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KÄTHE KÖSTER. Lettland. Ein Malerbuch

 

The book of Käthe Köster Lettland was published in 1938 by Alster Verlag, Hamburg-Blankenese (In German). The author described her impressions in Latvia she visited as a painter. It is a pity, she mentioned no names of the real people she met in Latvia, however her descriptions of the country are excellent. For copyright reasons only some fragments of the book are made available here for education purposes not for profit. The original edition also contained some drawings of the author. Only two of them are made available in this Page.

I have made no comments or improvements, I did not correct even the words in Latvian she wrote with mistakes. Her mistakes are touching, especially in the words in Latvian she finishes the book with. These are the refrain of the national anthem of Latvia and mean - God bless Latvia!

It is easy to judge of the text that K.Köster had longer contacts with Latvia and might had some relatives here. Unfortunately, I could find nothing about her and her work as a painter. My best guess is that she should be related to Adolf Köster (1883-1930), who was a German writer and politician. In 1923-1928 he was the ambassador of Germany in Latvia. In 1922 K.Köster could have had an opportunity to attend a President reception what was not possible for an ordinary visitor from Germany, I think.

Please inform me, if you have heard something more of her.


Now the texts of Käthe Köster

Abschied von Berlin
Ankunft in Riga
Lettisches Land
Wanderfahrt
Lettgallen
Rositten
Sentimentale Gedanken im Kaffeehaus
Gang durch den Zentralmarkt
Lausemarkt
Weg zum Meer
Goldingen
Baltische Herrenhäuser
Abschied und Heimfahrt

Zwei Bilder:

Blick von der Pontonbrücke auf die Petrikirche
Kirche in Marienburg

 

Abschied von Berlin

Der Bahnbeamte hebt den Arm mit der roten Scheibe. Der Zug pfeift und setzt sich in Bewegung. Da stehen sie alle auf dem Perron und winken. Juri läuft noch ein Stück neben dem Wagen her, für ihn ist der Abschied am schwersten; sieben Wochen Trennung ist keine leichte Sache für so einen kleinen Mann. Auch ich fühle, wie mir die Tränen aufsteigen, aber dann kommt eine Kurve und nun sind sie alle verschwunden.

Ich schließe das Fenster und trete in das Abteil zurück. Schlafwagen Berlin—Riga. Ganz tief atme ich noch einmal auf. Also nun bin ich wirklich unterwegs auf der Reise. Da ich den Raum allein habe, wähle ich das untere Bett. Ich lege meine Sachen in das Netz und knipse die Leselampe an. Dann strecke ich mich lang aus, und eine große Freude erfüllt mich einen Augenblick. Ich höre das Stampfen des Zuges und das Rollen der Räder. Wir fahren, fort vom Alltag, hinaus in die weite Welt!

Mit dem Einschlafen will es nicht recht gehen. Noch komme ich nicht los von den Bildern der letzten Wochen. Die Großstadt verfolgt mich. Um mich herum türmen sich Häuserwände, Autos hupen. Lichtsignale leuchten, ein Schupo hebt warnend den Arm. Ich stehe schwer atmend in der überfüllten Straßenbahn; dann wieder sitze ich an meinem Schreibtisch, wo sich die Papiere häufen. Muß denn dies alles noch erledigt werden, bevor ich abfahren kann? Aber nein, ich fahre ja schon...

Wo bin ich? War ich etwa doch eingeschlafen? Mit der linken Hand kann man das Oberlicht ausknipsen, so — Wie schnell der Zug fährt!... Nun gehe ich über eine grüne Wiese. Soviele Margueriten habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen. Ach, da sind ja auch Glockenblumen und Schafgarbe und Löwenzahn. Juri steht vor mir und hat einen großen Strauß gepflückt. Doch da kommt ein weißes Segelboot gefahren, wie merkwürdig, es fährt mitten durch die Wiese. Wie hell die Sonne leuchtet. Es blendet ja die Augen! Ich fahre erschreckt in die Höhe, vor mir steht der grauhaarige Schaffner. Es ist Zeit, aufzustehen. In einer Stunde ist Zollrevision. Ich soll in ein anderes Abteil hinüberwechseln.

Durch die zurückgezogenen Vorhänge bricht der erste Tagesschimmer. Aus blaugrauem Dunst heben sich Häuser und Bäume. Ein feines Morgenrot beginnt den Himmel langsam zu färben. Ich lasse das Fenster herunter, und ein weicher Sommerwind wellt durch den Raum.

Als ich das erste Mal diese Strecke fuhr, war Winter. Der Zug gebrauchte 48 Stunden, um von Berlin nach Riga zu kommen. Es war eine etwas abenteuerliche Fahrt. Wir hatten einen großen, breiten Extrawagen, und die Wiege von Peter stand mitten im Raum. Wir kochten und wirtschafteten selber im Zuge. Draußen schneite es unentwegt. Soviel Schnee hatten wir in unserem ganzen Leben noch nicht gesehen. Die Kinder standen und drückten sich an den Fensterscheiben die Nasen platt. Und als wir über die Grenze kamen, sangen sie: „Nun ade, du mein lieb Heimatland!" Wie fremd und neu war alles. Die Lokomotive schnaufte so sonderbar und spie große Feuergarben aus ihrem Rachen. Sie wurde nur mit Holz gefüttert und mußte häufig Wasser nehmen. Dann standen wir stundenlang auf den kleinen Stationen. Heute kann man Riga in 15 Stunden erreichen, und die internationalen Speisewagen sorgen für die Reisenden wie auf jeder großen europäischen Strecke.

Der Schaffner kommt und hilft mir mein Gepäck in den anderen Wagen hinüberbringen. Ich habe Glück, außer einem freundlichen Herrn im dunkelblauen Anzug und einem älteren Fräulein, das eifrig in seinen Koffern kramt, ist niemand im Abteil. Ich erhalte einen schönen Fensterplatz und bin nun ganz durchdrungen von Reiselust und Freude an allem neuen, was draußen und drinnen um mich herum geschieht. Mein Gegenüber ist Franzose. Ich stelle dies beim Grenzübergang fest, wo er mit einigen Worten französisch und in gebrochenem Deutsch etwas nervös dem Zollbeamten den Inhalt seines Portefeuilles erklärt. Doch alles geht ohne Schwierigkeiten, er braucht das Gepäck nicht zu öffnen.

Das baltische Fräulein hat weniger Glück, es muß seinen großen Handkoffer aufmachen, und wir sehen mit einem Gemisch von Mitleid und ein wenig Schadenfreude, wie der Beamte zwischen Strümpfen und Dessous eine Schachtel mit Süßigkeiten nach der anderen hervorzieht. Aber er kann nichts unternehmen, aller Königsberger Marzipan ist irgendwo ein klein wenig angeknabbert.

Nun hat sich die Reisegesellschaft noch um einen Fahrgast vermehrt. In Kowno wird hastig die Tür aufgerissen. Das frischfarbige, fröhliche Gesicht eines älteren Herrn schiebt sich in den Raum. Er ist so mit allerlei Bündeln bepackt, daß er kaum hereinkann. Vor allen Dingen macht ihm ein riesiges, in Zeitungspapier gewickeltes Paket Sorge, aus dem immer wieder rotbackige Äpfel hervorquellen. Gibt es eine bessere Rettung vor so viel Überfluß, als mit dem Konsum sofort zu beginnen? Mit strahlendem Gesicht verteilt er an uns alle. „Nicht gekauft, das müssen Sie nicht denken", sagt er halb entschuldigend, „Serinka, aus dem Garten meines Bruders, soeben gepflückt. Schmecken sie Ihnen?"

Nun sitzen wir alle und schmausen Äpfel. Das baltische Fräulein, der kleine Franzose, der fröhliche Litauer und ich selber, und der Apfelschmaus schafft eine Verbundenheit, wie sie sonst erst nach langen gemeinsamen Fahrten entsteht. Besonders die beiden Herrn geraten in lebhaftes Entzücken, als sie nach einigen Minuten feststellen, daß sie demselben Ziele entgegenfahren, dem Kongreß der baltischen Historiker in Riga.

Draußen vor den Fenstern aber zieht eine stille Landschaft vorüber. In sanften Wellenlinien steigt und fällt das Land. Wiesen und Wälder wohin das Auge reicht. Ab und zu schimmern silbergrau ein paar Holzhäuser. Schwarzweiße Kühe grasen auf den Weiden. Oft nur eine einzige, die von der Besitzerin selbst gehütet wird. — Sie geht geduldig hinter dem Tiere her in ein großes Schultertuch gehüllt, oder sie sitzt strickend unter einem Baum. Das helle Kopftuch und eine buntfarbene Wolljacke leuchten in der Sonne.

Vor den Fenstern tanzen die Telegrafenstangen auf und ab, auf und ab, und die ratternden Räder tragen uns weiter und immer weiter.

Nun ist die Landschaft ganz flach geworden. Der Horizont dehnt sich, die Luft wird klarer und durchsichtiger, irgendwie spürt man die Nähe des Meeres.

