtisch hatte dort noch Platz. Eines nachts erwachte ich und höre, daß Annchen weint. Warum weint das sonst so fröhliche Annchen?- Ich frage, bekomme aber keine Antwort. Da höre ich wieder ein Schluchzen und ließ nun nicht nach, bis sie mir den Grund ihres Kummers erzählte. Da kam es denn heraus, daß sie den Louis gar nicht möchte, weil sie den Ludwig liebt. "Aber Annchen, wer zwingt Dich denn zum Louis, so nimm doch den Ludwig!" Da weinte sie noch heftiger und sagte: "Ja, siehst Du denn nicht, daß er gar nichts von mir wissen will und viel lieber mit Dir zusammen ist?" Ich tröstete sie noch, daß sie deshalb den Louis nicht zu nehmen braucht und abwarten soll - vielleicht wird noch alles gut, da ich den Ludwig ja gar nicht haben wolle. Es sei doch noch nicht lange her, daß ich meine Verlobung mit Berthold gelöst habe und ich hätte Angst vor solchen Verlobungen, bei denen noch lange keine Aussicht auf eine Heirat besteht. Am nächsten Tage schien Annchen unsere Unterredung vergessen zu haben, denn sie neckte sich mit Louis und veranlaßte uns alle, den Spaziergang auf die Nurmhusensche Seite zu machen, um die Jungen zu begleiten. Unser Hund, Argo, hatte sich auch schon gemerkt, wann die Jungen kamen und ging ihnen entgegen. Kurz vor dem Wäldchen, fast eine Werst von unserem Hause entfernt, sahen die Jungen den Argo kommen. Sie dachten, er wäre mit uns gekommen und wir hätten uns im Wäldchen versteckt. Doch als sie uns zu Hause vorfanden, waren sie über die Anhänglichkeit des Hundes, die besonders dem Ludwig galt, sehr gerührt. Es war Ende Juli und Hilda Stubendorff war für einige Tage bei uns zum Besuch. Der Tag war sehr schwül und über dem Mühlenteich sah man dicke Wolke aufsteigen. Zum Abend würde es wohl ein böses Wetter geben, denn der Donner grollte schon stark. Die Eltern waren auf dem Mühlendamm und sahen dem Wetter entgegen. Im Hause standen alle Türen und Fenster auf, um etwas frischen Durchzug zu machen. Da sehen wir einen Reiter in scharfem Trabe ankommen. Hilda und Anna sagten fast zur gleichen Zeit: "Das ist ja Louis!" Nach einer kleinen Weile ruft Louis durch die Vordertür: "Annchen, Annchen, komm doch schnell!" Annchen springt auf und schlägt heftig das Speisezimmerfenster zu, so daß eine Scheibe herausfällt und klirrend zerbricht. Dann läuft sie hinaus und schlägt auch die Tür zu. "Hast Du gehört", sagt Hilda, "er nennt sie "DU", ich habe es schon vor einigen Tagen bemerkt". Nach kurzer Zeit kommen die Eltern herein und stellen uns das Brautpaar vor. Louis blieb nur ein kurzes Weilchen, da er eilig zurückmußte. Er hatte sich das Pferd geborgt, weil er eine Fußverletzung hatte und nicht gut gehen konnte. Annchens Hochzeit sollte schon im Herbst sein. Daher wurde ein guter Tischler ins Haus genommen, der die Möbel anfertigen sollte. Gutes trockenes Holz hatte Vater genügend. Es wurde eine Schlaf- und eine Speisezimmereinrichtung angefertigt, alles in dunkelpoliertem Holz, da sich für eine Schmiedewohnung keine hellen Möbel eignen. Wir halfen fleißig der Schneiderin, die an der Aussteuer arbeitete. Ich hatte viel Spitzen und Einsätze gehäkelt, die ich nun gern Annchen abgab. Ludwig kam auch noch hin und wieder zum Besuch, doch hatten wir nun wenig Zeit zu Spaziergängen und Louis wollte auch sein Annchen für sich allein haben. Als Annchen das Brautkleid anprobiert wurde, war sie so erregt, daß sie sich die Brauttaille abriß, unter das Sofa schleuderte und rief: "Ich will solch ein Kleid nicht tragen!" Sie war ja recht eigen mit ihren Kleidern, doch konnten wir uns den Grund zu diesem Ausbruch nicht erklären. Hatte ihr die Schneiderin etwas nicht recht gemacht oder wollte sie die ganze Heirat nicht? - Wir wurden nicht klug daraus, denn nach kurzer Zeit lachte und scherzte sie wieder. Als Mama ihren Schwestern Annchens Verlobung anzeigte, schrieben sie herzliche Glückwünsche und meldeten an, daß sie und zwei Kusinen zur Hochzeit kommen würden. Anfang Oktober war Annchens Hochzeit. Es kamen viele Gäste und wir haben eine schwere Arbeitszeit gehabt, besonders, da die Tanten noch länger bei uns blieben. Zu Annchens Kirchgang konnte ich nicht gehen, da ich mich erkältet hatte. Am Morgen dieses Tages bekam ich einen Rosenstrauß von Ludwig. An Mutter hatte er einen Brief geschrieben mit der Anfrage, ob er kommen dürfe, um mir Gesellschaft zu leisten. Das Mittagessen war schon vorbereitet, ich hatte nur noch die Schlagsahne für das Backobst zu schlagen. I c h fand es sehr lieb von Ludwig, daß er mich besuchen wollte, um mir die einsamen Nachmittage zu verkürzen. Die Eltern und Mascha waren zum Kirchgang gefahren, Otto, Anton und ich aber waren zu Hause geblieben. Wir aßen zusammen Mittag und ich ließ im Speisezimmer den großen Ofen heizen, weil ich sehr fror. Wir setzten uns dann an den warmen Ofen, tranken Tee und aßen noch vom übriggebliebenen Hochzeitsgebäck. Die Teemaschine 17) summte und es war eine eigenartig trauliche Stimmung. Da erzählte Ludwig mir, wie lieb er mich habe und fragte, ob ich auf ihn warten wolle, bis er etwas gefunden habe und einen Hausstand gründen könne. Ich antwortete, daß ich nicht wüßte, ob ich ihn so gern habe, wie ich es mir denke, wie es sein müßte, wenn man heiraten will. Ich könne ihm daraufhin noch keine Antwort geben. "Ich aber weiß es", sagte er, "daß ich noch nie jemand so lieb gehabt habe und will warten, bis Sie mir dasselbe sagen können". Ich bat ihn, zu meinen Eltern noch nicht davon zu sprechen. Auch solle er jetzt nach Hause gehen, da ich mich krank fühle und zu Bett gehen wolle. Da kamen aber auch schon die Eltern zurück und Ludwig ging nach Hause. Am nächsten Tage kam das Mädchen von Stubendorffs und brachte einen Brief mit der Anfrage, wie es mir geht und ob er in den nächsten Tagen kommen dürfe. Als er dann kam, sagte er meinem Vater, daß er mich gern hätte und fragte, ob meine Eltern ihm ihre Tochter geben wollen, obgleich er doch noch nichts sei und auch nichts habe, um etwas anzufangen. "Wenn meine Tochter Sie gern hat und meine Frau nichts einzuwenden hat, bin ich einverstanden, denn mir sind Sie ein willkommener Schwiegersohn", hat Papa ihm geantwortet. Mutter hatte wohl eine andere, bessere Heirat für mich ersehnt, doch sagte sie auch nicht viel dagegen. Nun hielten Vater und Ludwig fleißig Umschau nach einer Mühle und sind viel herumgefahren. Für die besseren Mühlen wollte man aber einen gelernten Müller und keinen Goldschmied und die kleinen Hungerkarren wollten wir auch nicht. So blieb dem armen Jungen nichts anderes übrig, als wieder nach Riga zu fahren und die Goldschmiedearbeit fortzusetzen.. Die ganze Zeit über, die er zu Hause zur Erholung verbrachte, hatte er nichts verdienen können. Es fehlte ihm an Kleidern und Wäsche. Auch hatte er in dieser Pause etwas von seiner Geschicklichkeit eingebüßt und die Stückarbeit, wie sie von den großen Werkstuben abgegeben wurde, schaffte wenig. Wir wechselten oft Briefe, doch ging es noch immer mit dem kühlen Sie. Das war aber gut so, denn die Postbeamten in der Kleinstadt öffneten alle Briefe, in welchen sie etwas Interessantes vermuteten; unsere Verlobung aber sollte noch geheim bleiben. Aus dem Stubendorff'schen Hause waren auch Alice und Eduard fortgefahren. Alice hatte eine Stellung bei den Majorenhöfschen jungen Herrschaften angenommen. Majorenhof gehörte damals, wie auch die anderen Strandorte, dem Nurmhusenschen Baron und wurde von dem Sohn, Baron Ernst, der jung verheiratet war, verwaltet. Oskar blieb in der Mühle und Hilda bereitete sich vor, irgendeine Stellung anzunehmen. Annchen hatte eine bitterböse ostpreußische Schwiegermutter bekommen und hatte nicht sehr gute Tage. Außerdem trank Louis, wenn er zur Stadt kam, und spielte auch Karten. So gab es dort oft Zank und Tränen. Mascha und Otto gingen noch in Talsen zur Schule. Doch Otto war nach der schweren Lungenentzündung nicht mehr so frisch. Er lernte aber mit großem Eifer und las auch viele Indianergeschichten, denn er wollte einst in die weite Welt ziehen, um die fremden Völker zu erforschen. Wenn er so von seinen Plänen sprach, dann strahlten seine Augen. Mutter aber wurde traurig, denn sie sagte mir einmal: "Otting wird unserer verstorbenen Katting immer ähnlicher. Nun sehe ich auch öfter diesen Schein um seine Augen und Schläfen, die auch sie hatte". - Otto wurde von allen geliebt und der alte Stubendorff unterhielt sich mit ihm so, als ob er schon erwachsen wäre. Anton, unser Jüngster, war nun auch schon ein großer dicker Junge geworden und Mutter, die Geduldige, gab sich viel Mühe, ihm das Lesen und Schreiben beizubringen. Damals lautierte man noch nicht, sondern buchstabierte. Einmal plagen sich Mutter und Sohn mit dem Wort Eis ab. "E - i - s ?" - Stille. "E - i - s -?" - Langes Nachdenken. Da sagte Mutter: Es ist doch leicht, denk doch etwas nach, es klingt Dir ja entgegen!" Nun kommt es schon fast weinerlich: "E - i - s " und wieder grübelnde Stille. Da sieht Mutter durchs Fenster und bemerkt eine Eistafel, die vom Tage vorher, als Eis geführt wurde, liegengeblieben war. Daneben liegt Argo, der Hund, und nagt an einem sehr großen Knochen. "Sieh", sagte Mutter, neben Argo liegt Dein schweres Wort". Anton sieht auch hin und plötzlich kommt ihm die Erleuchtung. Mit heller Stimme sagt er: "E-i-s = Pferdefuß!" Er meinte, daß nicht das Eis, sondern der große Knochen, an dem der Hund nagte, das schwere Wort sei. Mit diesem Pferdefuß wurde er noch als Erwachsener geneckt, wenn er zuweilen etwas nicht sofort begreifen konnte. Mascha war sehr fleißig und zeigte besonderes Geschick für feine Weißstickereien. Das wird sie wohl von Mutter geerbt haben, denn Mutter zeigte uns viele Proben ihrer Geschicklichkeit. Z.B. an den Aussteuerunterröcken, die hoch hinauf fein bestickt waren; auch die Nachtjacken und Hauben, sowie die "Barben", - hängende Kragenteile, waren bestickt. Papa benutzte eine perlgestickte lederne Reisetasche, bei der sogar die Lederriemen, die über die Schulter gelegt wurden, mit Perlen bestickt waren. Ein breiter perlbestickter Gürtel hielt den langen schweren Reisepelz zusammen und seine Morgenschuhe wiesen auch Blumenmotive in Perlstickerei auf. Auch seine Bürsten und Tragbänder waren von Mutters fleißiger Hand verziert worden. Das waren Arbeiten, die Mutter in den Sommerferien an den langen hellen Tagen machte. In Talsen lebten Manraus, Mutters jüngste Schwester Adele, die sie schon immer bemuttert hatte, mit Mann und Sohn. Eugen war in allen Ferien bei uns, da er ohne Geschwister war und bei uns genügend Spielgefährten hatte. Eugen war sehr begabt und ein ehrgeiziger Schüler. Später, als er noch Apothekerlehrling war, sprach er, wenn er uns besuchte, nur von seiner Apotheke, die er sich einmal erwerben würde. Manraus hatten in Talsen ein Kolonialwarengeschäft und es ging ihnen ganz auskömmlich. Eugen, der in Petersburg gelernt hatte, war nun Gehilfe dort und hatte sich hübsch herausgemacht. Seine Mutter vergötterte ihren einzigen Sohn und auch er liebte seine Mutter über alles. Onkel Manrau, ein stiller fleißiger Mensch, der seine Frau sehr liebte, wurde von ihr etwas kurz gehalten und hat immer um ihre