Die Holzhäuser beginnen, durch Steinbauten ersetzt zu werden, das Nahen einer größeren Stadt kündigt sich an, schon laufen neue Schienenstränge rechts und links neben uns her. Es ist Zeit, die Koffer zu schließen; in wenigen Minuten werden wir Riga erreicht haben.

 

Ankunft in Riga

Die Einfahrt nach Riga ist eine der schönsten, die ich kenne . . . Ich war in Budapest, in London und Rom, in Hamburg und Antwerpen, zu Schiff und zu Lande, im Morgengrauen und in der Abenddämmerung, es gibt keine Einfahrt, mit der Riga den Wettbewerb zu scheuen brauchte. Eben sind wir noch in dem weiten flachen Lande. Dann plötzlich steht die Stadt da. Nicht schüchtern und zaghaft, nein, wie eine Fürstin grüßt sie uns mit ihren Zinnen und Türmen, eingefaßt von dem silbernen Band der Düna. Im Hintergrunde recken sich die Kirchtürme grüngolden und rot in die Höhe. Zuerst ganz links der Turm der St. Jakobi-Kirche, dann der Dom zu St. Marien und alle überragend der hölzerne Barockturm des St. Peter. Weiter vorne an der Düna der runde Eckturm des Rigaer Schlosses und zurück der Komplex des Konvents vom Heiligen Geist und die Lettisch-Evangelische Kirche St. Johannis, ein ehemaliges Kloster der Dominikaner aus dem 16. Jahrhundert.

Der Zug rollt sacht über die Dünabrücke. Ich lehne mich weit zum Fenster hinaus und grüße bewegt das alte Riga. Dann fahren wir polternd in die Bahnhofshalle ein.

Auf dem Bahnhof selber scheint alles unverändert, aber schon im Auto sitzend erlebe ich die erste Überraschung. Das Kopfsteinpflaster ist verschwunden, auf sauberem Asphalt rollt man dahin. „Ja, was denken Sie", sagen meine Freunde, die mich erwartet haben, „Riga ist eine europäische Großstadt geworden." „Ich hoffe nicht ganz und gar", entgegne ich, „es gibt so viele europäische Städte, die langweilig sind; vor allen Dingen sehen sie einander zum Erschrecken ähnlich."

Die Dämmerung ist langsam herniedergesunken. Über den Türmen steigt der Mond auf. Wir beschließen, den Abend zu nutzen und mit einem Fuhrmann durch die Stadt zu fahren. „Wir müssen doch zuerst Ihre Sorge zerstreuen, daß alle Romantik aus Riga verschwunden ist."

Es ist sommerlich warm. Eine helle, nordische Nacht. Wir sitzen zu zweit in der zierlichen kleinen Pferdedroschke, deren Sitz eigentlich so schmal ist, daß der Partner den Arm um seine Begleiterin schlingen müßte, um sie vor dem Herausfallen zu schützen. Ich bin zufrieden; und freue mich, daß das Auto noch nicht ganz die Pferdchen verdrängt hat, und daß wir nun im gemächlichen Trott durch die Straßen fahren.

Die Anlagen rechts und links grüßen mich wie alte Bekannte. Ich sehe das Außenministerium, die Oper und die Universität. Dann das massige Bauwerk des Pulvertums, die letzten Überreste der alten Stadtmauer von Riga. Nun fahren wir durch die Kalkstraße. Sie ist am Tage eine der lebhaftesten Geschäftsstraßen der Stadt. Manches neue Bauwerk hat sich zwischen die alten Häuser geschoben, manches Firmenschild ist durch ein anderes ersetzt worden.

Nun biegen wir auf einen großen freien Platz ein, und ich muß mich einen Augenblick besinnen. Wo sind wir? Ist dies Riga? Der Dom, der früher eingeschlossen durch Häuser und Speicher war, die sich bis eng an seine Mauern heranschoben, ist freigelegt worden. Das massige Bauwerk steht weithin sichtbar vor uns. Der vierkantige Turm aus rotem Backstein, die schöngeschwungene grünschimmemde Kuppel, das langgestreckte Querschiff mit den hochgewölbten Fenstern und Rundbögen, wuchtet in den nordischen Himmel.

Wir bitten den Kutscher, zu halten und wandern um den weiten Platz bis in eine der alten winkeligen Gassen, die sich von hier bis an die Düna hinziehen. Ruhig und majästetisch wälzt sich der Fluß. Fast schon mit dem Meer verbunden erscheint er uns. So breit hat er sich sein Bett gewühlt, so fern ist das jenseitige Ufer.

Zwei Brücken laufen dicht nebeneinander über den Strom. Die hochgewölbte Eisenbrücke und die breite flache Pontonbrücke, die in Kriegszeiten über den Fluß geschlagen wurde. Jetzt liegt sie verlassen da, nur ein einsamer Wächter steht vor dem Zollhäuschen. Am Tage aber dröhnt sie unter den Hufen der ländlichen Fuhrwerke, unter dem Rattern der Straßenbahnen und den vorbeihastenden Autos. Fußgänger und Radfahrer schieben sich hin und her, Landbevölkerung und Städter. Denn die Brücke bildet die Hauptverbindung zwischen der Stadt und den Vororten.

An der Eisenbrücke wird am Tage eifrig gehämmert. Große Teile müssen neu eingesetzt werden. Sie sind durch Wasser und Feuer zerstört worden. Der Fluß, der augenblicklich so still und zahm dahinzieht, kann ein gewaltiges Ungeheuer werden, das Träger und Eisenbögen zusammenknickt, als seien es Zündhölzer. Mit der Schnee schmelze beginnt es. Der Strom, der unter der festen Eisdecke monatelang geschlafen hat, wird lebendig. Es knarrt und knackt. Risse springen auf. Immer größer klaffen die Spalten. Die weiße Decke setzt sich in Bewegung. Das Treibeis kommt den Fluß herunter. Nun schieben und stoßen sich die Eisblöcke im Strom. Sie türmen sich hoch aufeinander, gleiten krachend zurück in das Wasser. Schmelzen am Tage in der Sonne auseinander, um sich in den Nachtfrösten von neuem fest aneinander zu klammern. Der Strom schwillt gewaltig an, schon ist er über seine Ufer getreten, schon wuchten mächtige Eisberge gegen die Eisenträger der großen Brücke, und reißen alles, was nicht fest genug steht, mit sich fort.

Heute aber ist alles ruhig, silberhelle Streifen zieht der Mond über das spiegelglatte Wasser. — Am Kai liegen ein paar größere Schiffe. Sie sind hoch mit Holz beladen. Massig drücken sie ihre schweren Leiber in die Fluten. Die Düna schlägt leise plätschernd gegen die Schiffsplanken.

Wir schlendern am Hafen entlang, zurück durch die Kalkstraße bis an den Rathausplatz. Das Schwarzhäupterhaus ist vom Monde fast taghell beschienen. Bunt glitzern die reichgeschnitzten Figuren unter dem schön geschwungenen Giebel. Am Haupteingang das Reliefbild der Jungfrau Maria, und ihr gegenüber das Standbild eines Mohren. Es ist der heilige Mauritius, der als Schutzpatron der lernenden Jugend verehrt wurde. Ihm verdankt auch das Schwarzhäupterhaus seinen Namen, das einstmals der löblichen Kompanie der schwarzen Häupter, einer Vereinigung junger unverehelichter, hansischer Patrizier gehörte.

In der Mitte des Platzes erhebt sich über dem Brunnen die in Sandstein gehauene Rolandstatue. Sie wirft einen breiten Schatten auf das Kopfsteinpflaster. Hier muß zur Zeit des Mittelalters der Schandpfahl gestanden haben. Hier wurden auch die zum Tode Verurteilten hingerichtet. Das letzte Richtschwert wird noch heute im historischen Museum aufbewahrt.

Da der Mond sich hinter den Wolken verkrochen hat, beenden wir unsere Wanderung. Unser Pferdchen hat geduldig gewartet und trägt uns nun ebenso geduldig nach Hause zurück. Zum Schluß gibt es noch den altbekannten Wortwechsel mit dem Kutscher. Er ist mit seinem reichlichen Fuhrlohn nicht zufrieden, und der Streit endet erst, als er begreift, daß er keine Fremden vor sich hat. Eine ganz europäische Stadt ist Riga also doch noch nicht geworden.

 

Lettisches Land

Wenn man ein Lied über lettisches Land zu singen hätte, so müßte man mit den herrlichen Wiesen beginnen, die sich wie ein grüner Teppich fast über das ganze Land hinbreiten. Dann würde man vielleicht von den silbernen Flußläufen berichten, von der großen, breiten Düna, von der hurtig fließenden Livländischen Aa, von der wildschäumenden Windau, von den stillen Wassern der Kurländischen Aa bei Mitau und Bilderlingshof. Jetzt würde von den Wäldern zu singen sein, den dunklen Nadelhölzern und den lieblichen Birken, von den knorrigen Eichen und den Erlen rechts und links am Wege. Doch dann würde man hinübergleiten zum Meer und mit leuchtenden Farben alle Schönheiten der lettischen Küste aufzeichnen, wo das Meer fast 500 Kilometer lang die Grenze bildet.

Es ist ein warmer Spätsommertag, als wir zum ersten Male nach Jürmala hinausfahren. Schon in einer halben Stunde haben wir das Meer erreicht. Gleich hinter den Dünen liegen die Sommerhäuser der reichen Rigaer, etwas weiter einwärts die kleineren der weniger bemittelten Bevölkerung.

Überall aber breiten die hohen, schlanken Kiefern ihre Wipfel. Sie klettern mit die Dünen empor, verdichten sich oft zu einem stattlichen Wald und legen sich wie ein schützender Gürtel um die menschlichen Wohnstätten und lassen so den Strand selber unbewohnter und naturhafter erscheinen. Erst wenn man vom Meer aus einen der vielen Sandwege hinaufklettert, entdeckt man die lange Reihe der Sommerhäuser und Erholungsstätten.

In Majorenhof spielt eine Kurkapelle. Dies ist der lebhafteste Teil der Jürmala. Hier liegen Kaffeehäuser, eine elegante Bar, ein paar Restaurants und das Kurhaus, in dem am Abend oft hörenswerte Konzerte stattfinden.

Wir setzen uns in einen der Strandkörbe, die hier — wie bei uns — in langen Reihen aufgestellt die Lästerallee bilden, an der niemand unbekrittelt vorüber kann.

In allen Sprachen klingt es. Neben Lettisch hören wir Deutsch, Polnisch, Schwedisch und Russisch. So bunt wie das Sprachengemisch ist auch die Kleidung, die Männer und Frauen vornehm oder auffallend tragen. Gewagte, grellfarbige Strandhosen, bunte Tücher, wehende Bademäntel und lose flatternde seidene Kimonos. Schlanke braungebrannte Mädchen, üppige Frauen, schön oder häßlich, dasselbe Bild wie in jedem großen Bad. Tanz und Flirt, Radio-Musik und Strandphotographen. Nach kurzem Rundgang kehren wir in unser stilles Landhaus zurück, das zwischen Blumen und Grün hinter hohen Mauern liegt, die es ganz von der Außenwelt abschließen, und wo der Hund Tasso sich so unbekümmert auf dem Rasen sonnt, als gäbe es außer ihm überhaupt niemanden auf der Welt.

 

Wanderfahrt

Eine der schönsten und breitesten Straßen, die aus Riga hinausführt, ist die Petersburger Chaussee, die große Ausfallstraße, der kürzeste Weg nach Petersburg oder Leningrad, wie es jetzt heißt. Es war der älteste Reiseweg im zaristischen Rußland. Noch jetzt sieht man in gewissen Abständen am Wege solide gebaute, einstöckige Steinhäuser. Hier wurden zu der Zeit, als man noch mit Postkutschen reiste, die Pferde gewechselt. Heute sind die Häuser als Tankstellen eingerichtet, oder sie dienen als Dorfkrüge; denn die „Brivibas Gatve" wird auch jetzt noch viel benutzt. Sie führt nicht nur über die Landesgrenze hinaus nach Estland oder Rußland, sie führt auch zu einem der beliebtesten Ausflugsziele Rigas.

In jeder größeren Stadt wird man irgend einen Ort finden, auf den die Fremden hingewiesen werden müssen. Ein Versäumnis würde fast beleidigend wirken. In Hamburg hören wir: „Waren Sie schon in St. Pauli?" In München: „Kennen Sie den Starnberger See?" In Freiburg: „Sind Sie schon mit der Schauinslandbahn gefahren?" Die populärste Frage in Riga, die Frage an sich lautet: „Waren Sie schon in Segewold?"

Wenn man das lettische Land kennt, das in seinem weitaus größten Teil flach ist, so kann man die Liebe und die Bewunderung verstehen, die das Volk diesem Stück des Landes schenkt. Herrliche Laubwälder klettern an Hügeln von stattlicher Höhe empor. Romantische Höhlen, wie die Gutmannshöhle und die Teufelshöhle, liegen versteckt in den tiefen Schluchten. Heimliche Quellen rauschen, zackige Felsblöcke schieben sich bis dicht an die Ufer der Livländischen Aa, die wildschäumend durch das Land fließt.

Von der größten Erhöhung grüßen die malerischen Burgruinen einer alten Ordensburg.

Den Mittelpunkt von Sigulda, wie es lettisch heißt, bildet das neue Schloß. (Früher im Besitz der Fürsten Krapotkin.) Es ist jetzt ein Erholungsheim des Lettischen Pressevereins geworden; doch wird es auch von anderen Gästen viel besucht. Im Herbst erglühen hier in Sigulda die Laubwälder in prachtvoller Buntheit, im Winter ist das hügelige Land vorzüglich zum Skifahren geeignet.

Doch da unser Ziel das als Reiseland noch kaum erschlossene Lettgallen ist, gibt es in Segewold keinen Aufenthalt. Wir fahren am Schloß vorbei, den neuen Weg hinunter, der sich in schönen Serpentinen herab bis zur Livländischen Aa zieht, über die Brücke, und klettern hinauf bis nach Kremon. Von dort geht der Weg weiter über Treyden nach Wenden. Hier lassen wir den Wagen eine Weile halten und besichtigen die Burgruine. Sie ist mit ihren vier Meter starken Mauern, ihren Gängen und Treppen noch gut erhalten. Besonders interessant ist der Westturm, der einstmals als Wohngemach der Ordensmeister diente. Ein acht Meter hohes Netzgewölbe stützt sich auf zierliche Konsolen. Die Fensternischen haben die Größe von kleinen Kammern. Wir blicken durch eine der tiefen Öffnungen in das weite Land. Zu unseren Füßen breitet sich der Schloßpark. Im Hintergrund liegt die Stadt mit der alten Johanniskirche sonnenbeschienen da. Bis zum Jahre 1577 gehörte Wenden der Hansa an, wurde dann von Iwan dem Schrecklichen zerstört, und man erzählt, daß sich die Bevölkerung, die in die Burg geflohen war, als diese nicht mehr zu halten war, mit der Besatzung in die Luft sprengte.

Ein kleiner Türkenfriedhof, auf dem eine Anzahl im Jahre 1878 gefangener Türken begraben wurde, berichtet weiter von der wechselvollen Geschichte dieses Landes. Unter einer alten Eiche, sie soll von Peter dem Großen gepflanzt sein, machen wir Rast. Der mitgebrachte Mundvorrat schmeckt herrlich, und der Trunk, den wir aus unserer Feldflasche nehmen, bringt uns wieder in die rechte Reise- und Abenteuerstimmung. Ein kleiner Tusch auf der mitgenommenen Mundharmonika, dann setzen wir unseren Wagen in Bewegung, um ein Stück Neuland zu erobern.

 

Lettgallen

Die Provinz Lettgallen ist der nordöstlichste Teil von Lettland. Ein junger lettischer Schriftsteller hatte mir die vier Provinzen seiner Heimat in kurzer Weise sehr hübsch charakterisiert: "Kurland ist das Land der Kartoffeln, die Bevölkerung ist steif und zurückhaltend. Livland ist das Land der Butter, die Bevölkerung ist arbeitsam und gebildet. Semgallen ist das Land des Getreides, seine Bewohner sind reich und stolz. Lettgallen ist das Land des Flachses. Das Volk ist primitiv und, ja, wie soll ich es nennen? Ich weiß den deutschen Ausdruck nicht genau, ich glaube, er heißt: barmherzig."

An dieses schöne Wort muß ich immer denken, als wir der Provinz entgegenrollen, von deren Menschen gesagt wurde, daß sie „barmherzig" seien. Wir fahren nun schon einige Stunden; aber es ist kein Mensch zu sehen. Nur Wiesen und Wälder, ab und zu ein einsames Pferd oder eine Kuh. Ein wenig eintönig, ein wenig enttäuschend. Auch in Madona, in das wir jetzt kommen, ist der Name das schönste am ganzen Ort. Inzwischen ist es dunkel geworden, und als wir in Marienburg anlangten, ist es ganz finster. In einem einfachen Gasthaus werden wir freundlich aufgenommen, doch der Versuch einer Stadtbesichtigung mißlingt. Der kleine Ort liegt in undurchdringlicher Finsternis. Nur soviel können wir feststellen, daß jenseits der Straße eine Kirche liegen muß. Wenn sich nämlich die dicke Wolkenschicht, die den Mond einhüllt, einen Augenblick zur Seite schiebt, können wir so etwas wie die Spitze eines Turms erkennen. Aber da keine Laterne brennt, ist es unmöglich, weiter vorzudringen, und wir gehen in die Gaststube zurück.