Liebe werben müssen. Wenn Onkel von seinen Landfahrten zurückkam, war sein Wagen nicht allein mit Eiern, Speck und Schinken beladen, sondern sorgfältig gepflückte Wald- und Wiesenblumen, wie sie nur im gesegneten "Gottesländchen" wuchsen, waren auch immer dabei. Tante war eine große Blumenfreundin und daher konnte Onkel ihr mit solchen Sträußen immer eine Freude machen. Nach dem Tode der Großmutter gab mein Großvater Bitzky sein jüngstes Kind, die Tante Adele, in ein Pastorat zu Pastor Katterfeld, wo sie mit den Pastorentöchtern zusammen erzogen wurde. Nachher kam sie zu Vater zurück, um ihm die Wirtschaft zu führen. Als dann nach einigen Jahren der Großvater starb, kam Tante Adele zu meinen Eltern ins Haus. Sie war ein hübsches Mädchen und hatte viele Freier. Sie war jedoch schon verlobt und wartete nur darauf, daß ihr Verlobter, der nach Rußland gezogen war, dort soviel verdienen würde, daß sie heiraten können. Einer der eifrigsten Verehrer der Tante Adele war Manrau, der Müllermeister der Samitenschen Mühle. Da kam ein Schreiben aus Rußland an meine Eltern von Hess, dem Verlobten der Tante Adele. Er teilte mit, daß er eine gute Stellung habe und zum Winter kommen werde, um sich seine Braut zu holen. Tante Adele soll sich sehr geärgert haben, daß er der Eltern geschrieben hat und nicht ihr allein. Sie hat ihm nicht geantwortet und aus Trotz (oder sollte es doch Liebe gewesen sein?) den Onkel Manrau geheiratet. Mutter war der Meinung, daß Tante Adele ihrem früheren Verlobten von ihrer Sinnesänderung Mitteilung gemacht habe und war daher peinlich überrascht, als Hess, beladen mit schönen Geschenken für seine Liebste, bei ihr erschien. Es muß wohl sehr schwer gewesen sein, einem Menschen, der so voller Hoffnung seinem Glück entgegensah, zu sagen, daß seine Braut schon einen anderen geheiratet hat. Er bat dann meine Mutter, daß sie mit ihm zu Tante Adele fahren sollte, denn er wollte ihren Mann kennen lernen und sie noch einmal sehen. Das Wiedersehen soll sehr erschütternd gewesen sein und Tante soll sehr geweint haben. Ihren Mann sah er nicht, da er ausgefahren war. Hess ging nach Rußland zurück und ist unverheiratet geblieben. Onkel Manrau fing später zu kränkeln an und konnte seine Landfahrten nicht mehr machen. Zumeist saß er im Zimmer und nähte lange Stoffstreifen aneinander, die später zu Dielenläufern verwebt wurden. Tante war eine peinlich saubere und ordentliche Hausfrau. Als Onkel schwer erkrankte und Tante die Arbeit allein nicht bewältigen konnte, fuhr ich nach Talsen, um den Onkel zu pflegen. Onkels Beine waren ganz gelähmt und er durfte nicht gerührt werden. Daher hatte er sich bald wundgelegen. Tante wurde leicht ungeduldig und bei ihrem Sauberkeitsfimmel war es ihr sehr unangenehm, den Onkel von seinem Unrat sauber zu waschen. Außerdem hatte der arme Onkel auch die Sprache verloren. Die Ärzte konnten ihm nicht helfen und er litt große Schmerzen. Er aß fast nichts, nur ab und zu flößte ich ihm einige Tropfen Wasser ein. Wenn ich ihn wusch und seine Wunden voll Schonung abtupfte, streichelte er meine Hand und seine Tränen kullerten in seinen dichten Bart. Ein entfernter Verwandter, der Töpfermeister Köhler, kam in der letzten Zeit, um mir beim Umbetten behilflich zu sein. Als der Onkel gestorben und eingesargt war, fuhr ich nach Hause. Ich hatte in den letzten Wochen wenig geschlafen und wollte es nun nachholen. Nach der Beerdigung hat die Tante unsere Mutter erzählt, daß sie nachts nicht schlafen kann, denn immer sieht und hört sie ihren verstorbenen Mann. Sie hatte solche Angst, daß sie sich zur Nacht nicht einmal auskleidete. So beschlossen wir, bis Tante sich beruhigen werde, daß ich zu ihr fahren würde. Am Tage hatte Tante, die ihre Ware ausverkaufen wollte, Abwechslung und Ablenkung. Abends jedoch, nach Geschäftsschluß, ging sie unruhig auf und nieder, ächzte und stöhnte ununterbrochen und ihre ständige Redensart war: "Könnte ich doch auch unter die Erde kriechen!". Am Tage hatte ich bei Tante nichts zu tun und ging daher zu Frau Hellmann, einer Oberförsterwitwe, die Weißnahtnäherei zu erlernen. Als erstes schlug ich Tante vor, für ihren Liebling, den Eugen, Hemden zu nähen. Ich zahlte Frau Hellmann mehr, als die anderen Schülerinnen und durfte daher meine eigenen Sachen nähen. Ich bemühte mich nun, die Hemden so wie nur irgend möglich zu machen. Ich nahm die Wäschezeitung mit nach Hause, damit die Tante selbst aussuchen konnte, wie das nächste Hemd gemacht werden soll. Auch las ich ihr öfter aus der Wäschezeitung was Nettes vor. Tante, die früher sehr viel gelesen hatte, hatte nun keine Geduld mehr dazu. Doch ich nahm für mich aus der Leihbibliothek Bücher, las ihr die schönsten Stellen daraus vor und erzählte ihr das weitere. So verging uns die Zeit und die Tante wurde ruhiger. Auch ich hatte einen Vorteil aus dieser Zeit, denn ich machte meine Aussteuerwäsche unter Frau Hellmanns Aufsicht und konnte auch für meinen Ulrich Georg, wie ich meinen Verlobten nannte, verschiedene Wäschestücke nähen. Es waren mir der Ludwige zuviel: Onkel Ludwig, Bruder Ludwig, Schwager Louis; warum sollte ich für meinen Liebsten nicht die anderen nehmen, die mir viel netter klangen? - Ja, also - unter Frau Hellmanns Leitung wurden auch für meinen Ulrich Georg hübsche Hemden genäht. Das Geld zum Stoff hatte er mir geschickt. So verging mir die Zeit sehr angenehm, zu Hause hätte ich nie solch hübsche Wäsche machen können. Die zierlichen Säumchen und Passen nähte mir Frau Hellmann und ich nahm ihr dafür die langweiligen Arbeiten an den Aussteuerstücken für eine Kundin ab: die gehäkelten Spitzen anzunähen, was die jüdischen Lehrmädchen, die sie hatte, nicht zu ihrer Zufriedenheit machten. Bei Brockhaus war eine Tochter geboren und mein zärtliches Schwesterchen freute sich - nun etwas ganz für sich zu haben. Der alte Brockhaus war lungenleidend. Er wurde immer eigensinniger und böser, wenn man ihm sagte, daß er sich selbst und andere krank mache, wenn er in alle Ecken spuckt. Er war weder im Guten noch im Bösen dazu zu bewegen - in einen Wassernapf zu speien. Annchen hatte keine ständige Bedienung. Nur einmal wöchentlich kam eine Frau, um die ungestrichenen Fußböden zu scheuern. Sonst wurden sie nur mit Wasser bespritzt und ausgefegt. Die alte Frau Brockhaus gab das "Ruder" (wie sie sagte) nicht an Annchen ab, sondern bestimmte noch im Hause alles selbst. Louis, der großen Respekt vor seiner Mutter hatte, wagte es nicht auf seiten seiner Frau zu stehen, obgleich er der einzige Verdiener war und auch allein für seine Eltern sorgte. Annchen aber wollte in ihrer Wirtschaft selbst bestimmen und so gab es bald Reibereien, worüber dann die Leute viel zu reden hatten. Die alte Frau hatte eine böse Zunge und Annchen konnte sehr heftig werden. Da war es denn kein Wunder, daß meine zukünftige Schwiegermutter Besorgnisse äußerte, ob ihr Sohn wohl die rechte Wahl getroffen habe. Ich besuchte meine Schwiegereltern recht oft und sie waren auch lieb zu mir. Besonders der Schwiegervater, der auch über Anna und Louis sprach und sagte, daß es einem Engel auch nicht leicht fallen könnte - mit dieser Schwiegermutter zusammen in Frieden zu leben. Ulrich Georg war nun schon ein Jahr fort und wir wären beide wieder einmal gern einige Tage beisammen gewesen. Doch Ferien bringt nichts ein und Reisen kosten Geld, besonders, da noch keine Bahnverbindung bis Riga bestand. Sein Erspartes mußte er für einen Mantel, den er dringend brauchte, ausgeben. Es war wieder einmal Ostern. Am Ostersonnabend hatte es viel Arbeit gegeben, so daß ich sehr müde ins Bett sank und herrlich schlief, wie man es nur in der Jugend kann. Früh am Morgen träumte mir, daß ich herrliche Musik höre. Ich erwache und höre nun die Melodie, die mir Ulrich Georg auf seines Vaters Harmonika vorgespielt hatte. Mit seligem Schreck springe ich auf, kleide mich notdürftig an und laufe ins elterliche Schlafzimmer. "Ich glaube, der Ulrich Georg ist da!" Mit einem Satz springt Vater aus seinem Bett und will im Hemde hinauslaufen. "Aber Heinz", ruft Mutter und hält ihn am Hemdzipfel fest. Mein Ulrich Georg war wirklich gekommen! Das war eine Freude! Ich war ganz selig und immer wieder mußte ich ihn ansehen, wie hübsch er aussah. Er war voller und männlicher geworden und seine blauen Augen strahlten einen Himmel voll Seligkeit aus. Er war auch gut gekleidet. Wie war ich glücklich! Von meiner alten Zurückhaltung war nichts mehr übrig geblieben - wir hatten uns lieb, beseligend lieb. - Die schönen Tage gingen nur allzu schnell vorüber. Wir wollten jedoch nicht mehr solch lange Trennungszeiten haben und daher wollte er im Herbst wiederkommen. Diese Hoffnung sollte den Trennungsschmerz lindern. Papa holte den alten Tischlermeister Kuwald wieder ins Haus, der nun für mich Speise- und Schlafzimmermöbel arbeiten sollte. Ich wollte helle Eschenmöbel haben und bekam auch alles nach Wunsch. Ich spann und häkelte die von Mutter gefärbte Wolle zu schönen dicken Decken. Ja, auch mein lieber Ulrich Georg bekam eine schöne warme "große" Decke, damit er sich die Schultern und die Füße bedecken konnte, was mit seiner kurzen Lehrlingsdecke nicht mehr gelang. Ulrich Georg wurde bei der Mutter seines Freundes, Frau Weise, verpflegt. Weises führten einen guten Tisch, da alle Jungen dazu beisteuerten und es waren mit Ulrich Georg somit vier Zahler. Daher hatte er sich wohl auch so gut erholt. In unsere Geschäftigkeit kam eine lähmende Hemmung - der alte Brockhaus war irrsinnig geworden; wie es hieß, durch Tuberkeln im Gehirn. In seinem Wahnsinn verfolgte er Annchen mit häßlichen Wünschen. Er wurde nur durch den bösen Blick seiner Frau gebändigt. Eines Tages war diese hinausgegangen und der Wahnsinnige hatte Annchen umfaßt und zum Backofen gebracht, der noch voll glühender Kohlen war. Dabei sagte er ihr ins Ohr: "Wenn ich Dich nicht haben darf, so soll der Louis Dich auch nicht haben". Annchen hat mit ihm gerungen, doch er war so stark, daß er sie mit Leichtigkeit aufhob und in den Ofen stecken wollte. Auf Annchens wahnsinniges Geschrei kam Louis aus der Schmiede gelaufen. Der schlaue Alte jedoch hatte mit Vorbedacht den schweren Riegel vor die Zimmertür geschoben. Mit Brechstangen und Hämmern wurde die Tür aufgebrochen, doch waren Annchens Kleider schon angebrannt. Annchen war von dem grausigen Erlebnis so mitgenommen, daß man ihr nicht zumuten konnte, noch länger mit dem Wahnsinnigen zusammenzubleiben. So kam er zu meinen Eltern, bis er in die Landesirrenanstalt übergeführt werden konnte. Bei uns verhielt er sich soweit ganz ruhig, nur daß seine Hände immer etwas banden oder lösten. Auch hat er weder bei Tage noch in der Nacht geschlafen. Er ging ständig umher und erzählte uns seine Lebensgeschichte. Sein Vater sei auch Grobschmied gewesen und er habe vier Brüder gehabt. Doch haben sie oft hungern müssen, da der Vater das Brot verschlossen hielt und auch die Mutter hat mit hungern müssen. Der Vater war ein großer Pferdehändler und der Zigeuner Daibe sei sein Partner gewesen. Die älteren Brüder wurden jung in die Lehre abgegeben, er als Jüngster aber hat beim Vater bleiben und