Wir blättern in unserem Führer und lesen die Geschichte von Pastor Glück, dem Übersetzer der lutherischen Bibel, der hier gelebt hat, und von seiner Pflegetochter, der späteren Kaiserin Katharina von Rußland. Unser dicker Wirt hantiert hinter der Theke. Ein paar Fuhrleute, nicht mehr ganz nüchtern, unterhalten sich eifrig in russischer Sprache. Ab und zu mischt sich auch der Wirt in das Gespräch. Wir versuchen, der Unterhaltung zu folgen. Man redet vom Manöver und einem Regiment Soldaten, das hier stationiert ist. Dann von einem großen See und einem Motorboot, mit dem man an das jenseitige Ufer fahren kann. Als wir nach der Kaiserin Katharina fragen, blickt alles erstaunt auf. Niemand weiß etwas Näheres zu berichten. Ja, gelebt hat sie hier, an der anderen Seite des Sees, und sie war ein einfaches Bauernmädchen. Das ist alles was man weiß.

Dann lesen wir, was wir uns nach dem Bericht des Prof. Schiemann aufgeschrieben haben. Katharina war ein Beutestück des großen Emporkömmlings Menschikow, der sie sich bei einem seiner Verwüstungszüge durch Livland zu eigen machte. Bei Menschikow lernte Peter der Große sie kennen, und da er Gefallen an ihr fand, mußte Menschikow sie ihm schließlich abtreten. Das geschah im Jahre 1702 und seitdem lebte sie mit dem Zaren, als wäre sie seine legitime Frau, zu der er sie auch wirklich machte.

Katharina war nach europäischem Geschmack nicht schön, mittelgroß, von üppigen Formen, brünett, stets stark geschminkt und keineswegs vornehm in Haltung und Aussehen. Aber sie war kräftig und ausdauernd, liebenswürdig, gefällig, stets guter Laune und wahrhaft bewunde rungswürdig in der Kunst, den Zaren zu behandeln. Nur sie durfte nahen, wenn der Zorn ihn überkam. Sie rief ihn dann zu sich. Schon der Klang ihrer Stimme wirkte beruhigend auf ihn. Fuhr sie ihm dann durchs Haar, schien die Spannung sich zu legen. Er setzte sich zu ihr und während sie fortfuhr ihn zu liebkosen, schlief er in ihrem Schoß ein. Zwei bis drei Stunden saß sie unbeweglich, um den Schlaf des Zaren nicht zu stören. Wenn Peter schließlich erwachte, war er frisch und munter, als sei nichts geschehen. Die Korrespondenz zwischen ihr und dem Zaren geht außerordentlich herzlich hin und her. Sie hat nie ganz veröffentlicht werden können, weil sie für unser Empfinden zu ungeniert im Ausdruck ist. Aber was bekannt geworden ist, macht einen sehr ansprechenden Eindruck, durchaus natürlich, ohne jeden Anflug von Redensarten, gewiß so, wie sie miteinander gesprochen haben. Von Politik keine Silbe, wie denn Katharina politischen Einfluß weder gesucht noch ausgeübt hat. Mit der Zeit trat aber eine Eigenschaft zutage, die wohl als eine von ihrer Umgebung ausgegangene psychische Ansteckung bezeichnet werden muß: sie ließ sich von Leuten bestechen, die ihre Fürsprache beim Zaren in Anspruch nahmen. Die großen Summen, die sie so zusammenraffte, legte sie in Hamburg und Amsterdam an, als Sicherheit für böse Tage, die wohl auch für sie kommen konnten. Der Zar ist aber dahinter gekommen und scheint sie dann mit einer nachdrücklichen körperlichen Züchtigung abgefunden zu haben. Wirkliche Bedeutung legte er diesen Verirrungen Katharinas nicht bei. Nur einmal ist er wirklich böse gewesen, als er entdeckte, daß Katharina ihn mit dem schönen Kammerherrn Mons betrog. Mons mußte dafür mit dem Leben büßen, sein Kopf wurde in Spiritus gelegt und auf Peters Geheiß in Katharinas Schlafgemach aufgestellt. Sie erhob keinen Widerspruch und ließ es dabei bewenden. Peter konnte sie nicht aus der Fassung bringen. Er zertrümmerte einen prachtvollen venezianischen Spiegel und rief ihr zu: „So werde ich dich und die Deinen zertrümmern!" Die Zarin antwortete ruhig: „Der Schmuck des Zimmers ist zerstört, ist das Zimmer wohnlicher geworden?" —

Die Wirtin kommt und stellt eine riesige Schüssel voll selbstgebackene Pfannkuchen auf den Tisch. Durch die offene Haustür dringt der süße Geruch von frisch gemähtem Gras und Krautern.

Meine Taschenuhr streikt seit mehreren Tagen. Ich habe sie aus Versehen mit in das Meer genommen. So läßt sich am anderen Morgen die Zeit nur nach dem Stande der Sonne bestimmen. Ich bin froh, daß der Tag klar und frisch aufsteigt. So kann ich vor dem Kaffeetrinken noch einen kleinen Inspektionsgang unternehmen. Richtig, unserem Wirtshause gerade gegenüber liegt eine Kirche. Es ist sogar ein besonders schönes altes Barockbauwerk, ockergelb getüncht, mit reichverzierten Portalen. Ich gehe um die Kirche herum und komme an einen hellen See. Am anderen Ufer soll also das historische Pastorat liegen. Doch es ist hier so schön, daß ich nicht weiter gehen mag. Ich packe mein Malgerät aus und beginne zu zeichnen. Den See, die Birken, die Kirche und den sonnenbeschienenen Pfad, der zum Gotteshause hinaufführt. Hier müßte nun eigentlich ein lebendes Wesen daherkommen, zum mindesten eine Kuh oder ein Pferdegespann. Wie ich so meinen Gedanken nachhänge, und mir überlege, was ich wohl in das Bild hineinkombinieren könne, kommt ein uraltes Weiblein dahergetrottet. Es trägt auf dem Rücken ein großes Bündel Holz. Ich bitte es, einen Augenblick stehen zu bleiben, aber kaum hat die Alte begriffen, um was es sich handelt, als sie schreiend Reißaus nimmt. „Wai, wai! Erbarmung! Ich habe Schande!" ruft sie. „Mein Sohn ist in der Stadt. Soll er ein altes Weib so daher gehen sehen? Wai, wai, Erbarmung". Und sie schlägt entsetzt beide Hände vor ihr Gesicht.

Vor dem Wirtshaus hat sich die Dorfjugend versammelt. Voller Interesse wird unser Aufbruch am Mittag verfolgt. Unser großer moderner Wagen paßt so wenig vor dieses Gasthaus und in diese Landschaft. Es müßten ein paar Pferde gesattelt stehen, oder eine Kutsche müßte uns nun langsam den Landweg entlang fahren. Die moderne Technik zwingt uns viel zu schnell, weiter zu hasten. Links am Wege steht ein Kruzifix. Der gekreuzigte Christ trägt einen Kranz welkender Blumen. Das blaue Kleid der Maria ist regenverwaschen, den heiligen Johannes hat der Wind einen Spalt in den Mantel gerissen. Das schützende Wellblech über seinem Haupte schwankt leise im Winde. Eine einsame Wagenspur läuft durch den gelben Sand. Nicht weit von uns sehen wir noch den Bauernwagen. Eine Frau lenkt ihn. Durch die Trauen des Wagens blicken neugierig ein paar kleine Lämmer. Dann zeigt sich hinter einem welligen Hügel das erste Schindeldach eines Holzhauses. Das katholische Lettgallen grüßt uns.

 

Rositten

Kleine zottige Pferde, mit langen ungekämmten Mähnen, das buntangestrichene Krummholz über dem Rücken, stehen dichtgedrängt zwischen Körben mit Gemüse und Obst. Junge Burschen, schon in weiße Schafpelze gehüllt, mit hohen Schaftstiefeln und gesticktem Hemd, alte Männer im Kaftan und langem Bart drängen sich durcheinander. Dazwischen schiebt sich eine Zigeunerin. Sie hält ein winzig kleines Baby auf dem Arm. Zwei andere Kinder hängen an ihrem Rockschoß. Nun bückt sie sich und sucht unter dem faulenden Obst die noch brauchbaren Teile. Als sie zu uns kommt, streckt sie bettelnd ihre Hand aus. Auch die schmutzigen kleinen Hände der Kinder recken sich almosenheischend. Große braune Augen sind fragend auf uns gerichtet.

Eine breite Landstraße führt vom Markt in die Stadt. Vor den kleinen Kaufläden, viele mit jüdischen Aufschriften, stehen die Inhaber. Immer gibt es etwas zu handeln oder zu debattieren. Eine Kirchenglocke läutet; eine Schar Kinder, geführt von dem Herrn Pfarrer, schlängelt sich durch das Gedränge der Wagen und Karren. Sie wird vor Schulbeginn noch einmal in die Kirche geführt. Es ist eine lange Reihe kleiner Mädchen in dunkelblauen Kleidern und großen schwarzen Schürzen und eine ebenso große Anzahl Buben in der jetzt für alle Schüler eingeführten schwarzen Schultracht.

Die Kirche, in die sie gehen, liegt weithin sichtbar auf einer Anhöhe. Vom Hang hinunter kommt man an den Fluß, der sich mit vielen Windungen ungleichmäßig breit durch die Stadt zieht. Schmale Fußsteige klimmen die Böschungen hinan, rotrostiger Sandhang wechselt mit mattgrünen Grasflächen. Überall an den Abhängen kleben kleine mattgraue Holzhäuschen. Schmale Holzbrücken führen über das Wasser. Frauen kommen und gehen die engen Fußsteige hinauf und hinab, sie haben auf dem Markt ihre Einkäufe gemacht. Ab und zu stehen einige plaudernd auf den kleinen Brücken still. Ein paar magere Ziegen grasen am Hang. Sie reißen sich gierig die wenigen Büschel Gras zum Munde. Das plätschernde Wasser teilt ihr Spiegelbild in hundert glitzernde Farben.

Wir entschließen uns, die Nacht in Rositten zu bleiben, und müssen nun in einem sehr merkwürdigen Gasthaus absteigen; denn wir haben keine Wahl, es gibt nur das eine. Das Büfett ist, wie selbst auf den kleinsten Stationen, reichlich besetzt. Es gibt Lachs und Schinken, Fleisch und Kohlpiroggen, frischen und geräucherten Aal, Tomaten, Salate und vieles andere. Doch über dem Ganzen kreisen in dichten Scharen die Fliegen. Zwar wehrt ein Gazeschleier ihrer Zudringlichkeit; dennoch gehört ziemlicher Mut dazu, sich auf einen der hohen Barstühle zu setzen, um den „Aufbiß" oder die „Sakuska", wie man hier das Vorgericht nennt, zu nehmen. Doch wir sind von der langen Fahrt hungrig geworden, und die Speisen schmecken ausgezeichnet. Dann führt uns die Wirtin in ein „Extrazimmer", das an einen Festsaal stößt. Hier gibt es in der Mitte eine Tanzfläche und an beiden Seiten kleine Chambres separes, was uns in nicht geringes Erstaunen versetzt. Papierblumen hängen vom Kronleuchter und ein Radio spielt, spricht und singt ununterbrochen. Dieser Eindruck eines lettgallischen Gasthauses ist sehr viel anders, als wir ihn uns gedacht haben, und wir sind nicht unzufrieden, als wir zeitig am ändern Morgen aufbrechen.

Bevor wir unsere Reise fortsetzen, lassen wir uns noch das neuere Stadtviertel zeigen. Es ist weitläufig angelegt, sauber und gepflegt; seit einem Jahr gibt es dort eine Landwirtschaftsschule, ein Seminar und ein Gemeindehaus. So wird in nächster Zeit wohl auch die Hotelfrage eine bessere Lösung finden.

 

Sentimentale Gedanken im Kaffeehaus

Im neuen Eckcafe spielt eine Unterhaltungskapelle. Etwas zu laut für ein Kaffeehaus, aber da ich nur schauen will und keine Unterhaltung zu führen brauche, stört sie mich nicht. Ich blicke zum Fenster hinaus auf das neue Riga, auf die moderne Großstadt. Im Hintergrunde steigt ein schlanker Obelisk in den Himmel — das neue Freiheitsdenkmal. Es trägt auf seiner Spitze eine Frauengestalt, die in den hochgereckten Armen drei Sterne hält, das Symbol der Provinzen Lettlands: Livland, Kurland und Lettgallen. Der Schöpfer des Denkmals ist der Bildhauer K. Zäle, der auch die Monumente und die Anlage des Bruderfriedhofes geschaffen hat, der sich außerhalb der Stadt, neben dem Waldfriedhof, wo Lettlands erster Präsident, Jänis Cakste, und Lettlands Außenminister Zigfrids Meierovics begraben liegen, befindet.

An der anderen Ecke leuchtet die Lichtreklame der Gaststätte von „Otto Schwarz". Meine Gedanken wandern wieder zurück in die Vergangenheit. Ich sehe mich selber in froher Gesellschaft bei irgendeinem Abendessen. Es ist spät geworden. Als man gegen Mitternacht auf die Straße kommt, schneit es. Der alte Nachtwächter im Türeingang muß einen Schlitten heranholen, und dann fährt man noch ein kleines Stück Umweg, bevor man nach Hause zurück mag—die Düna entlang, oder in den „Kaiserwald", anschließend vielleicht auch zur „Alhambra", dem damals fashionabelsten Nachtlokal, wo ein spitzbäuchiger Herr, der den Namen „der Botschafter" führt, den Wirt spielt und heimlich, denn damals durfte in Lettland nach 10 Uhr abends kein Alkohol ausgeschenkt werden, in Kaffeetassen Schnaps serviert. Das kleine Mädchen vom russischen Ballet tritt auf und versucht vergeblich mit ihren mageren Beinchen den Spitzentanz. Manchmal tanzt auch das Publikum, und wenn ein Tango kommt, werden durch eine besonders kunstvolle Lichtmaschine merkwürdige bunte Lichtkegel an die Decke geworfen.

Ja, die Gefahr ist groß, sich in die Vergangenheit zu verlieren, denn Altes und Neues steht sonderbar gemischt vor meiner Seele, und so wie sich die neuen Bauwerke, welche sich zwischen die alten Häuser geschoben haben, erst allmählich mit Leben füllen, so muß auch die Gegenwart erst langsam das Vergangene auslöschen.

Es ist l Uhr mittags. Zwischen l und 3, und dann wieder am Nachmittag, gegen 6 Uhr, sind die Kaffeehäuser hier am meisten besucht. Sie sind Treffpunkt von Müßiggängern und geputzten Frauen wie der Geschäftswelt. — Der Kellner kommt und bringt den Kaffee. Er setzt auch eine große Schale Kuchen auf den Tisch. Und wieder wandern meine Gedanken, ohne daß ich es recht will, in die Vergangenheit zurück.

Es ist das Jahr 1922. In Berlin bekommt man einen halben Liter Milch und die meisten Lebensmittel nur auf Karten. Ich bin eben in Riga angekommen. Es ist ein Empfang beim Präsidenten. Die Türen öffnen sich, alles steht plaudernd umher. Dann erscheinen die Diener und bringen Torten herein, Torten so groß wie „Wagenräder", will mir scheinen, und auf diesen Torten ist „Schwant", wie man hier sagt, „Schlagschmant", „Schneemus", wie wir es als Kinder nannten, „Schlagsahne", wie man es in Berlin nennt. Und dann geschieht für mich das Erstaunlichste — niemand von den Gästen interessiert sich für diese Kuchen. Ich setze mich verstohlen an einen Tisch und verzehre langsam diese Märchentorte.

 

Gang durch den Zentralmarkt

Ein bekannter Ausspruch sagt: Lettland—Fettland, ein Gang durch die Zentralmarkt-Hallen, die an die Stelle des früheren Marktes an der Düna getreten sind, zeigt, daß dieser Ausspruch zutreffend ist; denn was hier an köstlichen Lebensmitteln aufgehäuft liegt, ist von einer Fülle und Qualität, wie man sie selten sieht. Da gibt es Rüben und Kohl, Spinat, Erbsen und Bohnen, Pilze und Burkanen (rote Wurzeln), riesenhafte Radieschen und herrlichen grünen Salat, sogar Artischocken in stattlicher Größe. Auf den Ständen häuft sich das Obst: Birnen. Pflaumen und, vor allen Dingen, immer wieder die herrlichen Äpfel. Ich glaube, es ist keine Übertreibung zu behaupten, daß in Lettland die schönsten Äpfel der Welt wachsen. Der „Serinka" ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und wird viel exportiert. Ein anderes einheimisches Produkt ist die Kranbeere, nicht zu verwechseln mit unserer Preißelbeere, die in riesigen Mengen zum Einkochen verbraucht, und aus der ein besonders guter Schnaps hergestellt wird.

Wir gehen weiter, durch den Fischmarkt. Welche Fülle von See- und Flußfischen. Die Dünalachse erreichen oft ein Gewicht von über 20 Kilo. Man fängt sie in riesigen Netzen, die man in der Düna ausspannt. Drei oder vier Männer sind nötig, um ein solches Netz herauszuholen. Der rote Kaviar, der aus diesen Fischen gewonnen wird, ist sehr schmackhaft. Der Lachs bildete in älterer Zeit so sehr die Volksnahrung, daß ein Gesetz herausgegeben wurde, nach welchem den Dienstboten Lachs nicht mehr als dreimal wöchentlich vorgesetzt werden durfte. Und dann Krebse — so viele Krebse.

In den Fleischhallen sind es vor allen Dingen die köstlichen kleinen Schinken, die als Bacon viel nach England exportiert werden, die unsere Aufmerksamkeit erregen.—

Dann geht es in die Milch- und Butterhalle, wo mit peinlicher Sauberkeit alle Milchprodukte feilgeboten werden. Der gegenwärtige Ministerpräsident, Dr. Kärlis Ulmanis, der selbst aus einer Bauernfamilie stammt, hat in größeren und kleineren Städten die sogenannten Milch-Pavillons errichten lassen, schöne, oft mit Stroh gedeckte Blockhäuser, in denen man für wenige Santims Milch und Milchprodukte in bester Qualität verspeisen kann, und die sich eines besonders regen Zuspruchs erfreuen.