die Schmiederei lernen müssen. Als er erwachsen war, verheiratete der Vater ihn mit der viel älteren Wirtschafterin eines Edelmannes, der ihm dafür eine Schmiede gab. Der Edelmann wollte, bevor er seine eigene junge Frau nach Hause führte, seine Wirtin, das Frl. Hermine Huber aus Insterburg verheiratet und aus dem Hause haben. Er erzählte uns noch viel von seinem schweren Leben mit dieser Frau. Tagsüber waren die Eltern seine Gesellschafter, nachts aber saß ich im Speisezimmer, machte meine Handarbeiten und hörte seine zuweilen ganz drolligen Reden an. Am Tage machten wir auch kleine Spaziergänge. Sein Geist verwirrte sich aber immer mehr und er meinte, er wäre der Herrscher des Landes und alle müßten ihn mit Majestät anreden. Wir widersprachen nicht und so ging es ganz gut.. Da fiel es Frau Brockhaus ein ihren Mann zu besuchen, bevor man ihn zur Irrenanstalt brachte. Sie wollte ihn noch einmal sehen, doch das war sein Unglück. Er regte sich so darüber auf, daß er zu toben anfing. Er schrie nur immer: "Wer hat es gewagt, mir diesen alten Trum unter die Augen zu bringen?" Später sagte er zu mir: "Den alten Trum will ich nicht mehr sehen, ich werde Dich zu meiner Königin machen". Einmal nach meiner Nachtwache kommt der Alte, als ich mich zum Schlafengehen auskleide und sagt: "Heute kommt Dein König zu Dir schlafen". "Gut", sage ich, "aber ich will auch sehen, ob Du noch gut laufen kannst". Damit schleuderte ich meinen Pantoffel ins große Zimmer und rief: "Hole ihn!" Er lief davon und ich hakte schnell meine Tür zu und riegelte mich ein. Glücklicherweise hatte die Anstalt geschrieben und der arme unglückliche Mensch wurde fortgeführt. Nach kurzer Zeit, es waren wohl nur einige Wochen, bekam Louis die Nachricht, daß sein Vater gestorben sei und daß er ihn holen soll. Da der Tischler bei uns arbeitete, ließ Vater einen sehr hübschen Eichensarg machen und ich half Louis beim Umsargen des Alten, um Annchen diese Aufregung zu ersparen. Der alte Mann muß wohl einen schweren Tod gehabt haben, denn er hatte ein grausiges Gesicht, so, als ob er im Todesschreck erstarrt wäre. - Annchen hat bald nachdem einen Sohn geboren, doch bekam das Kindchen Gehirnkrämpfe und erblindete. Der Arzt meinte, daß es leicht möglich sei, daß dies die Folgen der von Annchen erlebten Schrecken seien. Das Kindchen starb bald. "Im Nest zum grünen Zweig", wie wir das Stubendorff'sche Haus nannten, ging das Leben ruhig weiter. Es wurde aber lebhafter, wenn Schwester Marie aus dem Rigaschen Diakonissenhaus in den Urlaub kam. Dann kamen auch ihre Kusinen zum Besuch, damit Marie es nicht zu langweilig hat. An schönen Tagen machten wir unsere Handarbeiten im Garten und lasen manch hübschen Roman von der Marlitt, Heimburg 18) oder was wir sonst an hübschen Geschichten bekamen. Das liebe unermüdliche Hausmütterchen Hilda umsorgte uns alle. Sie sorgte nicht allein für die Mahlzeiten, sondern wusch und reparierte auch Mariens Wäsche und bediente die Schwester so lieb, damit sie sich nur ja erholen soll. Marie hat es wohl auch nötig gehabt, denn sie war nicht kräftig und ihre Arbeit war sehr anstrengend. Wir hörten Marie gern zu, wenn sie von ihrer Arbeit und ihren Erlebnissen erzählte. Oft hat mich "Gut-Hilding" nach Hause begleitet. Sie war in unserem Hause ein gern gesehener Gast, denn sie war ein fröhliches Menschenkind, das überall zugriff, wo es zu helfen gab. Lieb ist mir noch die Erinnerung, wie wir auf unserer Waldwiese Heu trockneten. Wenn es soweit war, daß die Wiese gemäht werden mußte, dann taten es die Gutsarbeiter an einem Sonntagmorgen. Dafür bekamen sie ein Mittagessen, das immer aus einer Suppe mit reichlich geräuchertem Schweinefleisch und vielen dicken Klimpen (Klößen) bestand. Eine Flasche Schnaps bildete den Schluß. Die weitere Heuarbeit machten wir dann allein. Unser Mädchen, als Sachverständige und Leiterin der ganzen Aktion, wurde nicht müde, uns die richtige Handhabung der Harke zu zeigen, damit wir uns nicht Blasen an den Händen aufreiben sollten. Bei uns Landkindern kam es ja nicht vor, doch zu dieser lustigen Arbeit kamen auch zuweilen die Stadtkinder. Gut-Hilding hat auch einen Sommertag lang mitgeholfen und auch der junge Lehrer, der seine Ferien in meinem Elternhause verbrachte, war immer dabei. Das Mittagessen schickte uns Mutter im Wagen, schön verpackt, mit dem Müllergesellen heraus. Es waren einige Werst bis zur Wiese und das Hin- und Zurückgehen hätte uns zu sehr aufgehalten. Auch machte solch ein Essen im Freien sehr viel Spaß. Pferd und Wagen blieben dann bei uns. Wenn wir abends nach Hause fuhren, hatten wir uns selbst mit Blumen geschmückt und auch das Pferd, der alte Butze, war besonders schön herausgeputzt. So wenig dies alles sagt - für mich waren diese Heutage wie schöne Festtage und noch jetzt möchte ich mitmachen, wenn ich andere dabei arbeiten sehe. Wie verabredet, kam im Herbst Ulrich Georg. Wir waren alle Tage beisammen, entweder in der "Magnetmühle" bei uns oder im "Nest" bei seinen Eltern. Die Schwiegereltern hatten einen schönen Obstgarten, der hübsch am Teich gelegen war. Vom hohen Ufer führten Steinstufen, die noch mein lieber Ulrich angelegt hatte, hinunter zum Teich. Am Teichrande wuchsen Nußbäume und alte Eichen. Wenn wir Mädel am Morgen aufstanden, liefen wir immer erst zum Teich hinunter, um dort unsere Morgenwäsche vorzunehmen oder ein Bad zu nehmen. Wie oft flogen mir morgens die schönsten saftigen Reineklauden auf mein Bett, die mir mein liebster aus dem Garten geholt hatte. Abends haben wir oft unsere Kescher am Teichrande eingesenkt und Krebse gefangen, die uns am nächsten Tage zum Frühstück herrlich schmeckten. Beim Angeln leistete ich ihm oft Gesellschaft und las ihm dabei leise vor. Die Fische, die er zog, bumsten mir oftmals auf mein Buch. Wie schön waren auch die Spaziergänge in die "Jacke-Birse", von beiden Hunden und den kleinen Mädchen, Gustel, seinem Schwesterchen und Mahse, der kleinen Pflegeschwester begleitet. Auf Anregung meiner Schwester Mascha gingen wir auch oft Pilze suchen. Mascha war eine große Pilzsammlerin und an manchen Tagen hatte sie soviel gefunden, daß angespannt werden mußte, um den Segen nach Hause zu bringen. Mutter hat dann die Pilze sortiert: zum Salzen, zum Trocknen, oder die Reizker und Barawicken (Steinpilze) in Essig zum Salat. Mascha wurde ärgerlich, wenn wir uns lieber auf einem netten Plätzchen lagerten und uns allerlei erzählten. Unser stiller Otto, den viel Bewegung ermüdete, setzte sich dann immer zu uns. Ulrich hatte von seinem Onkel und Lehrmeister, der die Goldschmiederei aufgegeben hatte, das Werkzeug kaufen wollen, bekam aber eine abschlägige Antwort. Im Besitze dieser Werkzeuge hätte er sich selbständig machen können und dann hätten wir heiraten können. Daraus wurde nun aber nichts. Aus unserer heimlichen Verlobung mußten wir eine öffentliche machen, denn die Klatschmäuler weiblichen und noch mehr männlichen Geschlechts wollten unsere Verlobung zerreden und kamen mit ihren Warnungen sowohl zu meinen, wie auch zu seinen Eltern. In meinem Elternhause herrschte Freude und Erwartung, denn Onkel Ludwig und Jeannot sollten aus Petersburg zum Besuch kommen. Nun wurde geputzt und dafür gesorgt, daß man die lieben Gäste würdig empfangen konnte. Ich stellte mir den Onkel als einen würdigen älteren Herrn vor, doch der dann mit meinem Bruder ankam, war ein eleganter, noch jugendlich aussehender und ausgelassen fröhlicher Mensch. Tante Manrau wurde aus Talsen abgeholt, damit sie ihren einstigen Verehrer und Jugendkameraden wiedersehen sollte. Tante kam im hübschen schwarzen Seidenkleid. Der Onkel saß auf den Treppenstufen und als die Tante die Stufen hinaufging, hob er ihren Seidenrock und kuckte sich das Unterkleid an, lachte und sagte: "Ich dachte - von oben hui, von unten pfui - doch dies Unten kann sich gern sehen lassen". Tante tat so, als ob sie ihm eins auswischen wollte, doch er sprang auf, küßte ihre Hand, legte seinen Arm um sie und führte sie dei Treppe nach oben. Onkel, für den so viel Schönes geschlachtet und gemacht war, wollte nur die einfachen kurischen Speisen aus seiner Kinderzeit haben, denn Braten und Puddings bekam er zur Genüge. Unsere schönen kurischen Speisen jedoch konnte ihm seine Köchin nicht zubereiten. Besonders oft bat er sich den auf Kohlen gebackenen Salzhering mit reichlich saurem Schmand aus. Es waren reizende Tage für uns alle. Onkel hatte mich so lieb gewonnen, daß er ernstlich darüber sprach, mich nach Petersburg zu nehmen. "Was wirst Du noch länger auf Deinen Bräutigam warten. Ich garantiere Dir, daß ich Dich in kurzer Zeit mit einem reichen Mann verheiraten werde".- "Ich will aber keinen anderen, als nur diesen Einen!".-"Ach, mit kleinen Mädchen macht man einfach so", damit hob mich Onkel auf und wollte mich forttragen. Ich griff schnell nach einem großen Nagel, der im Türrahmen eingeschlagen war und hielt mich daran fest. Onkel wollte sich als der Stärkere zeigen und mich trotzdem forttragen. Ich ließ aber den Nagel nicht los und bald lief ein Blutstreifen an meinem Handgelenk entlang. Onkel erschrak und ließ mich los und ich sagte ihm: "Siehst Du, auch kleine Mädchen kämpfen bis aufs Blut um ihr Glück!" Beim Abschied drückte der Onkel mir einen größeren Geldschein in die Hand und sagte: "Hoffentlich langts für einen Unterrock". Mir kam dieses Geld sehr gelegen und wir kauften dafür Laken und Tischwäsche. Damit war meine größte Sorge, wie ich zu diesen notwendigen Sachen kommen sollte, behoben. Hausgewebtes Leinen hatte ich genügend, denn das hatte Mutter beizeiten für alle drei Töchter fortgelegt. Als ich 9 Jahre alt war, bekam ich einen Eschenschrank, ebenso auch meine jüngeren Schwestern. In diesem Schrank wurde damals schon das Leinen für meine Aussteuer gesammelt. Zwei Fächer hatte ich als Puppenzimmer eingerichtet, die mich damals mehr beschäftigten, als die Aussteuer. Die Schränke und Kommoden bekamen wir damals, weil Vater einem arbeitslosen Tischler helfen wollte. Deshalb gab er ihm in unserem Hause diese Arbeit. Vater sammelte schon immer gutes Nutzholz, welches dann in Brettern zersägt, jahrzehntelang trocknen konnte. Der Tischler Kruhming, ein strebsamer Lette, lernte auch bei Vater die Holzarbeiten für die Mühle zu machen. Späterhin hat ein reicher Schiffseigner auf seinem Strandgut am Meer eine Windmühle bauen wollen. Papa machte ihm die Pläne, die Holzarbeiten aber an Rädern und Flügeln machten mein Bruder Ludwig und Kruhming unter Vaters Leitung. Die Mühle wurde gut und der Besitzer, Sandberg, hätte es gern gesehen, wenn Ludwig als Schwiegersohn die Mühle behalten hätte. Kruhming heiratete später eine Deutsche, die Kammerjungfer vom Schloß. Er bekam eine Mühle und war meinen Eltern immer sehr zugetan, weil er durch Vaters Hilfe in eine so gute Stellung gekommen war. Unser Otto war nach einem kalten Winter, wo er sich erkältet hatte und immer husten mußte, sehr elend geworden. Der Arzt riet dringend, den Jungen für eine Zeit aus der Schule zu nehmen. Diesesmal protestierte Otto nicht, da der junge Lehrer, der schon im vergangenen Sommer bei uns war, in diesem Sommer wiederkommen wollte. Er hatte Otto versprochen, ihm beim Nachholen des Versäumten behilflich zu sein. Karl Awoting war Hilfslehrer an der deutschen Kirchenschule in Nurmhusen. Er bekam dort nur ein kleines Taschengeld und die Mahlzeiten. Ihm blieb viel freie Zeit übrig, um sich weiterzubilden. Er wollte sich zum Konkurrensexamen in Wyschny Wolotschok in Rußland melden. Dort lernten die jungen Leute Wasser- und Schleusenbau und was dazu gehörte, um dann als fertige Ingenieure herauszukommen. Es war dort ein harter und schwerer Dienst. Doch da der Staat durch die Konkurrenz nur die Tüchtigsten bekam, gab er auch ohne Zahlung diese Ausbildung und später staatliche Stellungen. Karls Vater hatte zum zweitenmal geheiratet und das Haus war von den Stiefgeschwistern so gefüllt, daß die älteren Kinder schon in jungen Jahren für sich selbst sorgen mußten. Karls älterer Bruder war Schneider geworden und gab, soviel er erübrigen konnte, für Karl zum Schulgeld. Die Schwester war in einem deutschen Hause Kindermädchen, doch alle drei lernten noch, um sich weiterzubilden. Daher war es auch Karl lieb, den letzten Sommer noch bei uns Unterkunft und Ruhe zum Lernen zu haben, denn im Herbst sollte das Examen sein. Es war ein stiller und guter Sommer, nur Otto machte uns Sorge. Sein Sommeramt - die Gänse für einige Stunden aus der Koppel auf die Weide zu bringen, mußte er Anton abgeben, weil er zu müde davon wurde. Anton kam oft mit Tränen nach Hause gelaufen, weil das Gänseväterchen ihn gezwickt hatte. Einmal sahen wir diesem Kampf zu und da zeigte ihm Otto, wie er die Peitsche gebrauchen sollte, um sich Respekt zu verschaffen. Karl und Otto wurden nie müde, über die verschiedensten Themen zu sprechen. Besonderes Interesse hatten für sie die fremden Länder, ihre Völker und deren Leben. Nach den Ferien fuhr Awoting zum Examen, bestand es und blieb gleich dort. Zu Mutters Geburtstag brachten Otto und Anton ihr ein Ständchen. Otto spielte Harmonika, Anton die Triangel, doch wurde Otto vom Spiel sehr müde. Es war das letzte Mal, daß er seine Harmonika gespielt hatte. Bald konnte er das Bett nicht mehr verlassen und aß auch sehr wenig. Es ging immer mehr mit seinen Kräfte bergab. Am 10. Januar 1896 starb er. Ulrich Georg kam zur Beerdigung und auf seine Bitte erlaubten es die Eltern, daß ich mit ihm nach Riga fahren durfte. Ich lebte bei Onkel Jeannot, Papas ältestem Bruder. Die Tante und auch die jungen Kusinen waren sehr nett zu mir. Ulrich kam jeden Abend. Wir besuchten einige Mal die Oper, was für mich etwas nie Gesehenes, unglaublich Schönes war. Zum Photographen gingen wir auch hin und ließen eine Aufnahme von uns machen. Ich war jedoch mit meinen Gedanken viel zu Hause. Ich mußte immer an die letzten Wochen denken, wo ich Otto pflegte und die Nächte bei ihm wachte, an sein liebes dankbares Lächeln, wenn ich meine Hand unter seinen müden Rücken schob, um ihn ein kurzes Weilchen zu halten und ich sehnte mich sehr nach Hause. Nur wenn Ulrich kam und wir bei Tante in ihrem schönen Saal auf dem Sofa saßen und ich meinen Kopf an ihn lehnte - war ich glücklich. Tante hatte eine große elegante Wohnung am Ausgang der Sünderstraße mit der schönen Dünaaussicht. Oft ging ich zum Markt mit, wenn Tante in Begleitung des Mädchen einkaufen ging. Es wurde immer viel Schönes eingekauft, denn Tante unterhielt eine feine Pension und es kamen auch noch einige Herren aus der Stadt bei ihr Mittag essen. So bekam ich einige Kenntnisse im Einkaufen, die ich später gut gebrauchen konnte. Am liebsten beschäftigte ich mich mit meinem jüngsten Kusinchen - Hildegard, Schlumselchen genannt. Es war ein süßes Pusselchen von knapp einem halben Jahr. Tante ging sehr gut gekleidet und ihre Töchter schienen mir immer sonntäglich geputzt. Das kleine Schlumselchen aber tat mir leid, denn in seinem ausgeschnittenen, kurzärmeligen langen Tragekleidchen mit wechselnden Seidenbändern schien es mir zu leicht gekleidet. Daher legte ich ihm, wenn wir allein waren, mein großes Orenburger Tuch um. Etwas Neues war mir auch der elegant gedeckte Tisch und die köstlichen Speisen. Tante, als Hausfrau, war reizend um alle besorgt. Die beiden Mädchen, in Häubchen und Spitzenschürzchen, bedienten lautlos. Alle Herren waren gute Bekannte der Tante. Sie waren auch zu mir sehr freundlich, so daß ich meine Schüchternheit bald ablegte. Es wurde auch oft musiziert. Tante spielte gut Klavier und einige Pensionäre spielten Geige. Ulrich wohnte mit seinem Bruder Eduard zusammen in einem möblierten Zimmer. Sie wurden von der Hausbesitzerin beköstigt. Eduard war ein Feinschmecker und kochte auf dem Primus oft einen Schweinegallert oder sonstige Leckerbissen. Einmal verabredeten wir, daß ich zu ihnen zu Gast kommen sollte und dann wollte ich ihm helfen, Pfannkuchen zu backen. Schon einige Tage vorher gingen wir mit Ulrich in ein feines Kolonialwarengeschäft. Ulrich, dem es wohl Spaß machte, meine Verlegenheit zu sehen (vielleicht wollte er mir auch helfen, sie zu überwinden), sagte: "Kaufe bitte das Mehl zu den Pfannkuchen ein". Der Verkäufer fragte, ob ich Moskauer oder Rostower Mehl wünsche. Auf einen fragenden Blick riet mir Ulrich von den beiden Sorten zu nehmen. "Nicht wahr, 5 Pfund von jedem?" - "Ja", sagte ich, um nicht wieder fragen zu müssen. Zwei große Tüten Mehl bekamen wir mit und ich war froh, herauszukommen. Am nächsten Tage sprach ich mit Ulrich und sagte, daß ich gern seine und Eduards Wäsche ausbessern wolle, da ich nachmittags immer viel Zeit habe. Wir verabredeten, daß sie mir alles hinlegen und ihre Zimmerwirtin verständigen würden, daß ich es abholen werde. Mit meinem Nähzeug kam ich glücklich in die Säulenstraße, den Weg kannte ich schon von unseren Spaziergängen. Ich arbeitete froh und zufrieden bis zum Abend. Dann kamen die Brüder nach Hause und Eduard und ich sollten nun die Pfannkuchen backen. Jetzt verstand ich wohl, weshalb Mutter, wenn ich mein Ungeschick in der Küche zeigte, oftmals ärgerlich seufzte: "Der arme Stubendorff, der kann mir leid tun, weil er eine so schrecklich dumme Frau kriegt". Wir sprachen uns mit Eduard über die Zubereitung aus und er sagte, daß er nur dünne Pfannkuchen zu backen verstehe. Ich meinte, daß die dicken schöner sind, doch dazu braucht man Nachschmand. Da wir den nicht hatten, beschlossen wir, mehr Eier zu nehmen. Wir rührten und klopften eine hübsche Menge an. Das Mehl war so weiß und schön, wie Papa es nicht herstellen konnte. Die pfannkuchen mußten doch gut schmecken! Doch zäh, wie Leder, waren die mit so vielen Eiern zubereiteten Pfannkuchen geworden und beim besten Willen konnten wir jeder nur einige kleinkriegen. Den Rest vom Teig bekam das Mädchen, mit der Weisung, am nächsten Tage daraus Klöße zu machen. Die sollen jedoch gut gewesen sein. Dieser Beweis meiner Kochkunst möge wohl meinen Ulrich bewogen haben, mir als Hochzeitsgeschenk ein gutes Kochbuch: "Haus und Herd" von Redelien, zu schenken. Dieses Buch war eine schöne Sache, denn da bekam ich immer für alles Rat. Mein liebes Trudelchen hat noch heute diesen meinen guten Ratgeber in Benutzung. Den Rest des Pfannkuchenmehls fand ich noch vor, als ich als junge Frau nach Riga kam, denn Eduard hatte nicht mehr Pfannkuchen gebacken. Wie oft haben wir zu Hause noch über meine Pfannkuchenbäckerei gelacht, denn ich hatte es Mutter und Schwiegermutter erzählt. Nun beschloß aber meine liebe Mutter, mir mehr von der Kochkunst beizubringen, damit sie sich meiner nicht schämen müßte. Arbeiten, wie die Gänse aus den Knochen lösen und einige andere Sachen, die gewissenhaft ausgeführt werden mußten, vertraute Mutter mir an. Wenn es jedoch galt, etwas schnell auszuführen, wurde sie leicht ungeduldig, weil ich ihr zu langsam war. Meine Aussteuer hatte ich im Laufe meiner langen Brautzeit hübsch fertig machen können. Ich hatte sogar alle Küchenhandtücher mit hübschen breiten gehäkelten Spitzen versehen. Die Möbel standen schon fertig da, als endlich die beglückende Nachricht von meinem Ulrich kam, daß er die Werkstube eines bekannten Goldschmieds übernehmen werde und auch dessen Kundschaft mitbekommt. Als nun Onkel Nutowz davon hörte, daß Ulrich eine Werkstube bekommen habe, bot er ihm seine Werkzeuge an. Es wurde eine monatliche Abzahlung vereinbart und nun hatte er alles vollständig. Es ging ihm schon in den ersten Versuchsmonaten so gut, daß er Lambert die Abzahlung für die Werkstube machen konnte und sich nach einem geeigneten Werkraum umsah. Er fand ihn nach langem Suchen in der Anglikanischen Straße. Es war ein durch eine spanische Wand geteilter Raum. Der vordere Raum sollte die Werkstube werden und in dem kleinen hinteren Raum wollten sie beide mit Eduard hausen. Damit Ulrich nicht unnütze Ausgaben haben sollte, schickte ich unsere neuen Betten, Tisch, Stühle und das Buffet, sowie die Küchenhandtücher und noch verschiedenes, was für die Werkstatt gebraucht wurde. Jetzt kam für meinen lieben Ulrich ein arbeitsreiche Zeit. Er hatte nur einen Gehilfen und einen Lehrling - Arbeit war aber reichlich da, so daß er selbst bis in die Nächte hinein arbeitete. Ich bekam seltener und nur kurze Briefe und war froh, als Mama im Herbst mit einer Ladung fetter Schweine, die sie nach Riga zum Verkauf brachte, auch ein Stündchen den Ulrich besuchte. Sie brachte ihm auch einiges für die Wirtschaft mit. Sie konnte mir nun mehr erzählen, als seine kurzen Briefe. Er hatte sich beklagt, daß er bei der herrschenden Wohnungsnot nicht die Zeit aufbringen könne, eine passende Wohnung für uns zu finden. Ich aber wollte nun nicht länger warten und schrieb: "Wir heiraten und ich werde dann die Zeit haben, eine Wohnung zu suchen". Damit er nun keinen Tag versäumen mußte, wurde unsere Hochzeit in die Weihnachtsfeiertage verlegt. Im Herbst hatte ich schon für meinen künftigen Haushalt verschiedene Säfte eingekocht und Pilze zum Salat eingemacht. Mutter hatte Schweinefett, Speck und Schinken für mich beiseitegelegt und als ich in diesem Herbst des Jahres 1897 zum letzten Mal die Gänse zum Räuchern vorbereitete, da wußte ich, daß unser Anteil auch dabei war. Müde und etwas verstimmt kam mein Bräutigam an, denn es war ihm nicht recht, daß unsere Hochzeit nicht in aller Stille, nur im Kreise der engsten Familie gefeiert wurde. Doch darauf hatte ich keinen Einfluß. Der alte Vater Stubendorff war zu meinem Vater gekommen und hatte ihm den Vorschlag gemacht, daß er die Hochzeitsmusik bezahlen wolle und wir noch die nächste Verwandtenjugend zur Hochzeit einladen sollten. "Mein ältester Sohn - Deine älteste Tochter, nicht wahr, lieber Freund, so ohne Sang und Klang wollen wir sie doch nicht verheiraten?" Meinen Eltern war es so recht, nur mir war nicht ganz wohl dabei, weil ich doch Ulrichs Wunsch einer stillen Hochzeit kannte. Als ich ihm den Beschluß der Eltern brieflich mitteilte, schrieb er mir kurz zurück, daß wir ohne ihn Hochzeit feiern könnten. Ich antwortete ihm darauf nichts, doch tat es mir weh, daß zum ersten Mal eine Verstimmung in unsere sonst so harmonische Brautzeit gekommen war. Wir wurden in der Nurmhusenschen Kirche getraut und es war hübsch und feierlich. Die beiden kleinen