Am Ausgang der Halle sind dann noch die Stände für lebendes Geflügel. Auch die Frauen, die ein Huhn oder eine Ente stundenlang auf dem Arm halten, sind wieder da. Sie erinnern mich an eine Geschichte, die ich meinen Kindern immer wieder erzählen mußte. Es war die Geschichte von der Hühnerfrau, die wochenlang auf dem Markte in Majoren stand, und ihr Huhn so sehr liebte, daß sie es fortwährend küßte und auf dem Arm wiegte und dazu „Kur tu teci. kur tu teci galliti man" sang und die, als dann schließlich eine Käuferin kam (ach, es war eine dicke, häßliche Frau, die das Tier von allen Seiten abtastete) bitterlich weinte, weil sie sich nicht von dem Huhn trennen mochte.

 

Lausemarkt

Der „Lausemarkt" in Riga ist der Sammelpunkt aller Mühseligen und Beladenen, zugleich aber auch der, der ländlichen Bevölkerung. Hier ist es, wo sie ihre Einkäufe machen, hier ist es, wo der Arbeiter sich seinen neuen Winterpelz ersteht, wo die Frau sich ein buntes Kopftuch wählt, wo der Sohn oder die Tochter neu eingekleidet werden. Hier sucht man sich ein Zierstück für seinen Schrank oder die gute Stube. Hier prüft der Arbeiter, ob seine steifen Finger die Ziehharmonika noch spielen können, hier handelt man, und hier empfindet man, daß der heutige Tag ein Sonntag ist. Ganze Straßen von Verkaufsbuden billiger, neuer Konfektion gibt es. Wie solche, in denen Tisch an Tisch mit altem Plunder bedeckt ist. Viele Händler breiten ihre Waren direkt auf der Erde aus. Andere halten in ihren Händen die wenigen Habseligkeiten, die sie verkaufen möchten. An einer der Hausmauern lehnt bewegungslos eine Frau. Sie trägt im Arm einen Gummibaum. Weiter ist nichts da, weder rechts noch links von ihr. Dieser Gummibaum ist das, was sie zu verkaufen hat. Als ich nach einer Stunde wieder vorbeigehe, steht sie noch in derselben Haltung, den Baum auf dem Arm.

Wie wir uns durch das Gewühl der Kauflustigen durchgearbeitet haben, sehen wir links an der Straße eine kleine Holzkirche. Wir möchten gerne einen Augenblick hineingehen, denn dieses ist der Ort, wo Gottfried Herder eine Reihe von Jahren gepredigt hat; aber leider ist sie, wie alle evangelischen Kirchen, nur zur Zeit des Gottesdienstes geöffnet, und unsere Bemühungen, den Pförtner zu finden, sind vergeblich. So schlendern wir weiter und kommen nun an eine russische Kirche. Menschen gehen aus und ein, Bettler hocken vor dem Eingang. Drinnen wird gesungen. Ich überwinde meine Scheu und gehe mit den anderen.

Die Kirche ist dicht mit Menschen gefüllt. Überall brennen Kerzen, überall schimmert Silber und Gold. Der Altar ist mit Blumen geschmückt. Ich kenne die russischen Gebräuche nicht. Es scheint, als ob heute ein Tag ist, an dem die Frauen ihre neugeborenen Kinder zur Einsegnung bringen. Ein alter Priester mit langem Haupthaar und weißem Bart in schwerem golddurchwirkten, leuchtend lila Meßgewand kommt durch den Mittelgang. Er trägt ein winzig kleines Kind auf seinem Arm. Jetzt hebt er es hoch, nun reicht er ihm zum Kuß ein goldenes Kreuz. Das Kind blinzelt erstaunt in all den Glanz, dann langt es mit seinen Händchen in den Bart des Geistlichen. Dieser lächelt freundlich und legt das Kind in die Arme der Mutter zurück, die im Hintergrunde gewartet hat. Nach einigen Augenblicken kommt er mit einem anderen Kindlein wieder.

 

Weg zum Meer

Die alten russischen Eisenbahnwagen sind zwar breit, aber nicht sehr bequem. Selbst in der zweiten Klasse sitzt man auf den Bänken so steif wie auf einer Schulbank. Auch die Fenster sind winzig. Ein einziger Ausschnitt in der großen Wandfläche. Ich denke voller Verlangen an meinen kleinen grauen Fordwagen. Warum habe ich ihn nicht mitgebracht? Wie oft hat er mich auf meinen Maler fahrten durch fremde Länder begleitet. Wie herrlich konnte man rechts und links um sich blicken und auch nach oben den weiten Himmel sehen! Aber seit unserer Flucht aus Spanien ist er altersschwach geworden. Und Peter hat unlängst einen Familienrat einberufen, in dem beschlossen wurde, mir die weitere Benutzung des Wagens zu verbieten, da er dem „Ansehen der Familie" schade. Was kann man da anderes tun, als ihn zuhause lassen. So sitze ich also im Zuge und studiere die Aufschriften im Waggon. Wie schwer doch die lettische Sprache ist! An der Wand mir gegenüber hängt ein Plakat, darauf steht: Prst navi no gaisa! Ich habe nicht die leiseste Ahnung von der Bedeutung eines einzelnen Wortes. Wahrscheinlich ist es die Aufforderung, dem Luftschutz beizutreten, denn über einer brennende Stadt kreist ein Flieger mit Totenkopf. Aber vielleicht heißt es ganz etwas anderes. Ich weiß es nicht, ich kann es nur raten.

Der Volksmund nennt Kurland das „Gottesländchen". Wer die Karte Kurlands studiert und seinen Blick von der östlichen Spitze bis zum westlichen Meer über das Land hingleiten läßt, der sieht an dem Bild der eingezeichneten Städte, Marktflecken, Ländgüter und Bauernhöfe, an den vielen Fäden der Straßen und Flußläufe, das rege Leben das in dem fruchtbaren Kurland herrschen muß. Weiche Höhenzüge streichen von Osten bis an seine westlichen Meeresgrenzen. Flüsse und Bäche sammeln ihr Wasser in waldumgrenzten Talgründen zu durchsichtigen Seen. Kornfelder wechseln mit weiten fruchtbaren Wiesenflächen. Knorrige Eichen schatten über breite Landwege, Ulmen und dunkle Tannen stehen an den steileren Hängen der Burgberge. Ein altes kurländisches Volkslied fällt mir ein. Es könnte in dieser Gegend gewachsen sein:

Geh, mein Schwesterchen, und hör
Welch ein Liedlein singt die Meise?
Solch ein Liedlein singt die Meise,
Daß der Bruder in den Krieg muß!

Geh dann Schwesterchen in's Gärtchen
Schmücke Deines Bruders Hut!
Singend schmückte sie das Hütchen,
Singend gab sie das Geleit ihm.

Weine nicht, mein Schwesterchen,
Wirst mich ja bald wiedersehen!
Siehst Du aber nicht mich wieder
So erwarte doch mein Rößlein.

Als das Rößlein kam gelaufen
mit den dickbestäubten Füßen
Da fragt sie das Rößlein aus:
Wo ist denn der Reiter blieben?

Dorten blieb der Reiter mein
Wo ein Bach von Blute fließet
Wo die Knochen Brücken bilden
Aufgetürmt die Schwerter sind
Männer liegen dort wie Eichen!

Der Zug hält einen Augenblick. Mir ist es, als höre ich das Rauschen des Windes in den Kronen der alten Bäume. Langsam rollen wir weiter.

Draußen beginnt es zu regnen. Der schmutzige Rauch der Lokomotive schlägt gegen die Fensterscheibe. Äcker und Felder ziehen grau vorüber. Ein kleiner Hirtenjunge sitzt zusammengekauert unter einem Baum. Ein zottiger Hund spring laut kläffend auf unseren Zug zu. Die Zeit geht langsam. Aber schließlich ist es doch soweit, einige Lichter blitzen auf.

Eine größere Stadt ist in Sicht; es ist Libau. Als wir aussteigen, kommt hinter den dunklen Regenwolken der Mond hervor. Alles sieht mit einem Mal freundlicher aus.

Welcher Reisende kennt nicht die Sorge um Hotel, Zimmer und Bett, in denen er die Nacht zubringen soll. Ich bin angenehm überrascht, ein modernes, auch den Ansprüchen eines verwöhnten Reisenden zusagendes Hotel zu finden. So ist diese Frage aufs beste geordnet. Ich kann noch ein wenig ans Meer gehen. Nach der langen Fahrt wird die frische Luft gut tun. Außerdem gibt es ja nichts Schöneres, als eine neue Stadt zu entdecken. Leider ist es schon dunkel, aber der Mond wird helfen, und die See kann nicht weit sein. Welche Richtung schlage ich ein? Ich will nicht fragen. „Ein Gang ins Blaue."