Mädchen, weißgekleidet und Blumenkränzchen im Haar, und Anton gingen uns voran. Unsere Elternpaare uns zur Seite, seine Eltern an meiner Seite und meine an seiner. Dann kamen die jungen Brautschwestern mit ihren Marschälen paarweise hinterher. Alle Verdrießlichkeit war wie weggewischt - ich hatte einen frohen und schon etwas würdigen Ehemann bekommen. Unsere Hochzeit verlief sehr gemütlich und mein Mann äußerte oft nachher, daß er noch nie eine so harmonische Hochzeitsfeier erlebt habe, wie gerade seine gewesen sei. Schwester Marie, Eduard und meine beiden Brüder, Ludwig und Bernhard, fuhren nach der Hochzeit mit uns zusammen zurück nach Riga, denn sie hatten dort ihre Anstellung. In unserem Heim war die Tür bekränzt und Herr Lange, der Gehilfe, und der Lehrling erwarteten uns. Das Winkelchen, das mir zur Verfügung satnd, war klein, doch fingen wir unser Leben sehr glücklich an. Nach einem Monat kam mein Mann mit einem Kästchen, das mit Seidenpapier zugedeckt war, zu mir, legte es auf den Speisetisch und sagte: "Nun werde ich Dir etwas zeigen, damit Du Dich mit mir freuen kannst". Er setzte sich auf einen Stuhl, zog mich auf seinen Schoß und deckte das Kästchen auf. Darin lagen blank und glänzend ein goldenes Armband und einige Ringe. "Das ist unser", sagte mein lieber Mann, "das haben wir in dieser Zeit verdient und dafür bekomme ich mehr, als für die Reparaturen, die ich für die Geschäfte mache". Er sagte mir noch viel Beglückendes und auch, daß wir zwei weniger Ausgaben gemacht haben, als er früher allein hatte ausgeben müssen. Ich hatte für meinen Tatendrang nur ein zu kleines Arbeitsfeld und hätte doch so gerne mitgeholfen. Früher hatte Ulrich eine Aufwartefrau gehabt, die ihm alles sauber hielt. Bei meiner kleinwinzigen Wirtschaft aber hatte ich sie gar nicht nötig, denn ich hatte ja nicht einmal eine Küche. Im Treppenraum war ein Schornsteinmantel mit einem Einbau, da konnte man auf einem Dreifuß kochen. Das war mir aber eine zu schmutzige Angelegenheit und ich habe daher alles weggeräumt, mit Papier ausgedeckt und meinen Primus hingestellt. Das Kochen im Zimmer verdarb die Luft noch mehr, da kochte ich lieber in meinem Schornstein. Ich hatte dort nicht mal Platz für den kleinsten Tisch. Da stellte ich denn meine Aussteuertruhe und den Kasten, in welchem ich meine Speisevorräte herübergebracht hatte, übereinander, legte eine Wachstuchdecke darüber und mein Küchentisch war fertig. Wir hatten oft Besuch, doch viel Sorge mit der Aufnahme hatte ich nicht. Ich lebte so, wie ich es zu Hause gewohnt war, ohne viel Umstände. Eine gute Tasse Tee aus unserem hübschen Samowar und Butterbröte genügten unseren Gästen vollkommen. Der Samowar war das Hochzeitsgeschek von Ludwig, Bernhard und Eduard. Er hat uns all die vielen Jahre treu gedient, bis ich ihn kurz nach meines Mannes Tod meinem lieben Jungen schenkte, der sich sehr darüber gefreut hat. Ostern kam heran. Ich hatte durch meinen Bruder Bernhard, der bei Hartwich in der Fleischerei arbeitete, einen kleinen Schinken bei der Firma bestellt. Ich bekam ihn gleich fertig gekocht und hübsch bunt verziert, wie es zu Ostern üblich war, zugeschickt. Ostereier bunt und einfarbig, Fische in verschiedener Aufmachung, vor allem die zu den Eiern gehörigen Killo, Radieschen und in Grün gebettete verschiedene andere kalte Speisen schmückten meinen Ostertisch. Die hohe Babe, der übliche russische Osterkuchen und auch die Pascha 19) fehlten nicht. Mein Mann und mein Bruder hatten noch blühende Topfblumen gebracht, denn wir wollten gemeinsam Ostern feiern. Es war das erste Fest, das ich herrichtete und meine Beraterin war mein gutes Kochbuch. Für den ersten Feiertag hatte ich schon eine gute Bouillon gekocht. Meinen Ostertisch hatte ich auf dem großen Werktisch in der Werkstube hergerichtet, denn der Ostertisch mußte die Feiertage über so stehen bleiben. Den Speisetisch hatte ich zu den Mahlzeiten nötig. Ganz stolz beschauten wir uns unseren reichen Ostertisch und freuten uns auf die schönen freien Tage, die uns bevorstanden. Da wurde noch spät am Abend an unserer Tür geklopft. Ulrich öffnet die Tür - meine lieben Eltern sind da! Schwer bepackt und fröhlich lachend, daß sie, ohne sich bei uns anzumelden, uns so überraschen konnten. Das war für mich eine sehr große Freude. Mutter hatte, weil sie doch ihre unpraktische Tochter zu kennen meinte, viel mitgebracht. Alles war fertig gebraten und gekocht, weil sie ja meine primitive Kochgelegenheit kannte. Kalbsbraten (die Soße dazu in einer Flasche), Schweinesülze, Speckkuchen und noch viele andere schöne Sachen, die ich aufbewahren konnte, darunter viele frische Eier. Es war mittlerweile sehr spät geworden und das alte und das junge Paar mußte sich mit je einem Bett begnügen. Wir waren aber alle sehr müde und so schliefen wir gewiß nicht schlecht. Am nächsten Tage, bald nach dem Morgenkaffee, kamen auch die Geschwister an und es war ein Lachen und Scherzen. Ich, als Hausfrau konnte immer mit dabei sein, denn mein Reich war ja so klein, daß es anders gar nicht ging. Als ich Mittag gegeben hatte (Was es war, weiß ich nicht mehr genau, nur, daß ich zu meiner Bouillon verlorene Eier gab und daß es allen sehr gut schmeckte), kam Mutter zu mir, um mir beim Abwasch zu helfen. Dabei fragte sie mich, wer für mich kocht. Ich wunderte mich über diese Frage und antwortete, daß ich allein meine kleine Wirtschaft versorge. Da sagte sie mir, daß sie das nicht geglaubt hätte, sondern mit ihrem Besuch und dem Mitgebrachten uns habe helfen wollen - fröhliche Ostern zu feiern. Im Mai kam mein Schwiegervater zum Besuch und blieb einige Wochen. Wir machten viel Spaziregänge zusammen und da er in Riga die Maurerei gelernt und später als Geselle an verschiedenen städtischen Bauten gearbeitet hatte, war ihm Riga besser bekannt, als mir. In dieser Zeit kam auch Bruder Jeannot aus Petersburg zum Besuch und brachte mir Auerhähne als Beitrag für die Wirtschaft mit. Erst bekam ich wohl einen Schreck, denn ich wußte nicht, wie ich die zubereiten sollte. Doch mein Kochbuch gab mir so schön Rat und der Braten wurde so delikat, daß mein verwöhnter Bruder mir Anerkennung zollte. Dann kam auch noch Gut-Hilding zum Besuch. Sie mußte zum Arzt, um sich einer kleinen Nasenoperation zu unterziehen. Als Ulrich sein Eigenes anfing, borgte ihm sein Vater 60.- Rubel. Jetzt schrieb er, er soll das Geld Hilda geben und, falls es nicht langen sollte, noch von sich aus zulegen. Das war aber in dieser kurzen Frist nicht so leicht beschafft und Ulrich nahm sich damals vor, nie mehr mit fremdem Geld zu arbeiten. Er nahm auch niemals Ware auf Schuld, obgleich man es ihm oft genug anbot. Ich war kurzsichtig, das hatte mich bisher nicht gestört. Doch nun, wo ich auf Wohnungssuche ging, konnte ich die in den Zeitungen angegebenen Hausnummern, sowie die Straßenschilder schwer lesen. Es wurde daher eine gute Brille für mich beim Optiker bestellt, mit der ich sehr gut sehen konnte. Jetzt verlief ich mich auch nicht mehr in den kribbeligen Straßen der Innenstadt. Nach langem Suchen fand ich eine Mansardenwohnung mit drei hellen Zimmern, einer netten Küche und Vorraum. Die Miete war für unsere damaligen Verhältnisse wohl recht hoch, auch mußten unsere Kunden nun drei Treppen hoch klettern. Wir waren jedoch sehr glücklich, aus der ganz unzulänglichen alten Wohnung in soviel Bequemlichkeiten zu kommen. In der alten Wohnung hatten wir weder Wasser, noch Ausguß und auch der Abort fehlte. Jedes Mal, wenn wir von diesen Sachen was benötigten, mußten wir eine Treppe tiefer bei unserer Hauswirtin klingeln, um ihre Bequemlichkeiten zu nutzen. Dieses war für beide Teile recht peinlich. In hellen Vorraum richtete Ulrich sich nun den Arbeitstisch ein. Da stand auch sein Stehpult und einige Stühle. Hier wurde auch die Kundschaft empfangen. Jetzt wurden die Gehilfen und Lehrlinge nicht mehr von ihrer Arbeit abgelenkt. Am 11. Oktober 1898 (a.St.) wurde unser erstes Kindchen geboren. Ich hätte mir zwar lieber einen Jungen gewünscht, doch mein lieber Mann war glücklich und stolz über sein Töchterchen. Acht Tage lang hat er ihr zu Ehren seinen steifen Kragen und seinen Schlips nicht abgelegt, wie er es sonst bei der Arbeit tat. Das Kindchen war sehr niedlich. Schwester Marie war ganz verliebt in ihr Nichtchen und behauptete, noch nie ein so süßes Baby gesehen zu haben. Zu Weihnachten wurde unser Kindchen unter dem Christbaum auf die Namen Gertrud Marie getauft. Nachher bedankte sich unser lieber alter Pastor Hellmann bei dem "kleinen Fräulein", daß sie so brav gewesen sei und die heilige Handlung nicht gestört habe. Agnes Nutowz, ein Kusine von Ulrich, war Patin und hielt das Kindchen über die Taufe, in Abwesenheit der richtigen Taufmutter, Schwester Marie, die eine Pflege nach auswärts hatte übernehmen müssen. Wir hatten viel Gäste zu diesem Fest und ich hatte mir große Mühe gegeben, um auch vor den alten Herrschaften zu bestehen, die das erste Mal bei uns waren. Tante Nutowz und Frau Weise bestätigten mir, daß auch alles sehr nett gewesen wäre. Als mein Mann noch Junggeselle war und mit seinem Bruder Eduard zusamme hauste, war es bei ihm Sitte gewesen, daß die Verwandten und Bekannten am Sonnabend zu ihnen mit Schnaps und Wein zum Besuch kamen. Eduard kochte und bereitete dann verschiedene schöne "Aufbisse". Er verstand recht viel vom Wirtschaften, denn er hatte bei seinem Lehrmeister oft kochen müssen, weil die junge Frau des Meisters nichts davon verstand. Auch als ich ins Haus kam, hatten wir viel Besuch. Besonders schlimm wurde es, als mein Schwiegervater zum Besuch kam. Ulrichs Vetter "Dittchen", der früher beim gleichen Meister mit ihm zusammengearbeitet hatte und dessen Werkstube ganz in der Nähe war, kam oft schon am Vormittag von seiner Arbeitsstelle, um mit dem leiben Onkel zu frühstücken. Anfangs machte Ulrich noch mit; als es aber ausartete und Dittchen jeden Vormittag kam und auch oft noch einen oder den anderen von Ulrichs früheren Kollegen mitbrachte, mußte irgendwie eine Änderung herbeigeführt werden. Sie brachten sich ihren Schnaps immer mit, aber für die Sakusken mußte ich sorgen und reichte bald nicht mehr mit meinem Wirtschaftsgelde. Ulrich war über diesen Zustand schon ganz verdrießlich. Da kam ich auf den schlauen Gedanken, Kaffee und Frühstück zusammen gleich am Morgen zu geben und dann meinen Schwiegervater zu den Spaziergängen durch Riga zu entführen. So konnte Ulrich die Frühstücksgäste abweisen. Mein lieber Mann war sehr gastfrei. Das hat mir später viel Schweres gebracht, weil es über unser Vermögen ging, so viele Gäste aufzunehmen. Immer war Dittchen die treibende Kraft, die dafür sorgte, daß in unserem Hause bei jeder nur zu feiernden Gelegenheit seine Freunde und Freundinnen auch mit dabei waren. Dittchen war meines Mannes Lieblingsvetter und auch ich hatte ihn gern. Doch er war ein Sumpfhuhn und ließ nicht eher die Schnapsflasche aus den Händen, bis er voll war und seine Zunge steif. Unangenehmer war mir Dittchens Bruder, "Maus" genannt. Ich kannte beide Brüder, noch bevor ich meinen Mann kennen lernte. Maus ließ kein junges Mädchen in Ruhe, er küßte und knutschte alle. Ich war noch ein junges Ding, als er mal zu einem Tanzabend mich auszeichnete und bei einer Gelegenheit in einem dunklen Winkel mich an sich drückte und küßte. Ich gab ihm eine Ohrfeige - und hatte von da an einen Feind. Als wir uns mit Ulrich verlobten, hat er sich die redlichste Mühe gegeben, häßliche Geschichten über uns zu verbreiten. Doch nahm ihn niemand ganz ernst, denn er hatte schon immer böses Gerede über andere Leute geführt. Wehe dem Mädchen, das ihm vertraute, er ließ sie doch sitzen. Mehreren von meinen Mitschülerinnen hat er übel mitgespielt. Ja, mit Selma hat er es besonders schlimm gemacht. Sie hatten sich verlobt und er wollte zu ihren Eltern, die unweit Talsens eine Mühle hatten, hinausfahren, um Verlobung zu feiern. Selma hatte es ihren Eltern mitgeteilt und die hatten Gäste eingeladen, um die Verlobung zu feiern. Maus kam angefahren und mit ihm seine Freunde. Sie aßen und tranken, bis alle voll waren, die mit ihm gekommen waren. Dann fuhren sie zurück nach Talsen, ohne daß er den Eltern etwas gesagt hätte. Auch dem Mädel hat er nichts zu seiner Entschuldigung gesagt und kam auch nicht mehr wieder. In Riga hat er, als er schon älter war, ein anständiges Mädchen, mit dem er längere Zeit verlobt war, sitzen lassen. Immer hatten auch wir darunter zu leiden. Der Bruder der Rigenserin war Geschäftsführer in einem großen Uhren- und Goldwarengeschäft und Ulrich bekam durch ihn viel Arbeit. Als Maus das Mädel sitzen ließ, entzog der Bruder uns die Arbeiten. In späterer Zeit, als wir unser Haus in Waltershof gebaut hatten, war Selma unsere Nachbarin. Nach dem Tode ihres Mannes mußte sie ihr Grundstück verkaufen und Ulrich wollte es kaufen. Doch Selmas Mutter sagte: "Allen anderen verkaufe - doch niemals einem Stubendorff". - Da bemühte sich Ulrich auch nicht weiter darum. Als nach dem ersten Weltkrieg in Rußland die Revolution ausgebrochen war, kam Maus mit Frau und sohn als Flüchtlinge bei uns an. Maus tat sehr großartig und sagte, er wäre als Millionär zurückgekommen und wolle sich in Riga ein gutes Geschäft einrichten. Das russische Geld hatte in Lettland aber keinen Wert und Maus zog mit seiner Familie zu seiner Schwiegermutter, die in Mitau Verkäuferin war. Er nahm dort eine Stelle an und verdiente kaum soviel, um davon leben zu können. Ulrich hatte damals schon sein gut gehendes Geschäft in der Neustraße. Er räumte seinem Vetter einen Arbeitstisch in seiner Werkstube ein und unsere Kundschaft, die sich freute, einen guten Uhrmacher gefunden zu haben, brachte ihm Arbeit genug. Er wohnte bei uns und aß auch bei uns. Maus ging es nun gut, doch alle unseren zarten Anspielungen, er solle sich doch nun eine eigene Wohnung suchen, in der er sich auch seine Werkstube einrichten könne, blieben erfolglos. Es wurde für Ulrich aber bald unerträglich, da er sich in Sachen mischte, die ihn nichts angingen und seine Kunden oft stundenlang im Arbeitsraum saßen und schwatzten. Mehr als ein Jahr dauerte dieser Zustand, da sagte Ulrich, daß er nun den Platz selbst für einen Arbeitstisch brauche und nannte ihm einen Termin, bis zu den er ausziehen sollte. Seine Frau kam aus Mitau und machte Ulrich Vorwürfe, daß er Unrecht tue und eine Familie um ihr Brot bringe. Dabei hat Ulrich nicht einen Groschen von ihm verlangt, weder für die Miete, noch für Beheizung und Beleuchtung die ganze Zeit über, die er bei uns war. Ich habe ihm nichts nachgetragen und ihn immer nett verpflegt und das Zimmer, das er bei uns hatte, in Ordnung gehalten mit meinem eigenen Bettzeug und Wäsche. Durch Ulrichs Verbindungen bekam er bald eine Wohnung und Ulrich half ihm noch, dieselbe in Ordnung zu bringen. Als Ulrich gestorben war, wurde ein Gehilfe, der nicht recht bei uns arbeiten wollte, entlassen. Dieser Gehilfe, der jahrelang bei uns angestellt war, prahlte sich dann, er werde uns nun alle guten Kunden abspenstig machen. Diesem entlassenen Gehilfen nun gab Maus, obgleich er die ganzen Umstände genau kannte, in seiner vergrößerten Werkstube einen Raum ab, wo er dann seine Goldschmiedearbeiten machen konnte. Damals wurden, um einen freien Platz zu schaffen, viele Häuser um die Neustraße herum abgetragen und dieser Winkel bekam dadurch ein ganz anderes Aussehen. Unsere Kunden, die von auswärts kamen, fanden sich nicht mehr zurecht. Sie wurden durch das große Schild des Vetters, der doch den gleichen Namen trug, irregeführt und kamen dadurch zu ihm, anstatt zu uns. Auf die Frage, ob sie im Goldschmiedegeschäft von Stubendorff wären, antwortete er bejaend. Als sie aber stutzig wurden, da sie bei ihm nur Uhren sahen, wies er sie ins Nebenzimmer zu unserem entlassenen Gehilfen. Der hat auf die Frage, ob die das Goldschmiedegeschäft von Stubendorff sei, glatt mit "Ja" geantwortet. Eine Dame, der es auch so gegangen, gab sich damit nicht zufrieden, ging in ein nebenliegendes Schreibwarengeschäft und fragte nach unserer Werkstube. Dort bekam sie die richtige Antwort und kam ganz empört zu meiner Tochter Gertrud, die nach dem Tode des Vaters das Geschäft führte, und erzählte ihr das. Eine Anzeige in der Zeitung, die wir zur Orientierung unserer Kundschaft einsetzten, machte diesem gemeinen Treiben ein Ende.- Um nun auf unseren Anfang zurückzukommen, habe ich noch manches zu erzählen. Mein Kindchen wurde von Woche zu Woche niedlicher und der stolze Vater hatte mit seinem Trudel-Goldstück viel Freude. Wenn ich meine Besorgungen machen mußte, richtete ich es so ein, daß dann mein Kindchen satt war und schlief. Der liebe Papa kam auch ab und zu herein, um nach seinem Kind zu sehen. Einmal hat der Papa es wohl schreien hören, doch da er gerade wichtige Kundschaft bei sich hatte, konnte er nicht nachsehen. Als ich nach Hause kam und gleich nach meinem Kind sah, konnte ich es nirgend erblicken. Mei Bett, in das ich es gebettet hatte, war leer und nur die Decke, in die es gewickelt war, lag da, aber kein Trudchen war darin. Ich dachte, der Papa will mir einen Spaß machen und hebe alle Kissen auf, aber mein Kindchen ist nicht zu finden. Endlich fand ich es. Es hatte nich aus allen Hüllen herausgezappelt (ich windelte meine Kinder nicht fest ein), war aus dem Bett gerutscht und lag eingeschlafen auf dem kalten Fußboden. Mein Herzeleid war nicht gering, denn mein kleiner Liebling hatte sich erkältet und wurde schwer krank. Der Arzt kam und gab seine Anordnungen. Es vergingen viele Tage und Nächte, bis der Arzt bei der letzten Untersuchung sagte, daß nun alles in Ordnung sei und er nicht mehr kommen muß. In meiner überschwengliche Freude habe ich dem Doktor May eine lange Nase gedreht, als er hinausgehend mir den Rücken zukehrte. Zu meinem Schrecken wandte er nochmals den Kopf, um mir freundlich zuzunicken. Ob er meine Ungezogenheit gesehen hat?- Dr.May war ein Vetter zweiten Grades von meinem Vater. Er hat auch später noch meine Kindchen behandelt, denn er war ein tüchtiger Kinderarzt. Wir brachten auch Anton zu ihm, der schon seit seiner Jugend an Asthma litt. Er hat ihn unentgeldlich behandelt, weil, wie er sagte, der Fall ihn interessierte. Im Geschäft ging es uns immer besser und die fertigen Sachen, die aus unserem Gold hergestellt waren, lagen schon auf kleinen Tabletts und wurden mir nur gelegentlich gezeigt. Kurz vor Pfingsten 1899 sagte mir mein lieber Mann, daß er beschlossen habe, den Großeltern ihr erstes Enkelkind vorzuführen. Bis dahin hatte ich kein Heimweh gefühlt, doch diese 8 Tage vor der Fahrt zu meinen lieben Eltern schienen gar kein Ende zu nehmen. Bis Tukkum konnten wir mit der Bahn fahren. In Tukkum nahmen wir einen Wagen mit Verdeck und die besorgte Fuhrmannsfrau brachte aus ihrem Besitz noch mehrere Federkissen, mit denen mir eine angenehme Fahrt geschaffen wurde. Die beiden Eltern waren benachrichtigt. Zuerst ging es zu Ulrichs Eltern, wo wir der lieben Omama Stubendorff vom Wagen aus das Trudel-Goldstück in die ausgebreiteten Arme legten. Bei meinen Eltern hatte der "Onkel" Anton für sein Nichtchen den kleinen Wagen neu gestrichen und für Argo, den Hund, ein Angespann hergestellt. Er dachte, nun würde ich ihm mein Kindchen geben, damit er es herumfahren kann. Wir fuhren auch einige Mal spazieren, doch dann nahm ich den Wagen ins Zimmer und darin schlief das Kind immer in meiner Nähe. Es waren nur einige Tage, die wir dort blieben, denn Ulrich mußte zurück an die Arbeit und ich wollte mit ihm nach Hause. Als Trudchen ein Jahr alt war, erkrankte ihr lieber Papa am Typhus. Dr. v. Brehm erlaubte mir nicht, das Kind im Hause zu behalten, da ich meinen kranken Mann selbst pflegen wollte. Ich hatte sonst niemand und gab daher meinen armen Liebling, den ich bis dahin noch gestillt habe, ins Diakonissenhaus in die Kinderabteilung. Durch Schwester Marie hatte ich dazu von der Oberin die Erlaubnis bekommen. Die gute Taufmama hat Nächte hindurch das weinende Kindchen herumgetragen, das nicht essen wollte und sich nur nach der mütterlichen Brust sehnte. Mein herzliebster Mann war sehr krank. Zweimal täglich kam der Arzt. Es gab viele Typhuskranke auch im Diakonissenhause. Da erlaubte mir der Doktor nach 14 Tagen Abwesenheit mein Kindchen heim zu holen. Eine liebe Kinderschwester brachte mir meinen schmerzlich ersehnten Liebling. Als ich ihr mein Kind abnehmen wollte, versteckte es sein Gesichtchen bei der Schwester und wollte nicht zu mir. Es hatte seine Mutter vergessen. Doch bald gewöhnte es sich wieder an mich. Gut-Hilding kam aus Nurmhusen, um mir zu helfen. Schwester Marie, die von der Oberin die Erlaubnis bekommen hatte, ihren Bruder zu pflegen, wollte nicht kommen, da so viele Typhuskranke sogar im Diakonissenhause starben. Sie fürchtete sich, die Pflege zu übernehmen. Sie hat mein schon schwer belastetes Gemüt mit dem Hinweis, daß ich ihn nicht gesund pflegen würde, nicht erleichtert. Ulrich war immer zart mit seiner Gesundheit. Um ihn abzuhärten, habe ich ihn täglich auf seinen Wunsch mit kaltem Wasser übergossen. Das wollte er, wenn das Fieber anstieg, auch jetzt haben. Ich wagte es aber nicht auf eigene Verantwortung zu machen. Als Dr. v. Brehm, den ich darüber befragte, sich zeigen ließ, wie ich es machen werde, erlaubte er es auch, doch warnte er vor Erkältung. Ich selbst fieberte auch und war froh, als Gut-Hilding ankam und mir helfen wollte. Doch Hilda erkrankte auch und fieberte hoch. Marie kam und gab ihr Kalomel ein. Es war aber eine zu große Portion gewesen und Hilda bekam einen starken Durchfall. Marie war sehr erschreckt über den Erfolg ihrer Eigenmächtigkeit. Da der Arzt täglich kam, hätte sie es ja ihm überlassen können, ohne mit ihrer Überheblichkeit und Besserwisserei dazwischenzutreten. Auf ihre flehende Bitte hin durften wir dem Doktor vom Kalomelgebrauch nichts sagen, weil sie für ihren Beruf als Schwester fürchtete. Zudem hatte Dr. Brehm sie schon einmal hart gescholten, als er sie in Mantel und Galoschen bei den Kranken sitzend antraf. Dr. Brehm konnte sich nicht erklären, was für eine rätselhafte Krankheit Hilda haben könnte. Er sagte, es könnte der Typhus sein, und ist es doch nicht. Auch eine Erkältung allein ist es auch nicht. Da die kalten Bäder meinem lieben Kranken halfen, sollte ich auf Dr. Brehms Anraten auch die Hilda so baden. Hilda wurde nach einigen Wochen gesund und als sie sich kräftig genug fühlte, fuhr sie nach Hause. In der Werkstube wußte ich nichts anzuordnen. Dittchen kam einige Mal, doch sagte er mir, daß er sich vor Ansteckung fürchte und kam nicht wieder. Mein Ulrich phantasierte und lebte in einer anderen Welt. Er hatte sich von mir scheiden lassen und nochmals geheiratet. Er war empört,daß ich so unverschämt bin und die ärztlich verordneten Darmspülungen bei ihm vornehmen wollte. Er wunderte sich, warum sein Trudelchen nicht wächst. Seine Kinder aus zweiter Ehe wären schon alle erwachsen. Er verlangte von den Birnen aus seinem Garten, von denen er dem Trudchen eine ganze Kiste geschickt hätte. Nur, wenn ich in Werkstubenangelegenheiten Fragen an ihn richtete, gab er mir klare und vernünftige Antworten. Doch ärgerte er sich, daß ich die Werkstube nicht aufgebe, denn er zahle doch genug für mich und das Kind. Er lebte in seinen Fieberträumen ein reiches und volles Leben. Er hatte viele und erwachsene Kinder, machte weite Reisen mit seinem Sohn Ludwig, um Edelsteine einzukaufen. Mein armes Herz schmerzte sehr, den geliebten Mann von seinem Leben erzählen zu hören, daran ich nicht teil hatte. Eines Tages fragte er mich, ob ich erspartes Geld habe. Ich fürchtete ihm alles zu geben, denn ich wußte ja nicht, was er damit machen wollte. Daher fragte ich ihn, wieviel er nötig habe. 25.