Die Straßen sind fast menschenleer. Die kleinen Häuser liegen schon dunkel da. Nur an der Ecke der helle Lichtkegel — eines Kinos. Hinter einem Fenster ertönt Geigenmusik. Ich bleibe einen Augenblick stehen. Wie kommt so große Kunst in diesen kleinen Ort? Dann fällt mir plötzlich beschämt ein, daß es ein Radio ist. Mein Gott, wie konnte ich einen Augenblick an etwas anderes glauben!... Ich hole tief Atem. Ein Tier könnte nun gewiß schon irgendwie die Meeresluft wittern, vielleicht auch ein Indianer, doch wir haben zuviel von unseren natürlichen Sinnen durch die überfeinerte Kultur eingebüßt. Ein gewisser Instinkt treibt mich dorthin, wo der Mond steht.

Es dauert länger als ich dachte. Manchmal fürchte ich, mich zu verlaufen. Einmal begegnet mir eine einsame Pferdedroschke; aber ich will nicht fragen, mich auch nicht hinfahren lassen. In einem gewissen Trotz gehe ich weiter. Schwere graue Wolken jagen über den Himmel; sie schieben sich wie dunkle Kulissen immer wieder vor den Mond, der mich durch seine Wolkenfetzen spöttisch anzuschauen scheint. „Herr Mond, gehe ich vielleicht in falsche Richtung?" beginne ich ein Gespräch mit ihm. „Liegt das Meer wohl auf einer ganz anderen Seite? Sind es nur Ihre silbernen Strahlen, denen ich hier nachlaufe? Wollen Sie mir nicht ein ganz kleines Zeichen geben?"— Da ist es mir plötzlich, als höre ich in der Ferne Rauschen. Noch eine Straße, und da leuchtet es auf. Weiße Hügel und dahinter das Meer. Thalatta! Thalatta! Da braust es heran. Silbern und grau, grün, blau und schwarz, lockend und drohend. Aber wie zur Beruhigung steht zwischen den Dünen ein schlanker, rotweißer Leuchtturm, das Heimatzeichen für die heimkehrenden Fischer.

Am anderen Morgen mache ich eine Wanderung durch die Dünen. Der Strand von Libau gehört mit zu den schönsten an der Ostsee. Er wird auch die Bernsteinküste genannt; denn reiche Funde von besonders großen Bernsteinstücken sind hier nicht selten. Ein riesiger Streifen schneeweißen Sandes so weit das Auge reicht. Ich wate durch das weiße Geriesel. Meine Fußspur ist die einzige. Blaßblau fallen die Schatten, Seegras schwingt sich im Winde. Ein paar riesige graue Krähen, die Vorboten des nahenden Winters, hüpfen über die weite Fläche. Ab und zu kommt ein Wind und wirbelt Sandkörner auf. Er läßt sie wie ein feines Rinnsal die Düne abwärts gleiten, hebt sie hoch, daß sie oft wie ein weißer Rauch über den Kuppen der Dünen stehn. Die Linie des Sandes wird durch dunkelbraune Hügel unterbrochen. Es sind riesige Haufen von Seetang. Die Fischer kommen mit kleinen Wagen und Handkarren, mit Körben und Eimern. Viele Frauen sind dabei und auch Kinder. Sie laden den Seetang in die Karren, um ihn als Dung auf ihre Felder zu schaffen. Es ist noch sommerlich warm, doch es gibt keine Kurgäste mehr. Im Kurpark stehen die Holzbänke verlassen da; unter den windzerzausten Bäumen picken ein paar Hühner.

Ich besichtige das Kurhaus, das Kurländische Museum, in dem sich eine äußerst reichhaltige ethnographische Sammlung befindet. Trachten von Bartau, Niederbartau und Rutzau. Besonders schöne, wertvolle Stücke, die man nur selten sieht.

Am 23. Juni feiern die Letten die Sonnenwende. Dann schmücken sich die Mädchen mit alten Volkstrachten. Aus allen Kisten und Truhen werden die Schätze hervorgezogen. Die weiten gefalteten Röcke, die weichen, weißen wollenen Schultertücher, der seltsame Kopfputz mit den glitzernden Glasperlen, dem Flitterwerk und den bunten Bändern. Die riesigen silbernen Vorstecknadeln werden an das Mieder geheftet, der Armreif und die Gürtelschnallen werden angelegt. Es ist ein herrliches Rot, in dem die meisten Röcke leuchten, daneben sieht man schottische Muster und viel farbige Streifen. Die weißen Blusen sind mit bunten Kreuzstichmustern verziert, die selbstgestrickten Strümpfe haben breite farbige Kanten. Schon am 22. Juni beginnt das Fest. Das ist der sogenannte „Krautabend", der nach alter Sitte besonders in Riga gefeiert wird. Da bringen die Bauern der Umgegend in riesigen Fuhren Laubwerk, Blumen und Kalmus in die Stadt.

Am Ufer der Düna findet der Krautmarkt statt. An allen Straßenecken hocken alte Weiblein und bieten wundertätige Krauter an, die vor Johanni, wenn sie in vollem Saft geerntet wurden, besonders kräftige Heilwirkung haben sollen. Die Letten sind ein naturverbundenes Volk, und glauben noch heute viel an die wundertätige Wirkung von Krautern und Wurzeln. Bis in die Nacht hinein erklingen in Straßen und Plätzen die alten lettischen Sonnenwendlieder. Das Ligo, Ligo ertönt immer wieder als Kehrreim in allen Gesängen.

Und Sonne, Sonne ertönt es auch am nächsten Tag, dem Johannisabend. An hohen Stangen flammen Teertonnen auf. Freudenschüsse erklingen, und Flamme und Schall werden von Ort zu Ort über das ganze Land getragen. Auf dem einsamsten Gehöft noch werden der Bauer und die Bäuerin, der Gutsherr oder die Gutsherrin als Janis-vater und -mutter vom Gesinde mit dicken Eichenkränzen geschmückt und mit Ligo-Weisen besungen.

Im gewöhnlichen Tageslauf ist die Volkstracht durch die städtische Kleidung verdrängt worden. Aber genau so wie in Deutschland versucht der Staat, durch Vorträge und Werbung die alte Volkskunst neu zu beleben, und bei der Landbevölkerung wieder Freude und Verständnis für ihre schöne Kleidung zu wecken.

Als ich zur Stadt zurückwandere, kommt doch noch etwas Farbenfreude in das Straßenbild. — Die Fischkutter sind angekommen. Schon werden die Segel eingezogen. Der stille Hafenplatz ist lebendig geworden. Kleine giftgrün angestrichene Handwagen werden von allen Seiten herangerollt und halten an der breiten Treppe, die zum Wasser hinunterführt. Dicht gedrängt warten dort die Fischfrauen. In leuchtend blauen Leinenkleidem und weißen Kopftüchern stehen sie zwischen den grünen Wagen wie große blaue Blumen.

 

Goldingen

Der Bahnhof liegt weit außerhalb der Stadt. Eine einzige Pferdedroschke wartet auf die Reisenden. Der Wettbewerb ergibt, daß ein jüdischer Geschäftsreisender das Ziel als erster erreicht. Aber ich kann mitfahren. Der Landweg wechselt in der Stadt mit Kopfsteinpflaster. Vor dem Gasthaus debattieren die Bauern; auch die Wirtsstube ist überfüllt. Es ist Markttag. Es gibt sogar einen Polizisten an einer Straßenkreuzung. Um 12 Uhr ist alles zu Ende. Die kleinen kräftigen Pferde ziehen die Wagen über die Windau-Brücke zur Stadt hinaus. Zwei Straßenkehrerinnen kommen und säubern den Platz. Eine kleine Stadt sinkt zurück in ihren Frieden.

Die meisten werden nun behaupten, ich hätte an der Windau stehenbleiben sollen, mein Skizzenbuch hervorsuchen müssen und den Rumba (die Rummel), wie der Wasserfall der Windau bei Goldingen heißt, auf ein Bild bringen sollen. Aber, ehrlich gesagt, ich habe gar kein Verhältnis zu Wasserfällen, selbst dann nicht, wenn sie größer sind als der Rumba, der immerhin 2 bis 3 Meter hoch ist. Vielleicht kommt es daher, weil man immer soviel Wesens von Wasserfällen macht, weil jeder Einheimische einem durchaus sein Heimatprodukt zeigen will und nicht eher ruht, als bis man seine oft müden Füße dorthin geschleppt hat. Vielleicht ist es auch die Erinnerung an eine große Enttäuschung, die ich als Kind mit einem Wasserfall hatte. Das war in Deutschland, in der Sächsischen Schweiz. Es war das erste Mal, daß mir so ein Wunder vorgeführt werden sollte. Meine Phantasie hatte sich ein gewaltiges Bild geschaffen. Aber es war ein trockener Sommer. Das Bächlein floß nur spärlich. So hatte der findige Wirt, der ein Gasthaus in der Nähe besaß, einen kunstvollen Apparat konstruiert. Nach Hinterlegung von 10 Pfennigen zog er an einem Seil, und nun stürzten die angesammelten Wasser in die Tiefe. Ich bin seitdem immer ein wenig argwöhnisch in Bezug auf Wasserfälle geblieben.