- Rubel brauche er. Ich brachte ihm die 25.- Rubel. Er küßte meine Hand und sagte: "Ich wünsche Dir Glück zu Deinem Geburtstage und dieses Geld nimm zu einem Mantel für Dich". Es war wirklich mein Geburtstag und mein Mann wußte dies! - Nun ging es auch alle Tage besser. Der treue Doktor kam wohl noch täglich und gab mir strenge Verordnungen, wie ich Ulrich füttern soll. Er hat mich auch ausgescholten und gesagt, daß ein Kompott nur aus Äpfeln, Birnen und Pflaumen bestehen soll und nicht aus einem mixtum kompositum aus allerlei Obstsorten, wie ich ihn da gemacht hätte. Als Ulrich so weit heraus war, daß der Doktor seinen letzten Besuch machte und wir ihm für alle seine Mühe herzlich dankten, sagte er zu Ulrich: "Danken Sie nur Ihrer Frau, die hat durch ihre Tapferkeit Ihnen am meisten geholfen". Ostern 1900 fuhr Ulrich nach Petersburg zu meinem Bruder Jeannot zum Besuch. Dort hatte mein lieber Mann Gelegenheit in den Museen und Kirchen, in der Eremitage und im Botanischen Garten viel Schönes zu sehen. Eine Woche blieb er dort - eine viel zu kurze Zeit für all diese Sehenswürdigkeiten. Wahrscheinlich hatte er sich bei diesen Wanderungen zuviel zugemutet, denn seine Kräfte waren nach seiner schweren Krankheit noch nicht zurückgekehrt. Mein Bruder schrieb mir, daß ich meinen Mann veranlassen solle zum Arzt zu gehen. Er wäre bei ihnen ohnmächtig geworden, sie hätten ihn im Vorraum liegend gefunden. Zum Frühling mieteten wir uns ein kleines Häuschen in Karlsbad am Rigaschen Strande. Es lag nahe am Meer und meine kleine Tochter und ich gingen vor- und nachmittags ans Meer, um im warmen Seesand zu liegen, zu spielen und zu baden. Mein lieber Ulrich kam nur Sonnabends spät zu uns heraus und fuhr am Sonntagabend mit dem letzten Zuge wieder zurück nach Riga. Sonntags kam meist Dittchen mit seiner Braut und deren Freundin, sowie Ulrichs jüngster Bruder mit seiner Freundin zu uns zum Besuch. Im Sommer ist der Aufendhalt in der Stadt gar zu traurig, daher gönnten wir ihnen die schöne Ausspannung am Strande gern. Ich mußte mich in der Woche recht einschränken, damit ich zum Sonntag genügend einkaufen konnte, um alle satt zu machen. Ich bekam monatlich eine feste Summe für die Wirtschaft und damit mußte ich auskommen. Ja, sogar noch etwas zurücklegen, damit ich die kleinen Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke machen konnte. Ich hatte im Sommer viel Zeit und machte daher viel Handarbeiten. Zu Weihnachten hatte mir mein Ulrich eine gute Handnähmaschine geschenkt, die hatte ich auch nach Karlsbad mitgenommen. Ich wollte 6 Hemde fertigmachen, die ich meinem lieben Mann zum Geburtstag schenken wollte. Ganz überraschend besuchte mich Onkel Ludwig, der mit seiner Frau und seinem Sohn im Kurhaus lebte. Ihm schien wohl unser einfaches Häuschen mit der offenen Veranda sehr armselig zu sein und daß ich, wie er annahm, für Geld arbeiten mußte, betrübte ihn augenscheinlich. Er meinte, es wäre für mich doch besser gewesen, wenn ich damals mit ihm nach Petersburg gefahren wäre. Dann hätte ich es jetzt nicht nötig - für andere Leute Wäsche zu nähen.. Doch, als ich ihm erzählte, daß diese Hemde ein Geburtstagsgeschenk für meinen Mann seien, schien er einigermaßen beruhigt. Er erzählte, daß er und die Tante und sein Sohn aus erster Ehe im Kurhaus lebten. Auf meine Anfrage, ob die Tante mich nicht besuchen würde, meinte er, sie wäre etwas eigenartig. Aus diesem Grunde wollte er auch nicht, daß ich ihn im Kurhaus aufsuchen sollte, damit ich unter Tantes sonderbarem Benehmen nicht leiden sollte. Onkel hatte in seiner Jugendzeit einige Jahre bei einem Tischlermeister gearbeitet, rückte aber heimlich aus und fuhr nach "Piter". Onkel sprach damals kein russisch und hatte, als er in Petersburg ankam, nur noch ein Kupferstück - einen Ferding - in der Tasche. Er ging in das deutsche Gasthaus "Zur Palme" und wurde dort vom Besitzer überraschend lieb aufgenommen. Dem Gastwirt war ganz vor kurzem der einzige Sohn gestorben. Onkel - blond und frisch - habe ihm sehr ähnlich gesehen und daher nahm das Ehepaar den armen Jungen lieb auf und sorgte für ihn. In einer Klavierfabrik, wohin ihn sein Pflegevater zur weiteren Fachausbildung gebracht hatte, bleib er mehrere Jahre. Das einzige, sehr verwöhnte Töchterchen des Fabrikanten verliebte sich in den bildhübschen Jungen und heiratete ihn dann auch. Doch nach einigen Jahren, als ihr Sohn schon schulpflichtig wurde, ging diese Ehe auseinander und Onkel heiratete die Freundin seiner Frau, die ihm nach der Scheidung den Sohn erzog. Bei meinem Bruder hat Onkel oft von seiner ersten Frau gesprochen und daß er sie nicht vergessen könne. Sie hatte auch wieder geheiratet und einmal besuchte sie meinen Bruder Jeannot, der damals schon Geschäftsführer in einem Weingeschäft war. Zufällig kam auch Onkel Ludwig hinzu und die Tante wurde ohnmächtig. Jeannot hat ihr die Kleidung, die damals sehr eng getragen wurde, aufmachen wollen, um ihr Erleichterung zu schaffen. Da ist der Onkel wie irrsinnig mit beiden Fäusten auf ihn losgegangen und hat geschrieen: "Rühre Du mir nicht den heiligen Körper an - oder ich erwürge Dich". Was der Grund ihres Auseinandergehens gewesen ist, hat wohl niemand erfahren. Daß sie sich aber noch gern hatten, war gewiß. Jeannot erzählte, sie sei eine reizende Frau gewesen. Am 5. April 1901 (a.St.) wurde mein heißersehnter Sohn geboren und ich war eine sehr stolze Mutter. Mein Jungchen war rund und mollig und ein ruhiges, immer freundliches Kindchen. Hilda hatte sich verlobt und es sollte eine große Hochzeit gemacht werden. Trotzdem unser Junge erst 6 Wochen alt war, fuhren wir auch zur Feier, weil Ulrich es so gern wollte. Meine Eltern hatten sich einen neuen Wagen machen lassen. Zwei hübsche braune Pferdchen waren davorgespannt, als sie uns aus Tukkum abholten. Außerdem waren noch große Wagen, wo viele Platz hatten, entgegengeschickt worden, um all die Gäste aus Riga abzuholen. Meine Mutter war um mich und den Kleinen in Sorge, da das Kerlchen noch so jung war. Daher waren die lieben Eltern, mit Mascha als Kutscher selbst gekommen. Die Omama nahm das Trudelchen auf den Schoß, ich hielt meinen Herzjungen und so ging es in munterem Trabe nach Hause. Wir kamen viel früher als die anderen Wagen an und ich war froh, die doch recht anstrengende Reise hinter mir zu haben. Es war eine Sensation für Nurmhusen - die vielen elegant gekleideten Hochzeitsgäste in der Kirche anzusehen. Baron Peter Firks hat später zu meinem Schwager Oskar gesagt: "Du bist zu beneiden, so viele reizende Kusinen zu haben!" Im selben Herbst verlobte sich mein Bruder Bernhard und Bruder Ludwig heiratete. Nur Jeannot lebte noch zu Mutters Bedauern unverehelicht. Ich sagte zu Mutter: "Vielleicht tut er es Dir zu Liebe, denn Du hast ihm doch gesagt - er soll Dir keine Jüdin od. Russin als Schwiegertochter bringen". Darauf hat Mama Jeannot geschrieben, ihr wäre jede, auch eine russische Schwiegertochter, lieb, wenn ihr lieber Junge nur glücklich würde. Bald darauf kam die Vermählungsanzeige mit einer Stockrussin, die uns für immer den lieben Bruder abwendig machte. Erst kurz vor ihrem Tode, als sie vor der Revolution aus Rußland flüchteten und nach Riga kamen, lernte meine russische Schwägerin die "deutschen Verwandten" näher kennen und hatte uns auf ihre Art auch lieb. Vielleicht waren wir auch etwas netter zu ihr, weil sie uns leid tat. Aus der Kleinen Sandstraße zogen wir in die Große Sandstraße, weil es dort besser für Wohnung und Werkstube war. Hier wurde am 5. Januar 1903 (a.St.) unser letztes Kind, das Gretulein geboren. Meine liebe Schwiegermutter kam sofort, um mich zu pflegen. Als junges Mädchen hatte sie eine Zeit lang in Riga gelebt und nun freute sie sich, ihre Brüder und alles, was ihr lieb gewesen, zu besuchen. Seit ihrer Verheiratung hatte sie weder ein Theater, noch eine Oper besucht. Sie holte das nun mit einer so jugendlichen Begeisterung nach, die rührend und herzerfreuend war. Schwiegermutter hatte mir aus meinem elterlichen Hause ein Päckchen mitgebracht, da hatte meine liebe Mutter unter anderem mir auch Schweinesülze geschickt. Das waren Schweinefüße, Kopf und Ohren, die schon fertig kekocht waren und bei mir erst in Salzwasser gelegt wurden. Wir hatten schon einige Jahre ein liebes junges Dienstmädchen, die Alwine, für die Arbeit im Haushalt und zur Hilfe bei den Kindern. Ich überredete nun die Alwine, mir ein Stück Sülze zu geben. Mir war die damalige Wöchnerinnenkost: Hafertummchen 20), Milchtee mit Zwieback und Hühnersuppen schon ganz über. Als ich im besten Schmausen war, kam Schwiegermutter nach Hause. Sie erregte sich bis zu Tränen und klagte sich an, daß sie nicht genügend für mich gesorgt habe. Nur durch ihre Unachtsamkeit würden nun ich und das Kind darunter leiden müssen. Ich versuchte auf alle Art sie zu beruhigen und sagte, ich sei ganz gesund und wenn sie noch weiter jammern werde, dann stiege ich aus dem Bett und tanze ihr eine Polka vor. Ich war gesund und stark und die Sülze hat weder mir noch dem Kind geschadet. Am nächsten Tage brachte die liebe Seele, wenn auch nicht gern, ein Stückchen Sülze selbst mit her. Auch in der Großen Sandstraße konnten wir nicht lange bleiben. Die Besitzerin, eine alte gelähmte Dame, verkaufte das Haus einer Bank, die es für sich ausbaute. Wir zogen daher in die Rosenstraße, in eine Wohnung, die uns der Besitzer, Herr Dahlfeld, für Werkstube und Wohnung schön zurechtgemacht hatte. Die Werkstube blieb dort aber nicht sehr lange, sondern zog in die Neustraße 11, wo schon fast 100 Jahre lang eine Goldschmiedewerkstatt bestanden hatte. Dort war genügend Platz für viele Arbeiter. Ein Verkaufsraum mit eingemauertem Geldschrank wurde zweckmäßig eingerichtet. In einem Nebenraum war der Wasch- und Schmelzraum mit Esse und Blasebalg eingerichtet. Die Werkstube war nur eine Treppe hoch, doch diese Treppe war sehr unbequem. Der Betrieb vergrößerte sich bald, so daß wir im Werkraum eine Außenwand durchbrechen ließen, wo ein Fenster eingebaut wurde, damit noch ein dritter Arbeitstisch aufgestellt werden konnte. An solch einem Tisch saßen 4 Mann. Die Kinder besuchten nun schon die Schule. Im Sommer zogen wir nun nicht mehr nach Karlsbad, sondern in das stillere, aber gemütlichere Fischerdorf Bullen. Dort hatten es die Kinder viel schöner, als in Karlsbad. Nur mein lieber Mann konnte nie mehr als die Sonntage zur Erholung erübrigen. Bullen war für meinen Mann und meinen Sohn, die beide nicht die strenge Strandluft vertrugen, sehr gut. Der fischreiche Fluß, die kurländische Aa, an dem unser Häuschen lag, hat uns oft die schönsten fetten Aale beschert, die mein Ulrich mir als passionierter Angler nach Hause brachte. Auch das gesellschaftliche Zusammenleben war dort viel netter, da Ulrichs Sangesbrüder und auch andere Bekannte dort lebten. Dort wurde nach Ulrichs Meisterwerdung auch der Meisterschmaus mit vielen Gästen gefeiert. Zu dieser Gelegenheit nahm ich mir aus Riga eine tüchtige Köchin, die alles zur Zufriedenheit zubereitete. 