Hier an der Windau ist das Interessanteste wohl der Lachsfang. Die Fische schwimmen zur Laichzeit stromaufwärts und springen den Wasserfall hinauf. Sie müssen, wenn sie an den Rumba kommen, einen hohen Luftsprung machen, um ihren Reiseweg fortsetzen zu können. Aber das ist eine gefährliche Sache für den Fisch; denn der große Räuber Mensch hat an dieser Stelle riesige Netze ausgehängt, mit denen die Lachse bei ihrem Luftsprung gefangen werden. Über die ganze Strombreite am Rumba sehe ich Netze ausgehängt. Die Laichzeit der Lachse hat soeben begonnen...

Über eine große neu angelegte Brücke komme ich nun an das andere Ufer des Flusses. Ein zweiter Arm mündet hier in die Windau. Das Ufer ist steil abfallend. Eine sehr alte hölzerne Brücke führt zu einer Halbinsel, die durch die beiden Wasserläufe gebildet wird. Wieviel Jahre mag sie wohl alt sein? Wer mag alles darüber gezogen sein? Lettische Bauern, russische Reiter, deutsche Kavallerie, schwedisches Fußvolk, Kirchenfürsten und weltliche Herzöge. Heute ist Goldingen eine stille verträumte Kleinstadt, nur der Burgberg trägt noch klägliche Reste von Macht und Reichtum; sonst deutet nichts mehr darauf hin, daß hier einst die Sommerresidenz der kurischen Herzöge war.

Doch Verkehr herrscht immer noch auf der Brücke Zuerst kommt ein schwerer Lastwagen, die letzte Ernte wird hereingebracht. Nun naht ein kleiner Junge mit Schulbüchern unter dem Arm. Er bleibt einen Augenblick stehen, als er mich zeichnen sieht. Eine Frau mit einem Korbe Obst geht vorüber. Jetzt zwei Backfische, kokett angezogen, eng umschlungen, nun ein junger Bursche auf einem Motorrad. Er ruft den Mädchen etwas zu. Beide lachen, dann sehe ich, wie er am anderen Ende der Brücke vom Rade springt. Sie gehen zusammen weiter. — Über die alte Holzbrücke legt sich ein goldener Schein. Die Sonne geht unter. In der Ferne höre ich ein paar Kühe brüllen. Ja, richtig, da kommen sie heran, unten im halbtrockenen Flußlauf. Auch Schafe sind dabei und dahinter der Hütejunge. Langsam nur geht es vorwärts; immer wieder machen die Tiere Halt, um am Abhang noch etwas von dem fetten Grase zu rupfen. Nun sind sie fast unter der Brücke angekommen, da biegen sie seitlich in einen Pfad ein, der hügelauf führt. Aus dem Schornstein eines Hauses steigt feiner Rauch auf. Die Schatten der Bäume und des Viehs werden immer länger. Bald wird die Sonne verschwunden sein. Ich packe meine Sachen zusammen und gehe nun auch selber über die Brücke. Ich klopfe ein wenig gegen das Holz. Wieder ein Mensch, der hier geht. Eine Brücke — eine Brücke.

Als ich in die Stadt zurückkomme, fliegt eine riesige Schar Vögel auf. Es sind die ersten Zugvögel, die südwärts fliegen. Goldingen gilt als Zugvogelstraße. Hinter den Fenstern der Häuser brennt schon Licht. Ein großes, weiß angestrichenes Gebäude sieht besonders freundlich aus. Die Fenster liegen so niedrig, daß man von der Straße bequem hineinschauen kann. Die Vorhänge sind nicht geschlossen. An einem großen, runden Tisch sitzt unter einer Lampe eine Schar blonder Jungen über ihre Schulbücher gebeugt. Hinten ist ein Speisetisch gedeckt. Eine Magd kommt und setzt ein paar Schüsseln auf den Tisch. Dann höre ich, wie eine Glocke zum Abendbrot läutet. Es ist ein deutsches Internat.

 

Baltische Herrenhäuser

Sie sind über das ganze Land verstreut. Sie sehen einander alle ähnlich; obgleich sie verschieden gebaut sind. Das gleiche schwere Schicksal hat sie einander gleich gemacht. Eingeschüchtert ducken sie sich zwischen uralten Bäumen. Sorgenvoll blasen die Schornsteine nur ein feines Rauchwölkchen in die Luft. Die meisten Räume liegen unbeheizt da, auch unbewohnt. An den Wänden träumen alte Möbel mit verschossenen Überzügen. Ein riesiger Barockschrank, der früher den stolzen Leinenschatz der Hausfrau barg, dient als Vorratskammer. Unter einem Lüster sind Tomaten zum Trocknen aufgehängt. In den Stuben riecht es ein wenig modrig. Krüge mit Eingemachtem stehen auf den Borten über der Treppe. In einer Ecke liegen auf dem Fußboden Äpfel ausgebreitet, da ein riesiger Kürbis. Auf der Verandastufe schläft ein sehr großer, alter Hund.

Oft sind es alte Damen mit feingeschnittenen klugen Gesichtern und stillen Bewegungen, die diese Häuser bewohnen. Sie sind dürftig gekleidet, aber sie bewirten ihre Gäste mit großzügiger Gastfreundschaft, mit stolzer Selbstverständlichkeit. Sie reden gern von vergangenen Zeiten, sie holen alte vergilbte Fotografien hervor, oder sie führen einen vor einen Schrank, in dem ein Restbestand von alten, schönen Büchern in allen Sprachen sorgfältig aufbewahrt wird. Manchmal zeigen sie auch ein schönes Ölbild ihrer Vorfahren. Sie reden ohne Bitterkeit, aber mit Tränen in den Augen, von alten Zeiten. Im Sommer nehmen sie Pensionäre auf. Über den alten Glanz ist Staub gefallen.

 

Abschied und Heimfahrt

Der Wind reißt die ersten Blätter von den Bäumen und wirbelt sie über den Boulevard. Im Hotel hat man die Zentralheizung angedreht. Es beginnt, kalt zu werden. Von der Litfaßsäule leuchten die Plakate. Kinos, Theater und Oper zeigen das neue Programm an. Das Deutsche Schauspiel eröffnet seine Spielzeit mit einer Aufführung von Romeo und Julia. Das Lettische National-Theater hat das volkstümliche Vaigelote auf den Spielplan gesetzt. In der National-Oper wird neben Aufführungen von Tosca und Martha die neueinstudierte Oper Banuta gegeben. Das Lettische Ballett (alte russische Schule), junger begabter Nachwuchs, tanzt heute zum ersten Male. Die Oper, an der Richard Wagner seinen Tannhäuser, Max von Schillings seine Mona Lisa dirigierte, in der die große Anna Pawlowna sich als „Sterbender Schwan" feiern ließ, ist hell angestrahlt. Auch das Dailes-Theater und die russische Bühne haben ihre Pforten geöffnet. Die Wintersaison hat begonnen. Nicht lange mehr, so kommen Frost und Kälte.

Bald werden die hurtigen, kleinen Schlitten aus den Remisen geholt. Und kommt man zu Besuch nach Engelhardtshof, so gibt es einen selbstgebrauten Schnaps zum Durchwärmen und Kümmelkuchen und Roggenbrot. Auf den Teichen und Seen aber knarrt und knackt das Eis.

Manchmal wird der große flache Bauernschlitten mit Heu bestreut, und es gibt drei Pferde im Vorspann. Die junge Frau lenkt selber die Troika. Wir aber liegen hinten im Schlitten warm eingehüllt und schauen zu den Sternen, die so hoch und klar in der kalten Winternacht flimmern, und sind uns alle darüber einig, daß wir niemals einander, und niemals diese Winternächte vergessen wollen. Eine Sternschnuppe kommt heruntergeschossen, und wir wünschen uns schnell etwas sehr Schönes. In Riga aber, in der Stadtwohnung, hockt derweilen der alte Rotbart vor dem Kamin und schiebt riesige Holzscheite in die Kachelöfen. Und der kleine Peter steht neben ihm und kann sich gar nicht satt sehen, denn er ist ganz verliebt in das alte verwitterte Gesicht mit dem langen roten Bart, über den das flackernde Feuer so merkwürdige Lichter wirft. Am Abend fragt er, ob er dem Rotbart nicht einmal einen Kuß geben dürfe. Das Kindermädchen Loni schlägt darüber vor Entsetzen die Hände zusammen. Draußen fallen die Schneeflocken immer dichter und immer dichter, und das Klingeln der Schlitten dringt bis hinauf in die Stube. Ist nicht Riga im Winter fast noch schöner als im Sommer? —

Ich schrecke auf aus meinen Träumereien. Der Hoteldiener kommt, und meldet, daß meine Rückfahrkarte besorgt ist. Es wird Zeit, die Koffer zu packen, meine Sommerfahrt ist zu Ende. Am Düna-Kai liegt schon das große helle Schiff, das Riga mit Stettin verbindet. Die Kabine ist bestellt, zu Hause wartet man auf mich.

Die Türme des alten Riga grüßen noch einmal. Dann sind auch sie in dem hellen Dunst verschwunden.

Dievs sveli Latviju!

 

Introduction © Bruno Martuzâns. 1995-2002