1912 bauten wir unser eigenes Sommerhaus in Waltershof, doch tat es uns fast leid, vom lieblichen Bullen fortzuziehen und besonders die Kinder schieden schwer aus ihrem Paradies. Im Herbst 1912 war mein Vater zu uns zum Besuch gekommen. Er war bei Bernhard abgestiegen und sollte erst nach dem Sparrenfest für unser Häuschen zu mir kommen. Da Ulrich sich nicht freimachen konnte, war ich allein nach Waltershof hinausgefahren, um die Arbeiter nicht um ihren Festtrunk zu bringen. Am Sonnabend hatte Vater einen ausgiebigen Spaziergang gemacht und hatte sich dabei wohl zuviel zugemutet. Am Sonntag war er recht müde, hat aber mit viel liebevollem Verständnis sich über den Hausbau erzählen lassen. Ich erzählte ihm, wie die Bauleute durch ihren Sprecher mir einen Span um den Arm wickelten und viele gute Wünsche sagten, auch daß der Bauherr auf einem Span einen Glückwunsch geschrieben bekommen habe, den ich überbringen mußte. Ich habe meinen leiben Vater aber nicht mehr zu mir bringen können, denn seine Kräfte verfielen schnell und er sehnte sich nur nach Hause zu unserer Mutter. Die Brüder wollten ihm auch den Wunsch erfüllen und ihn heimbringen, doch ich befürchtete, daß er diese Reise nicht überstehen würde. Daher sollte lieber die Mutter nach Riga kommen. Der herbeigerufene Arzt konnte nur Altersschwäche bei ihm feststellen. Vater ging auch noch umher, als Mutter ankam. Dann saß er auf seinem Bettrand und ließ sich dieses und jenes von zu Hause erzählen. Er rief Mutter zu sich und sagte, er wolle gern noch einmal seinen Kopf an ihre Brust legen. Als sein Kopf dort ruhte, seufzte er noch einmal auf und war für immer eingeschlafen. Mutter begriff erst gar nicht, was geschehen war, als er aus ihren Armen aufs Bett sank. Vater wurde aus Riga nach Talsen, wohin die Eltern aus Scheden gezogen waren, gebracht. Wir beerdigten ihn auf dem Nodenschen Friedhof, wo schon unser Ottochen ruhte. Am 13. August 1913 starb unsere liebe Mutter, nachdem sie kurz vorher unser lieber Gast in Waltershof gewesen war; es war noch kein Jahr nach Vaters Tod. Auch sie wurde auf dem Nodenschen Friedhof neben Vater beerdigt. 1914 brach der Weltkrieg aus und die Ausländer, darunter auch unsere zwei Schleiferinnen aus Wien, zogen in großer Aufregung und Eile aus Riga fort. Unsere jüngeren Goldschmiedegehilfen wurden einberufen, so daß nur einige ältere und die Lehrlinge übrig blieben. Das wirkte sich aber für uns zum Guten aus. Bis dahin hatte Ulrich, um für alle seine Arbeiter Arbeit zu haben, für die Geschäfte, die mit Goldwaren hantelten, gearbeitet. Das brachte aber nicht viel ein. Sein eigener Privatkunderkreis hatte sich so vergrößert, daß er Arbeit genug hatte und nur noch von einigen Geschäften Aufträge übernahm. Die Gesundheit meines lieben Mannes war auch nicht die beste, da er an Magenbeschwerden litt. Die Ärzte stellten Magenwunden bei ihm fest. Daher war ein ruhigeres Arbeiten ohne Hetzerei nur von Vorteil für ihn. Die Schulen wurden von Riga nach Dorpat überführt. Wir wollten jedoch unsere Kinder nicht mitschicken, sondern behielten sie bei uns. Trudchen fehlte noch die letzte Klasse. Für Gretel fanden wir eine tüchtige Lehrerin, die ihr und noch drei anderen Kindern Stunden gab. Solche Privatstunden waren streng verboten. Daher gingen die Kinder einzeln und durch verschiedene Hauseingänge zu ihrer Lehrerin. Ihre Bücher und Hefte trugen sie im Marktkorb versteckt. Trudchen löste den Vater für die Mittagstunde im Geschäft ab. Dadurch konnte er sich immer mehr Zeit zur Erholung gönnen. Wie es mit meinem lieben Jungen war, habe ich vergessen. Das kann er meinen lieben Großkindern selbst erzählen, oder schriftlich vervollständigen, was mir entfallen ist. Seit dem Jahre 1916 wohnten wir im Thronfolgerboulevard Nr. 2, am schönsten Anlagenring der Stadt. Es war eine schöne sonnige Wohnung von 6 Zimmern und allen Bequemlichkeiten. Von dort aus erlebten wir den Abzug der Russen, sahen die Plünderung der Geschäfte, den Brand der Zollspeicher und den Einzug der Deutschen. Trudchen fuhr nach Kurland zu Maschas Hochzeit, die zu Weihnachten gefeiert werden sollte. Auch wir anderen fuhren kurz vor dem Fest dorthin. Trudchen verlobte sich dort und kam bald zu uns nach Riga zurück. Dann kam die grausige Bolschewikenzeit, nachdem die deutschen Truppen abgezogen waren. Unser Geschäft wurde von der Roten versiegelt. Wir waren "Burschuis" und sollten auch aus unserer Wohnung herausgesetzt werden. Ulrich bemühte sich anderwärts als Angestellter anzukommen, doch wurde es ihm verwehrt, weil er Arbeitgeber gewesen war. Tagelang hielt er sich bei Bekannten versteckt, bis er durch meinen Bruder Ludwig Arbeit in einer Mühle bekam. Von dort sollte er auch herausgeworfen werden, doch haben sich die dort arbeitenden Sackflickerinnen sehr energisch gegen eine solche Ungerechtigkeit eingesetzt. Seelisch hat er schwer gelitten. Die körperliche schwere Arbeit schaffte er eher, da nicht alle Tage gleich viel Säcke zu tragen waren. Doch er bekam die Papiere und auch die Verpflegung eines Arbeiters und daher auch das Recht - in seiner Wohnung bleiben zu können. Nach schreckensvollen Monaten kam die Erlösung am 22. Mai 1919. Die baltische Landeswehr und deutsche Truppen brachten sie. Am 22. Juni 1919 war Trudchens Hochzeit und Edis eilige Konfirmation und Abzug in den Kampf gegen die Bolschewiken. Am 23. Juni 1919 fuhr Trudchen in ihre neue Heimat - nach Deutschland. Nach Beendigung des Kampfes gegen die Bolschewiken fuhren auch Edi und Gretulein nach Deutschland. Edi erlernte dort theoretisch und praktisch die Landwirtschaft und Gretulein absolvierte dort eine landwirtschaftliche Haushaltungsschule. Nachdem Eding seine Studien in Deutschland beendet hatte und noch außerdem auf mehreren Gütern praktisch gearbeitet hatte, bekam er vom Vater das schöne große Gesinde Muischvietniek. Auch Gretel kam nach Beendigung ihrer Schule wieder nach Hause. Unterdessen waren meine beiden Großtöchter geboren und ich war zweimal in Deutschland zum Besuch gewesen. Zu unserer Silberhochzeit kam Trudchen mit Mann und beiden Töchtern zum Besuch und wir hatten somit all unsere Lieben beisammen. Es wurde recht ausgiebig gefeiert. Mein Wunsch, Thüringen zu sehen, den ich seit meiner Kindheit hegte, ging herrlich in Erfüllung. Es war unsere Silberhochzeitsreise, auf der unser lieber Sohn uns begleitete und die wir noch weiter bis in den Schwarzwald ausdehnten. Grete war unterdessen im Geschäft und vertrat den Vater. Dann kam Gretes Hochzeit, die sehr gemütlich im Conventsquartier der Concordia Rigensis (ihr Verlobter war Concorde) gefeiert wurde. Unser vor dem Krieg erspartes Vermögen, das wir in Kurländischen Agrarpapieren, Straßenbahnaktien und Hypothekenpapieren angelegt hatten, ging uns durch die Entwertung so gut wie ganz verloren. Doch das Geschäft war gut eingeführt und brachte reichlich ein. In Waltershof wurde das Blockhaus für unsere Großtöchter Susi und Ilse gebaut. Der liebe Großvater hat den Kindern das leichte Sommerhaus, wie sie es oft geplant und besprochen hatten, bauen wollen. Es wurde aber ein festes und warmes Winterhaus , mit schönen Kachelöfen, wie man sie hier in unserer neuen Heimat nicht hat und die wir alle vermissen, weil wir hier viel frieren. Im Laufe der Jahre waren auch die Obstbäumchen herangewachsen und trugen reich. Die Nußlaube brachte uns reichlich Nüsse. Himbeeren, Erdbeeren, Stachelbeeren, rote, gelbe und schwarze Johannisbeeren trugen mehr, als wir verbrauchen konnten. In unserem "Urwald" hatten wir genug Schwarzbeeren 21). Es war daher gut, daß unsere Familie sich weiter vergrößert hatte, denn Trudchen, unser Sorgenkind, war endgültig ins Elternhaus zurückgekehrt und die Großkinderchen brachten uns viel Freude. Auch bei Grete waren 2 prächtige Jungen angekommen. Dieter, der Älteste, wurde für den Großvater eine herzinnige Freude und die Liebe von Seiten des Enkels war sehr groß. Nur Klaus'chen bekam seine Zärtlichkeit nicht mehr zu spüren, denn da war er schon zu krank für das lebhafte Kind. Eding bekam der Vater noch als glücklichen Ehemann zu sehen, er erfuhr auch noch, daß dort ein Kindchen erwartet wurde, doch nach Gottes Willen wurde er noch vor der Geburt des kleinen Stubendorff-Kindchens von seinen langen und schweren Leiden erlöst. Es war eine schwere Zeit, gemischt mit Freud und bitterem Leid. Die Wunden, die damals geschlagen wurden, tun immer noch sehr weh und daher kann ich auch nicht näher darauf eingehen. Am 31. März 1934 schloß mein lieber Mann seine Augen und ging für immer von uns. Nach der Umsiedlung lebe ich bei meinem Trudchen und fahre auch mit viel Freude zu meinen anderen Kindern zum Besuch. Viel Liebe umgibt mich, wo ich auch weile, und daher habe ich auch meine Heimat gefunden. |
1) Ostpreußen
2) a.St., ie.e. Julianischer kalender, der 11 Tage gegenüber
dem Gregorianischen zurück war.
3) 1 Werst = 1,0668 km
4) Wandhaken.
5) Aufhebung der Leibeigenschaft unter Zar Alexander II in
Jahr 1861.
6) russ. Währung. 1 Rubel = 100 Kopeken.
7) Sohn Davids, gegen den er sich empürte (2. Sam. 15 - 19)
8) Revolution, während der u.a. zahlreiche Gutshöfe
niedergebrannt wurden.
9) grobes Leinen.
10) Hefekuchen mit Safran, in Form einer großen Brezel.
11) Sahne
12) Vorspeisen
13) Sankt Petersburg, 1712 - 1917/18 Haupt- und Residenzstadt
des Zarenreiches.
14) hauptsächliches Vereinsziel war die Gründung und
Unterhaltung deutscher Schulen.
15) Da zur der Zeir in Rußland keine Glaubensfreiheit
bestabd, war ein Austritt aus der griechisch-rusischen Kirche bis 1905 nicht möglich.
16) Krankenschweste.
17) Samowar.
18) Schriftstellerinnen des 19 Jh. bekanntgeworden bes. durch
Abdrucke ihrer Romane in der Gartenlaube.
19) traditionelle russiche Osterspeise.
20) dicke Hafersuppe.
21) Blaubeeren.